Belohnung nach 15 Jahren: Die TTF Ochsenhausen sind Tischtennis-Pokalsieger

Lesedauer: 9 Min
 Der eine begießt den anderen: Pokalsieger Ochsenhausen (re. Trainer Dmitrij Mazunov) erlebte einen feuchtfröhlichen Samstag in
Der eine begießt den anderen: Pokalsieger Ochsenhausen (re. Trainer Dmitrij Mazunov) erlebte einen feuchtfröhlichen Samstag in Neu-Ulm. (Foto: imago)

Es war Samstagnacht, 23 Uhr, als der Franzose Simon Gauzy plötzlich all seine Deutsch-Kenntnisse auspackte, perfekt buchstabieren kann der 24-Jährige aus Toulouse inzwischen. „Gebt mir ein H, gebt mir ein U, gebt mir ein M“, rief Gauzy, in der Hand hatte er ein historisches Gefäß, und die Fans und Freunde der TTF Liebherr Ochsenhausen folgten mehr als bereitwillig. Aus H, U, M, wurde Humba-Humba-Tätärää, und los ging sie, die Polonaise durch den „Mohren“ von Gastronom und Vizepräsident Ludwig Zwerger, der den Tischtennisspielern des Clubs vor Jahren eine Lounge namens „Topspin“ in den Seitenflügel gebaut hat. Bälle mit Überschnitt allerdings gab es da Samstagnacht nicht mehr allzuviele zu sehen, dafür den Versuch, dieses kuriose Gefäß, das man in einem Antiquitätenladen vermutlich eher ignorieren würde, mit allerlei Köstlichkeiten zu füllen. Egal: Der deutsche Pokal glänzte und tropfte, nach 15 Jahren ist er wieder in der Rottumstadt gelandet.

Nach einem 3:1 im Finale über Werder Bremen und einem 3:0 im Halbfinale über Grenzau haben die TTF ihren Fluch von zehn Finalniederlagen in Folge endlich besiegt – und bekamen das Lob des Gegners. „Die tolle Arbeit, die sie seit Jahren leisten, hat sich für sie nun ausgezahlt“, sagte Werder-Trainer Cristian Tamas. 4020 Zuschauer in der Neu-Ulmer Ratiopharm-Arena – Pokalrekord – waren Zeuge zweier fokussierter Auftritte, die TTF-Asse Hugo Calderano (drei Einzelsiege) und Simon Gauzy (zwei) revanchierten sich eindrucksvoll für die Niederlage im Meisterfinale gegen Düsseldorf im Juni.

Und doch: Auch letztlich klare Siege kann man im Tischtennis oft an ein, zwei Bällen festmachen, die über Wohl und Wehe entscheiden. Gauzy hatte so einen beim Stand von 1:1 im Finale. 1:4 lag er gegen Gustavo Tsuboi im fünften Satz zurück, wütend war er über den Brasilianer, den er aus der TTF-Trainingsgruppe bestens kennt. „Ich hab ihn noch nie so gut spielen gesehen wie heute.“ Tsuboi aber dominierte auch den sechsten Ballwechsel des Durchgangs, und am Ende der langen Rallye blieb Gauzy nichts anderes übrig, als aus einer Notlage eine beidhändige, hohe Rückhand zu spielen. Und Tsuboi? Der verschlug den Ball, wirkte plötzlich verunsichert, und Gauzy biss zu – mit guten Aufschlägen und krachender Rückhand. Nicht einen Punkt gönnte er dem Rivalen mehr, zehn in Folge machte Gauzy, und als er gewonnen hatte, ging er auf die Knie und machte die Sägefaust. „Er hatte zwei zähe Partien, eber er hat sie durch Kampfgeist und Wille gewonnen. Er hat seine Eier auf den Tisch gelegt. Nach dem 2:4 fiel seine Hemmung ab, und er war wie in Trance“, sagte Trainer Dmitrij Mazunov.

