Aufgeben? Für Arthur Abele keine Option

Lesedauer: 6 Min
Arthur Abele nach seinem Zehnkampf-Triumph in Berlin.
Arthur Abele nach seinem Zehnkampf-Triumph in Berlin. (Foto: FOto: imago)

Es war ein leicht bizarres Bild. Links stand Robert Harting, 33, der Diskuswerfer, König der Leichtathletik in Deutschland in der letzten Dekade, der alles gewonnen hat in seinem Leben, am Ende seiner Karriere aber leer ausging. Rechts stand Arthur Abele, der 32-jährige Ulmer, der fast nichts gewonnen hat in seinem Leben, und nun, in Hartings Heimat, gegen Ende der Karriere zum König aller Athleten aufgestiegen war. Zehnkampf-Europameister darf sich Abele nun plötzlich nennen, ältester der Geschichte sogar. Und dass Maskottchen Berlino ihm nach dem Wettkampf seines Lebens eine Pappkrone mit dem Spruch „King of 2018“ drauf aufgesetzt hatte, die eher an die Schildchen von Burger King erinnerte, passte ins surreale Bild.

Am Ende des gemeinsamen Interviews umarmten sich Harting, der Finalsechste, und Abele, der neue König, und man spürte an diesem späten Mittwochabend, beide hatten tiefen Respekt und Ehrfurcht vor der jahrelangen Arbeit des anderen.

Richtig dicke Krankenakte

Seit 21 Jahren sei er Zehnkämpfer, sagte Abele später, und fraglos sei dieses Gold eine Genugtuung für ihn, eine späte Belohnung für seinen Leidens- und Passionsweg. „Eigentlich wäre ich vor zehn Jahren schon dran gewesen“, bereits als 21-Jähriger hatte er 2007 beim renommierten Zehnkampfmeeting in Ratingen 8269 Punkte vorgelegt. Mehr, als der U20-Weltmeister Niklas Kaul (8220) nun in Berlin als Vierter schaffte. Auch Abele war ein Riesentalent, nur: Es folgte eine fünf Jahre währende Verletzungsmisere, in der er keinen einzigen Zehnkampf bestritt.

Seine Kranken- und Verletztenakte ist so dick, dass sie für 20 Karrieren reichen könnte: ein Unterschenkelbruch, ein Leistenbruch, ein Nabelbruch, ein Ellenbogensehnenriss, diverse Muskelbündel- und -faserrisse, ein Bandscheibenvorfall, Nabel- und Leistenbruch, insgesamt acht gebrochene Finger, dazu eine gerissense Achillessehne. Dazu eine fast schon chronische Schambeinentzündung.

Auch in dieser Saison hatte Abele wieder arge Nöte, nach einer Mandelentzündung im Dezember war plötzlich seine linke Gesichtshälfte gelähmt. Jay Travis, sein „kleiner Mann“, wie Abele ihn nennt, hatte den Papa mit einem Infekt angesteckt – „er bringt alle zwei Wochen was Schönes aus der Kita mit“, sagte Abele nun am Donnerstag. Damals, im Dezember, war die Lage durchaus ernst. Bakterien waren bis in den Rachen gewandert, in jenen Bereich, der für Mimik und Gestik zuständig ist.

„Ich dachte, dass ich einen Schlaganfall habe“, sagte Abele. Also wurde ihm im Bundeswehrkrankenhaus von Ulm zunächst Hirnmasse abgezogen, dann musste sich Abele einer Kortisonkur unterziehen. „Es hieß, dass es ewig dauern kann, entweder ein halbes Jahr – oder nie mehr.“ Abele nahm sechs Kilo zu, doch als er wieder trainierte, reagierte die Achillessehne auf die zusätzliche Last. Erst ab April ging es wieder aufwärts – dann allerdings rasend schnell für den Mann, der Resilienz, also Widerstandsfähigkeit, verkörpert wie kein anderer.

Mit elf stürzte er vom Heuboden

„Das ist die Message: Niemals aufzugeben, wenn man einen Traum hat“, sagte Abele, der das von klein auf gelernt hat. Als er elf Jahre war, stürzte Abele, damals Turner, vom Heuboden. Fünf Meter in die Tiefe. „Ich hatte einen Halswirbelbruch, fast wäre ich gelähmt gewesen“, erzählte Abele einmal. Der kleine Turner aber gab nicht auf, er wurde Läufer und Werfer. Und nun: ist der Athlet mit dem breiten Kreuz der König von Berlin.

Ein anderes Erfolgsgeheimis Abeles lautet: Teamgeist. Abele schwärmte am Donnerstagmorgen von seinem Ulmer Team und dem EM-Mitstreiter Mathias Brugger, der ihn angespornt und zum zweitschnellsten 400-Meter-Lauf seines Lebens gezogen hatte, obwohl der selbst aufgrund dreier Fehlversuche im Weitsprung längst chancenlos war. „Ein kleines Stück der Medaille gehört auch ihm. Ich hab grad ne Runde geheult mit ihm. Und seine Zeit kommt noch.“

Seinem Trainer Christopher Hallmann, 37, Ex-Zehnkämpfer, gehört wohl ebenfalls ein Goldstückchen: „Er weiß alles, kann alles, er ist offen für die neuesten Methoden und Techniken. Er weiß, wie man den Oberkörper trainiert, wenn man unten Probleme hat und umgekehrt. Er geht extrem individuell auf uns alle ein.“ Und darf jetzt den Europameister trainieren – der in jedem Fall bis zur WM 2019 in Doha und Olympia 2020 in Tokio weitermachen wird. Selbst wenn er verletzt ist, darf man bei Arthur Abele wohl sagen. Gerade dann. „Ich bin immer stärker zurückgekommen.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen