Christina Schwanitz: „Ich bin nicht nur Mama, auch ein Athlet“

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Nur gucken, (noch) nicht anfassen: Christina Schwanitz und Ewald Walker, Assistent Kommunikation der Leichtathletik-EM in Berlin
Nur gucken, (noch) nicht anfassen: Christina Schwanitz und Ewald Walker, Assistent Kommunikation der Leichtathletik-EM in Berlin, präsentieren in Biberach schon einmal ein Exemplar der EM-Goldmedaille. (Foto: Gaber)

Es ist zuletzt etwas ruhig geworden um Christina Schwanitz (32), die „Sportlerin des Jahres“ von 2015. Klar, vor exakt einem Jahr hat die Kugelstoßerin Zwillinge bekommen. Ein halbes Jahr später wagte sie ihr Comeback, Ende Mai stieß sie 19,50 Meter (Bestleistung vom WM-Sieg 2015: 20,77 Meter) und ist damit vier Wochen vor der Leichtathletik-EM in Berlin wieder die Nr. 1 in Europa. Jürgen Schattmann hat mit ihr vor dem traditionsreichen Meeting der Kugelstoßer auf dem Biberacher Marktplatz gesprochen. Abends siegte Christina Schwanitz dann wieder – mit diesmal 19,78 Metern.

Frau Schwanitz, willkommen zurück in Biberach als Mama. Wo flog die Kugel denn hin bei Ihrem ersten Stoß Mitte Januar?

Fast auf meine Füße, gut, dass ich Sportschuhe anhatte, Arbeitsschutzschuhe wären noch besser gewesen. Das waren 15, 16 Meter, mehr nicht. Aber mit Ehrgeiz, Kontinuität, gutem Training, Fleiß und auch Erfahrung kann man viel erreichen. Die 19,50 hatte ich mir schon erhofft.

Kein Kinderspiel, mal kurz zwei Babys auf die Welt zu bringen und gleich wieder Weltklasse sein im Sport, oder?

Nein, ist es nicht. Man braucht ein Umfeld, das mitspielt und harmoniert. So wie der Arbeitgeber meines Mannes, der ihn Homeoffice machen lässt, oder unsere Kita, die uns von den Zeiten entgegenkommt, oder wie unsere Freunde, die auch mal extra anreisen, um auf die Kleinen aufzupassen. Auch von Bundeswehr und Sporthilfe profitiere ich sehr. Wichtig ist, dass das Private gut geordnet und organisiert ist. Hätte ich das Gefühl, die Kleinen leiden unter mir, würde ich sofort mit dem Stoßen aufhören. Ich will keine Mutter sein, die Spaß und Erfolg hat auf Kosten meiner Familie. Ich möchte, dass meine Kinder glückliche, verantwortungsbewusste Menschen werden. Manchmal tut es natürlich sehr weh. Wenn man zwei Wochen im Trainingslager ist, via Skype telefoniert und spürt, wie die Kleinen einen vermissen. Oder wenn du die ersten Schritte verpasst, wie es mir beim Kleinen passiert ist. Aber so geht es vielen Menschen, das ist eben so.

Man hört, Sie hätten bereits zwei Monate nach der Geburt wieder Ihr ideales Wettkampfgewicht erreicht.

Ja. 23 Kilo waren drauf, 23 Kilo wieder weg. Und ich bin stolz darauf, so wie auch jede andere Frau stolz auf ihren Körper sein kann, die das Glück hatte, einen Menschen unter ihrem Herzen getragen und ihm das Leben geschenkt zu haben. Es ist leicht, als Frau eine tolle Figur zu haben, den Tipps in den Model-Zeitungen für die Idealmaße zu folgen, wenn man noch kein Kind hatte, nie das Bindegewebe schlapp machte, nie 20 Kilo dazukamen. Man muss nicht perfekt sein, man darf ruhig sehen, dass man Mama ist, aber ich habe so lange an meinem Körper geformt, geschrubbt, gezogen und gebogen, dass man wieder sehen kann: Ich bin nicht nur Mama, auch ein Athlet. Ich hab’ halt die schlimmen Dinge weggelassen, Chips mit Honigglasur oder so, das gab’s nicht, denn meine Familie neigt dazu, alles Essen in Hüftgold umzuwandeln.

2015 sagten Sie, nachdem Sie sich bei der WM in Peking Gold mit sieben Zentimetern Vorsprung gesichert hatten, bei der Sportlerehrung einen sehr amüsanten Satz: Sie seien die erste Frau, die sich über sieben Zentimeter freue. Danach tranken Sie auf der Bühne ein Bier aus der Flasche.

So bin ich. Und ich bin froh, dass das ZDF damals mitmachte. Ich bin keine Prosecco-Frau, ich trinke lieber Bier, ich möchte authentisch sein. Da, wo ich es nicht sein kann, will ich auch nicht sein. Ich will anders sein dürfen. Ich bin auch eine Athletin, die Publikum braucht, umso schöner sind solche Meetings wie in Biberach, wo nur wir Stoßer im Mittelpunkt stehen und die Veranstalter alles tun, um uns glücklich zu machen.

Würden Sie jungen Mädchen raten, Kugelstoßerin zu werden?

Ganz ehrlich? Nein. Die Spitzensportreform ist für den Nachwuchs schädlich. Wenn man Sportarten nur noch auf wenige Zentren im Land konzentriert und stundenlang unterwegs ist, um an die Stützpunkte zu kommen, wie soll das funktionieren? Wenn man mir mit 16 gesagt hätte, „jetzt fahr du mal 90 Minuten nach Chemnitz zum Training und dann wieder zurück“, hätte ich gesagt: „Nein danke, das sollen andere machen, diese Zeit investiere ich lieber in meine Ausbildung und in einen normalen Beruf.“ Das sollte sich schleunigst ändern, sonst werden wir die Talente verlieren.

Was treibt Sie noch an? Die Emotionen, der Hattrick, Ihr dritter EM-Titel in Folge?

Ich spüre einfach die Leidenschaft, Kugelstoßen macht mir Spaß, und natürlich ist die EM in Berlin ein Höhepunkt. Titelkämpfe im eigenen Land sind sehr speziell, ich darf das nun schon zum zweiten Mal genießen. Klar wünsche ich mir eine Medaille, und wenn es die goldene wird, umso schöner. Und dann fehlt mir ja auch noch eine andere. Eine bei Olympia. Sollte ich das 2020 in Tokio schaffen, wäre das natürlich ein Traum. Aber wichtig ist mir, dass es allen mit meinem Sport gut geht, ich abends im Bett liege und wir glücklich sind.

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