Blamage gegen Nordmazedonien: Löw-Zweifel für EM-Countdown

Deutsche Presse-Agentur
Arne Richter und Klaus Bergmann und Wolfgang Müller

Joachim Löw verschwand so schnell wie möglich im Spielertunnel, Ersatzkapitän Ilkay Gündogan zog ein schonungsloses Fazit. „Viele Worte fallen mir gerade nicht ein. So eine Niederlage darf nicht passieren“, sagte Gündogan bei RTL.

Mit seinem letzten Neun-Punkte-Auftrag für die Katar-WM scheiterte der scheidende Bundestrainer Löw krachend am Außenseiter Nordmazedonien und geht nach der nächsten historischen Niederlage mit einer schweren Hypothek in die heiße Vorbereitung für seinen letzten Titelanlauf im Sommer. „Die Enttäuschung ist riesengroß“, konstatierte Löw.

Mit seinem letzten Neun-Punkte-Auftrag für die Katar-WM scheiterte der scheidende Bundestrainer am Mittwochabend in Duisburg krachend am Weltranglisten-65. und geht nach der nächsten historischen Niederlage mit einer schweren Hypothek in die heiße Vorbereitung für seinen letzten Titelanlauf im Sommer. „Wir haben im Spiel nach vorne viele Bälle verloren, die Defensive war insgesamt nicht stabil“, sagte Löw.

Routinier Goran Pandev mit seinem Tor in der zweiten Minute der Nachspielzeit der ersten Halbzeit und Eljif Elmas (85.) machten die unliebsame Überraschung und den sensationellen Sieg des Außenseiters in Duisburg perfekt. „Meine Spieler sind Helden“, sagte Trainer Igor Angelovski und jubilierte: „Ich widme den Sieg meinen Kindern.“

Der zwischenzeitliche Ausgleich durch Gündogans Foulelfmeter (63.) war wertlos. Zehn Minuten vor Schluss vergab der eingewechselte Timo Werner freistehend wenige Meter vor dem Tor die Riesenchance zum 2:1. „Den muss er normalerweise machen, keine Frage“, sagte auch Löw.

Statt mit dem wohligen Gefühl von drei Quali-Siegen Richtung EM zu gehen, ist Löw wie nach dem 0:6 in Spanien schon wieder in Erklärungsnot. In 76 Tagen geht es beim ersten EM-Ernstfall in München nicht gegen einen Außenseiter vom Balkan, sondern gegen Weltmeister Frankreich. Die Rufe nach einem Comeback von Thomas Müller und Mats Hummels werden ganz sicher noch lauter werden.

Für seinen noch nicht benannten Nachfolger hinterließ Löw zudem ein nicht für möglich gehaltenes WM-Szenario. Statt mit neun Punkten die Gruppe J anzuführen, startet Deutschland im September mit einem neuen Bundestrainer als Tabellendritter hinter Armenien und Nordmazedonien in einen heißen Quali-Herbst. Nur der Gruppensieger ist sicher im Advent 2022 bei der Endrunde in Katar dabei. Für Löw war es im 33. und letzten WM-Qualifikationsspiel die erste Niederlage. Die letzte Pleite gab es noch unter Teamchef Rudi Völler 2001 beim 1:5 gegen England. „Kompliment an Nordmazedonien, sie haben es uns sehr schwer gemacht“, sagte Bayern-Profi Serge Gnabry.

Bei fast schon frühsommerlichen Temperaturen hatte Löw auf personelle Kontinuität, aber taktische Variabilität gesetzt. „Ich erwarte, dass wir von Anfang an Tempo spielen“, sagte der 61-Jährige kurz vor dem Anpfiff und verriet, dass der neu in die Startelf gerückte Robin Gosens auf der linken Abwehrseite „weiter vorne“ spielen sollte.

Was der Italien-Profi von Atalanta Bergamo dann auch tat. Mit den beiden Innenverteidigern Emre Can und Antonio Rüdiger und Matthias Ginter auf der rechten Seite formierte Löw eine Viererkette mit extrem hoch stehenden Außenverteidigern. Offensiv- und tempofreudig startete die DFB-Elf in die Partie und hätte nach nicht einmal zehn Minuten in Führung gehen können. Kai Havertz spielte fein auf Leon Goretzka, dessen Schuss aber an der Latte landete (9.). Für die überlegenen Gastgeber entwickelte sich ein extremes Geduldsspiel.

Anfangs fehlte den Flanken von Gosens und Ginter noch die Präzision, um Unruhe in die gut organisierte Hintermannschaft der Nordmazedonier zu bringen. Drei Chancen verbuchten die Deutschen in der ersten Halbzeit auf der Habenseite, nachdem Serge Gnabry zunächst an Gäste-Torwart Stole Dimitrievski (27.) scheiterte und wenig später aus guter Position über das Tor schoss (31.). Wie schon beim 1:0 in Rumänien fehlten Effizienz und Zielstrebigkeit im Abschluss - was diesmal jedoch kurz vor der Halbzeit rigoros bestraft wurde.

In der Nachspielzeit, die vor allem durch eine doch leicht theatralisch anmutende Behandlungspause von Arijan Ademi bedingt war, tauchte der 37 Jahre alte Routinier Pandev plötzlich frei vor Marc-André ter Stegen auf und traf nach Hereingabe von Enis Bardhi zum überraschenden 0:1. Ter Stegen durfte für Stammkeeper Manuel Neuer zwischen die Pfosten und bestritt sein 25. Länderspiel. „Er ist ein klasse Torhüter, der schon lange auf einem hohen Niveau spielt“, sagte Löw und bekundete, dass Neuer eine „Pause auch sicher gut tut“.

Der Kapitän stand nicht im Kader, betrat aber dennoch vor dem Anpfiff mit allen Ersatzspielern den Rasen zu einer weiteren Aktion, mit der die Einhaltung der Menschenrechte angemahnt wurde. Das Team entrollte ein mit den Worten „Wir für 30“ besprühtes Transparent - und wies damit wie vor der Partie in Rumänien auf die 30 Artikel in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen hin.

Nach der Pause bot sich zunächst ein ähnliches Bild. Die Deutschen setzten Akzente, kamen aber nicht zu Chancen. In seinem letzten EM-Qualifikationsspiel als Bundestrainer reagierte Löw, der nach Informationen der Zeitung „AS“ beim spanischen Meister Real Madrid auf der Wunschliste ganz oben stehen soll, und brachte in der 56. Minute Werner (für Havertz) und Amin Younes (für Gosens).

Bis zum Ausgleich durch Gündogan fehlte den Aktionen die Zielstrebigkeit. Ergaben sich im ersten Durchgang noch manche Flipperfußball-Situationen im Strafraum, kam die Löw-Elf nun selten in die gefährliche Zone. Als es gelang nach einem Pass von Goretzka auf Leroy Sané, wurde der Münchner im Sechzehnmeterraum von Ezgjan Alioski gefoult. Gündogan verwandelte den Strafstoß sicher zum 1:1. Doch das Signal zur Wende blieb aus - im Gegenteil. Elmas wurde allein gelassen und überwand ter Stegen zum Siegtreffer der Gäste.

© dpa-infocom, dpa:210331-99-48119/5

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