Anni Friesingers Titel-Freuden getrübt

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Deutsche Presse-Agentur

Anni Friesinger gab gerade ein Interview zu ihrem zweiten Platz, Kristina Groves ließ sich von ihren Landsleuten feiern. Plötzlich gab der Stadionsprecher die Disqualifikation der kanadischen Siegerin bekannt, und mit einem Schlag änderte sich die Szenerie.

Anni Friesinger schossen vor den laufenden Kameras der ARD Tränen in die Augen, Kristina Groves sackte auf der Treppe zusammen und saß für Sekunden da wie ein Häufchen Elend. Das Weltmeisterschafts-Rennen von Richmond über 1500 Meter wird als Novum in die Geschichte des Eisschnelllaufs eingehen: Noch nie zuvor war eine Siegerin disqualifiziert worden.

„Das war heute komisch, ja irgendwie blöd. Gerade hatte ich mich nach meinem schlechten Lauf gefreut, noch Zweite geworden zu sein, und nun plötzlich der Titel. So richtig kann ich gar nicht jubeln“, beschrieb Anni Friesinger das Wechselbad der Gefühle. Die Kampfrichter bescherten ihr den wohl ungewöhnlichsten ihrer 16 Titel und den deutschen Eisschnellläuferinnen das 75. Gold in der WM-Historie. Friesinger: „Es war der Wahnsinn.“    

Groves, die in 1:57,75 Minuten klar die schnellste Zeit erzielt hatte, war gleich zum Anfang ein geringfügiges Übertreten der Bahnmarkierung zum Verhängnis geworden. „So etwas habe ich noch nicht erlebt. Die neue Regel ist viel zu streng, sie muss wieder weg“, forderte Friesingers Trainer Gianni Romme, nachdem seinem Schützling 1:58,66 Minuten zum nachträglichen Sieg gereicht hatten. „So Weltmeister zu werden und zu wissen, dass eine besser war, ist ein verrücktes Gefühl. So etwas will man nicht noch einmal erleben“, fügte der Niederländer hinzu. Anni Friesinger wies darauf hin, dass ausgerechnet die Kanadier in der Teamführer-Sitzung als einzige gegen eine Modifikation des Regelwerkes gestimmt hatten.

Mit dem nunmehr vollen Dutzend an Strecken-Siegen baute Friesinger ihre Führung in der Bestenliste der Einzelstrecken-WM aus, die sie im Vorjahr von Gunda Niemann-Stirnemann (11/3/0) übernommen hatte. Insgesamt hat sie 16 Titel - sie gewann auch dreimal die Allround- und einmal die Sprint-WM - gesammelt. Niemann-Stirnemann ist mit insgesamt 19 WM-Siegen noch immer Rekord-Weltmeisterin.

Voller Bitterkeit nahm Daniela Anschütz-Thoms die Situation zur Kenntnis: Nur drei Hunderstelsekunden fehlten der Erfurterin nun zur Bronzemedaille. „Gestern war es ein Scheißlauf, heute einfach Pech“, meinte die 34-Jährige, nachdem sie zum zweiten Mal am Edelmetall vorbeigeschrammt war. Fröhlich gestimmt war hingegen Monique Angermüller über ihren neunten Platz. „Jetzt hoffe ich auf den Einsatz im Team. Ich denke, die Chancen stehen gut“, sagte sie.

Zuvor hatten die um das deutsche Team kursierenden Doping-Gerüchte für Miss-Stimmungen gesorgt. „Solche Gerüchte dürfen nicht über das Fernsehen verbreitet werden. Es handelt sich nicht um Fakten. Das ist einfach nur rufschädigend“, sagte Anni Friesinger und forderte „ein konsequentes Vorgehen dagegen“. Die niederländische TV-Moderatorin Ria Visser hatte die Gerüchte öffentlich gemacht, obwohl dem Weltverband ISU keine Informationen über einen positiven Dopingfall im deutschen Team vorliegen.

Einmal mehr konnten die deutschen Herren nicht mit den Damen Schritt halten. Marco Weber aus Chemnitz verpasste über 5000 Meter auf Platz 11 in 6:35,86 Minuten die erhoffte erste Top-10- Platzierung, während sich Sven Kramer mit seinem zehnten WM-Erfolg zum Rekordweltmeister krönte. Der 22-jährige Niederländer gewann auf der Langstrecke zum drittenmal in Serie und erkämpfte in 6:16,20 Minuten bei seiner dritten Einzelstrecken-WM bereits seinen siebten Titel. Die anderen drei Goldmedaillen verbuchte er als Allround- Champion der zurückliegenden drei Jahre.

Zuvor hatte der favorisierte US-Boy Shani Davis über 1000 Meter den Titel knapp verpasst und seinem erst 19-jährigen Teamgefährten Trevor Marsicano den Triumph überlassen müssen. Den 1500-Meter- Weltmeister trennten auf Platz drei in 1:09,02 Minuten nur ganze sechs Hundertstelsekunden vom zweiten WM-Gold. Silber gewann Denny Morrison aus Kanada.

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