Am Nullpunkt - der VfB Stuttgart geht gegen den FC Bayern 0:3 unter

Lesedauer: 7 Min
Sinnbildlich: Bayern um Jerome Boateng war dem VfB um Erik Thommy haushoch überlegen.
Sinnbildlich: Bayern um Jerome Boateng war dem VfB um Erik Thommy haushoch überlegen. (Foto: imago)

- Es war nur eine Beiläufigkeit, aber man konnte an ihr schön beobachten, was dem VfB Stuttgart fehlte. Anastassios Donis, bester Stuttgarter in einer eigentlich gar nicht vorhandenen Offensive, grätschte den Münchner Franck Ribéry an der Seitenlinie fair, aber äußerst resolut um, und wie immer beschwerte sich der französische Heißsporn. Doch statt ihn mit Verachtung zu strafen, vielleicht sogar im Vorbeigehen zu Sticheln, besänftigte der Gerade-noch-Krieger Donis den Bayern-Star.

Wer eine große Schlacht, und nichts anderes ist so ein Goliath-David-Duell zwischen den großen Bayern und dem so devot scheinenden Bundesligarest, gewinnen will, muss all seine Karten ausreizen: bissig, giftig, gallig, auch mal provokativ sein. Der VfB Stuttgart aber war im Südgipfele am Samstag lediglich 30 Minuten lang bei sich und einigermaßen kompakt. Die Aggressivität, der unbändige Wille und Glaube, dieses ungleiche Spiel auch zu gewinnen, aber fehlte ihm. Die Stuttgarter reagierten nur, liefen den Passrochaden der Bayern hinterher wie hörige Schoßhündchen. Als Leon Goretzka in der 37. Minute das 0:1 erzielte, schien auch das letzte Fünkchen Selbstbewusstsein verlöscht. 0:12 lautete am Ende das Eckball-, 0:11 das Chancenverhältnis, 4:23 die Torschussbilanz – das Spiel ging mit 0:3 noch glimpflich aus.

Der VfB, in der Rückrunde die Nr. 2 im deutschen Fußball, ist somit pünktlich zum 125-jährigen Vereinsjubiläum am Samstag Letzter der Bundesliga. Er fängt wieder bei Null an, nicht nur sprichwörtlich, auch numerisch: mit null Punkten, 0:4 Toren, einem Negativ-Rekord in der Clubgeschichte, mit der totalen Nulldiät, denn: Auch das Pokalspiel in Rostock wurde ja 0:2 verloren. „Sie können alles, außer Tore“, witzelte die „FAZ“ bereits.

Der Worst Case – der von Manager Michael Reschke befürchtete Start mit drei Bundesliga-Niederlagen – ist allerdings noch nicht eingetroffen. Sollte es in zwei Wochen nach dem Kellerderby beim SC Freiburg so weit sein, dürfte der Baum brennen am Wasen – das folgende Heimspiel gegen Aufsteiger Düsseldorf wäre ein Must-win.

VfB-Trainer Tayfun Korkut musste sich nach Abpfiff einiges anhören – nicht von den Fans, die nur leise pfiffen –, sondern von Lothar Matthäus, der dem 44-Jährigen vorwarf, mit einer Hasenfuß-Taktik gespielt zu haben. „Wenn man mit neun Mann verteidigt und nur zwei Offensivleute“ aufstelle, nämlich Donis und Mario Gomez, der unsichtbar in Bayerns Abwehr versank, brauche man sich nicht wundern, wenn man keine Torchance herausspiele. „Wie will man da Konter fahren? Das war viel zu mutlos.“

Donis ist sauer

Tatsächlich hatte Korkut im Gegensatz zum 4:1-Auswärtscoup im Mai am 34. Spieltag, als er mit Ginczek, Akolo, Donis und Thommy begann, nominell viel defensiver spielen lassen. „Man kann gegen Bayern nicht mit vier Spitzen spielen und aufmachen. Wir hatten genug Offensivspieler auf dem Feld“, wehrte er ab. „Wir haben uns nur viel zu sehr hintenreindrücken lassen. Das war so nicht geplant, dadurch war der Weg zum gegnerischen Tor viel zu lang. Wenn Du erst 30 Meter vor dem Tor angreifst, sind 70 Meter einfach zu viel. Wir waren zu passiv, auch nicht aggressiv genug, allerdings kann man gegen die Bayern verlieren. Wenn Du sie schlagen willst, brauchst du den perfekten Tag.“

Den hatten der VfB am 4. Mai, am 1. September hatten sie einen miserablen. Hinzu kam, dass diesmal auch der Gegner ein wenig motivierter war als vor vier Monaten, als die Bayern längst Meister waren. Dass Stuttgart nicht mit breitem Kreuz auftrat, kam hinzu. „Dieses Spiel kam zur falschen Zeit. Unser Selbstbewusstsein war durch die zwei Niederlagen schon etwas angeknackst“, fand Gomez. Manager Michael Reschke verwies derweil auf den Gegner: „Natürlich war die Art und Weise der Niederlage enttäuschend. Aber Bayern gehört zu den Topteams der Welt, seit Jahren, und heute hat man gesehen, warum.“ Warum, fügte Kapitän Christian Gentner an: „Sie haben kaum Fehler gemacht, so gut wie keinen Fehlpass gespielt und so scharf, dass wir oft einen Schritt zu spät kamen. Und bei allen Toren hatten sie Überraschungsmomente. Das war schon stark.“ Und der VfB bekam seine Schwachstellen – am Ball, im Kreativen – exemplarisch vorgeführt.

Zeit, dass auch der letzte Stuttgarter merkt, dass vor zwei Wochen eine neue Saison begonnen hat, bei Null. Oder doch nicht? „Wir dürfen uns jetzt nichts einreden lassen. Das wäre das Schlimmste, was es gibt“, sagte Gomez dagegen: „Diese Mannschaft hat in der Rückrunde sensationell gut gespielt. Wir haben vielleicht die ersten zwei Spiele zu wenig gemacht, weil wir gedacht haben, es geht so weiter. Jetzt kommen die Teams, mit denen wir uns messen wollen in der Bundesliga.“

Ob Tassos Donis dann zu Ende spielen darf? Als Korkut seinen besten Mann nach 57 Minuten herausnahm, pfiffen die Fans, auch der 23-Jährige machte seinem Ärger Luft: „Der Trainer hat entschieden. Das akzeptiere ich, aber ich denke, es war unfair.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen