Das Rätsel Neymar: Fußball-Genie und Nervensäge

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Neymar
Fiel erneut mit seiner Theatralik auf: Brasiliens Superstar Neymar. (Foto: Andre Penner/AP / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Lars Reinefeld

Am Tag nach dem Viertelfinal-Einzug der Brasilianer blieb es ausnahmsweise ruhig um Neymar. Der Superstar stand nicht mal auf dem Trainingsplatz. Gemeinsam mit anderen Stammspielern absolvierte der 26-Jährige lediglich ein leichtes Regenerationsprogramm im Teamhotel.

„Stolz, Teil dieser Mannschaft zu sein“, schrieb er auf Instagram unter ein Foto im Kreis seiner Teamkollegen. Mehr gab es von Neymar zunächst nicht. Im Mittelpunkt hatte er dagegen mal wieder tags zuvor beim 2:0 im Achtelfinale gegen Mexiko gestanden. Der teuerste Spieler der Welt hatte dem Spiel seinen Stempel aufgedrückt. Doch erneut hatte er sich dabei nicht auf sein riesiges fußballerisches Vermögen beschränkt, sondern durch Schauspieleinlagen und Provokationen mal wieder die halbe Fußball-Welt gegen sich aufgebracht.

Warum macht er das? Wieso hat es ein Spieler, der zu den zwei, drei besten Fußballern auf diesem Planeten gehört, nötig, sich immer wieder voller Theatralik auf dem Rasen zu wälzen? Warum fällt er bei jeder noch so kleinen Berührung zu Boden und krümmt sich danach so lange, dass man befürchten muss, sein Karriereende sei nah? Neymar bleibt mit seiner Art ein Rätsel, auflösen mochte er es auch am Montag in Samara nicht. Wortlos schritt er durch die Katakomben zum Bus und verschwand in der russischen Nacht.

Auf der Pressekonferenz war er den Fragen, auch mit Hilfe von Coach Tite, noch ausgewichen, die sich überwiegend um diese eine Szene Mitte der zweiten Halbzeit drehten. Da war ihm der Mexikaner Miguel Layun unmittelbar vor der brasilianischen Bank leicht auf den Knöchel getreten, obwohl die Partie unterbrochen war. Eine unnötige Aktion, die auch die Rote Karte hätte nach sich ziehen können. Doch da Neymar sich trotz der nur geringen Berührung krümmte und drehte und wälzte, als gebe es kein morgen mehr, verzichtete Schiedsrichter Gianluca Rocchi auf einen Platzverweis.

„Es hat schon sehr weh getan“, sagte der Stürmerstar von Paris Saint-Germain. „Das war nicht ehrlich.“ Mehr wollte er dazu und zu weiteren Szenen, in denen er ebenfalls Oscar-reife Schauspieleinlagen gezeigt hatte, nicht sagen. Dafür redeten andere.

Allen voran Mexikos Trainer Juan Carlos Osorio. Ungefragt attackierte der Kolumbianer Neymar auf das Schärfste. „Es ist eine Schande für den Fußball“, sagte Osorio, ohne Neymar direkt beim Namen zu nennen. „Das ist ein schlechtes Beispiel für die ganze Welt und all die Kinder vor dem Fernseher“, klagte der mexikanische Coach. Und Übeltäter Layun meinte: „Er kümmert sich die ganze Zeit darum, auf dem Boden zu liegen. Wenn er liegen will, soll er nach Hause gehen und sich auf sein Bett legen.“

Neymar, Neymar, Neymar - der 222-Millionen-Euro-Mann von PSG, um den es auch jetzt wieder Wechselgerüchte zu Real Madrid gibt, dominiert jegliche Debatten über die Seleção. „Ich hatte schon Sorge, er stirbt“, sagte Dänemarks Ex-Nationaltorwart Peter Schmeichel als Experte der BBC. Seine Qualitäten stünden außer Frage, sagte Englands Ex-Torjäger Alan Shearer. „Aber es nervt, dass er jedes Mal über den Rasen rollt, als sei er schwer misshandelt worden. Warum in aller Welt macht er das?“

Eine Frage, die nur Neymar beantworten könnte. Doch der 26-Jährige, der natürlich von seinen Gegenspielern öfter hart angegangen wird, scheut die großen Ausführungen in der Öffentlichkeit. Er liebt das Drama. Vor vier Jahren bei der Heim-WM in Brasilien stand tagelang ein ganzes Land still, nachdem sich Neymar gegen Kolumbien einen Wirbelbruch zugezogen hatte. Neymar und der Verband inszenierten ein unglaubliches Schauspiel. Vor dieser WM fiel der Angreifer wieder wegen eine Verletzung monatelang aus, erneut hielt die gesamte Fußball-Nation den Atem an. Wird Neymar rechtzeitig fit? Erreicht er wieder seine Topform?

Und eigentlich müsste genau das jetzt im Mittelpunkt des Interesses stehen. Denn Neymar hat es zur WM geschafft, er nähert sich immer mehr seiner Bestform, wie sein Treffer und seine Vorlage zum Tor vom Roberto Firmino gegen Mexiko zeigten. Auch dank Neymars Steigerung von Spiel zu Spiel sind die Brasilianer inzwischen wieder Topfavorit auf den Titel. Der sechste WM-Sieg, der Hexampeonato, rückt immer näher. Dank Neymar steht Brasilien im Viertelfinale gegen Belgien. Doch die Wahrheit ist auch: Dank Neymar redet niemand darüber.

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