Das letzte Ziel des HSV: Ein bisschen Würde

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Franck Ribéry tänzelt sich vor dem 5:0 durch Josha Vagnoman (von li.), Gideon Jung und Kyriakos Papadopoulos durch und betreibt
Franck Ribéry tänzelt sich vor dem 5:0 durch Josha Vagnoman (von li.), Gideon Jung und Kyriakos Papadopoulos durch und betreibt noch einmal Eigenwerbung. (Foto: IMAGO)
Schwäbische Zeitung
Ressortleiter Sport

Bernd Hollerbach traf durchaus einen Punkt, als er mit reichlich schwarzem Humor anmerkte, der FC Bayern habe „uns auch nicht unterschätzt heute“. Nach etwas mehr als 18 Spielminuten hatte man ja durchaus befürchten müssen, dass es diesmal wirklich zweistellig ausgehen könnte für den HSV. Allerdings kam man den nicht aus Hamburg stammenden Protagonisten dieses maximal einseitigen Bundesligaspiels nicht vorwerfen, dass sie sich keine Mühe gegeben hätten, die Blamage für den Hamburger SV etwas erträglicher zu gestalten.

So waren die Münchner, die tatsächlich schon nächsten Sonntag in Leipzig die Meisterschaft klarmachen können, zwar nach etwas mehr als 18 Minuten durch Tore von Franck Ribéry (8.), und zweimal Robert Lewandowski (12., 19.) bereits 3:0 vorne gelegen. Danach hatten sie aber die Zügel schleifen lassen. Hier noch einmal ein Pässchen zurück, da noch einmal ein kleiner Trick; eine Ballmitnahme hier, ein kurzer Sprint dort. Das sah alles gefällig und wunderbar locker-leicht aus, war aber eben auch brotlos. Man habe zeitweise „Larifari“ gespielt, analysierte Verteidiger Mats Hummels.

Dass es am Ende doch 0:6 stand aus Sicht des HSV, der nun 50 Gegentore aus den letzten neun Spielen in München kassiert hat? Dass auch Arjen Robben noch ein wenig Eigenwerbung in Sachen Vertragsverlängerung (51.) machte? Dass Franck Ribéry ein eigentlich unmögliches Dribbling zum 5:0 (81.) abschloss, indem er scheinbar superheldenhaft mitten durch Josha Vagnoman, Gideon Jung, Kyriakos Papadopoulos und dann auch noch an Vasilije Janjicic hindurchlief, sie aber in Wahrheit unwiderstehlich aussteigen und ins Leere laufen ließ, und das Duell der Werbetreibenden in eigener Sache so haushoch gewann? Dass schließlich Robert Lewandowski zweimal per Elfmeter (86., 90.) versuchen durfte, sein drittes Tor zu machen? Dies hatten sich die Hamburger durch teils lächerliche Verteidigungsversuche und unmotivierte Rempler im Strafraum durchaus selbst zuzuschreiben. Zumal Schiedsrichter Christian Dingert sowohl zur Halbzeit, als auch am Ende mindestens überpünktlich abpfiff – womöglich gar ein wenig aus Mitleid?

Kreuze am Trainingsgelände

„Unmännlich“ habe man gespielt, stellte Hamburgs Kapitän Gotoku Sakai fest, der mit einer missglückten Grätsche in Ribérys Laufweg das 1:0 erst möglich gemacht hatte. „Das ist nicht die Art Fußball, wie ich sie mir vorstelle“, bemängelte Trainer Hollerbach, auch nach sieben Versuchen noch immer sieglos. Und weiter: „Ich kann verlieren, aber ich muss dann ein bisschen unangenehm sein. Es kann ja nicht sein, dass man hier immer so ’ne Klatsche kriegt.“

Acht Spiele bleiben den Spielern noch, um sich zumindest einigermaßen erhobenen Hauptes von der Bundesliga zu verabschieden. Obwohl rechnerisch noch mehr möglich ist, geht es auch für Hollerbach wohl nur noch darum, den ersten Abstieg in die Zweite Liga irgendwie anständig zu moderieren. Wenn er denn darf. Nach den Entlassungen von Vorstandschef Heribert Bruchhagen und Sportchef Jens Todt zwei Tage vor dem Spiel beim Meister und der neuerlichen Blamage beim Angstgegner, kann sich keiner mehr seines Jobs sicher sein. „Ich denke schon, dass die Herren auf mich zukommen werden“, sagte Hollerbach. Er werde „bis zum Ende alles reinhauen – wenn man das möchte“.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Hollerbach beim nächsten Bundesliga-Gastspiel des HSV beim FC Bayern – frühstens also übernächste Saison – wieder als Hamburger Trainer dabei sein wird, dürfte nicht wesentlich niedriger sein als bei den aktuellen Spielern. Die von zu vielen Vorständen, Sportchefs, Trainern zusammengestellte, viel zu teure Spieleransammlung hat keine Zukunft an der Elbe. Die meisten Spieler werden im Sommer einen Umzug und Gehaltseinbußen hinnehmen müssen – und immer als diejenigen in Erinnerung bleiben, die den Bundesliga-Dino HSV runtergebracht haben.

Schlimm genug. Noch weit schlimmer aber ist das, was sich in der Nacht einige Unverbesserliche in Hamburg leisteten. Unbekannte stellten am Zaun des Trainingsgeländes elf Kreuze auf. Dazu auf einem Transparent: „Eure Zeit ist abgelaufen! Wir kriegen euch alle!“ Die Polizei nahm Ermittlungen auf.

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