Für den Russen, der beim Double 2004 noch Spieler war und nun an sechs der neun TTF-Titel mitwirkte, war es ein denkwürdiger Abend. Seit sechs Monaten erst ist er Chefcoach, und das erste, was Mazunov nach dem Triumph tat, war, seinem titellos gebliebenen Vorgänger, Ex-Chef und heutigen Sportdirektor zu danken: „Ohne Dubravko Skoric wäre das nicht möglich gewesen.“ Mazunov gehört seit 26 Jahren zur TTF-Familie, die Ochsenhausener sind mehr als ein Club für ihn, das spürte man. „Spieler und Trainer kommen und gehen“, sagte er. „Aber dieser Verein wird immer weiterleben, er ist größer als alle Einzelnen. Darum ist der Titel so wichtig – er wird bleiben.“

Auch für Gauzy, der vor sechs Jahren aus Paris kam und sich als erster LMC-Akademie-Absolvent zum Top-Ten-Spieler entwickelte, war die Woche „unglaublich“ gewesen – er hatte nicht nur „den Titel geholt, nachdem wir uns so viele Jahre gesehnt hatten“. Er ist auch für das erste Baby des Vereins verantwortlich – seit fünf Jahren ist Gauzy mit TTF-Personalreferentin Jessica Ko zusammen, zwei Tage zuvor hatte Söhnchen Timéo das Licht der Welt erblickt. „Ich kann noch kaum begreifen, was passiert ist. Ich war die letzten zwei Tage in der Klinik, im Training, in der Klinik. Jetzt bin ich einfach nur überglücklich – und froh, dass die zwei Tage vorbei sind“, sagte er. Bereits im Sommer, als der voraussichtliche Geburtstermin feststand, hatte Gauzy vor einer möglichen Kollision mit dem Pokal gewarnt, Mazunov sagte, er hätte im Ernstfall auf ihn verzichtet: „So ein Kind ist ein Wunder, eine Geburt, da muss man dabei sein. Den Pokal kann er noch zehnmal holen.“

Bereits damals bauten die TTF mit der Verpflichtung des südkoreanischen Weltklassespielers Jang Woojin vor. Bis dato hatte der Club seinen „Backup“ noch nicht gebraucht, aber am 31. Dezember schwebte der 23-Jährige ein – und stand am Samstag als Überraschungsgast am Tisch. Zwar verlor Jang im Finale gegen Bremens Routinier Bastian Steger (37), „aber wenn es am Ende zu Doppeln gekommen wäre, wären er und Stefan Fegerl nicht zu schlagen gewesen“, sagte Mazunov. Zwei Wochen und zwei Bundesligaspiele kann die Nr. 11 der Welt den TTF noch helfen – fürs Erste.

TTF-Präsident Kristijan Pejinovic, der eine Art Ziehvater Jangs war, als der Schüler-Weltmeister mit 15 ein Jahr am LMC verbrachte, hatte also seinen Joker gezogen. Auch für den 38-Jährigen war es der erste Titel – und der erste, der allein mit Talenten aus seinem Projekt LMC realisiert wurde. „Wir haben eine lange Durststrecke hinter uns, aber wir haben vorgesorgt, dass wir nie wieder so lange warten müssen“, sagte Pejinovic und gab Feuer frei: „Die Jungs haben sich durchgebissen, jetzt können sie im Mohren die Sau rauslassen.“

Taten sie dann auch, und Gastgeber Zwerger kündigte an, „dass das nicht die letzte Party bleiben wird – wir wollen das Double“. Dass die TTF nicht größenwahnsinnig werden, dafür dürfte der 30-jährige Fegerl sorgen. Der Wiener und Ex-Düsseldorfer, der nicht spielte, aber von den letzten 25 Finals nur eins verloren hat, wie er vergnügt festellte, gab einen hochmotivierten Assistenzcoach ab und redete fast mehr als Mazunov: „Wichtig ist, den einen Satz zu finden, der Dir als Spieler in der Pause vielleicht helfen kann“, sagte Fegerl, und laut Mazunov glückte ihm das: „Der Stefan ist ein Riesentyp. Ein richtig lässiger, witziger Österreicher. Er macht einen Spruch, schon sind die Jungs locker.“ Auch das kann Wunder wirken.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen