Als Nagelsmann Karotten brach

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Lange Zeit spielte sich das Geschehen direkt in der Nähe der Grasnarbe ab.
Lange Zeit spielte sich das Geschehen direkt in der Nähe der Grasnarbe ab. (Foto: Fotos: imago)

Wie es zu dem Möhrenvorfall kam, wollte Julian Nagelsmann nicht weiter ausführen. Auch blieben die genaue Zeit und die Umstände unbekannt. Fest steht nur eines: es gab ihn. Und es war für alle Beteiligten wohl weder ein schönes Gefühl, noch ein ebensolcher Anblick. Doch taugt es nun wenigstens zu einer Anekdote und so formulierte der Coach in der typischen Nagelsmann-Art: „Ich hatte auch mal eine Gehirnerschütterung, danach waren die ersten zehn Minuten auch noch super – und irgendwann habe ich dann Karotten gekotzt.“ Und schob an eventuell brüskierte Familienmitglieder gerichtet nach: „gebrochen, sorry, Mama“. Was den 32-Jährigen zu dieser Erzählung veranlasste, war der bitter erkaufte 3:1 (0:1)-Heimerfolg seiner TSG Hoffenheim gegen den SC Freiburg.

Nagelsmann verlor im Baden-Derby gleich drei Innenverteidiger innerhalb von 45 Minuten – und das teilweise auf unbestimmte Zeit. „Das ist schon skurril“, sagte der Coach. Ermin Bicakcic (Schlag auf die Achillessehne), Kevin Akpoguma (Bruch der Augenhöhle und Gehirnerschütterung) und Kasim Adams (Sprunggelenk und Innenknöchel) verletzten sich bis zur Pause. Und damit füllte sich das Lazarett beim Champions-League-Teilnehmer weiter. Besonders für Nagelsmann war diese Situation einschneidend in seine Arbeit. „Für mich war es dramatisch, dass mein Wechselkontingent zur Halbzeit schon ausgeschöpft war, weil ich jemand bin, der sehr gerne wechselt.“

Doch auch so schaffte es der Trainer, seine Mannschaft komplett umzustellen. Und nicht nur das, die TSG drehte das Spiel gegen vor allem in der Defensive unglücklich agierende Freiburger. „Wir haben uns in der Halbzeit geschworen, für die Jungs noch den Sieg zu holen“, erzählte Neu-Nationalspieler Nico Schulz. Da stand es 0:1. Nagelsmann sorgte für das passende System, stellte auf 4-3-3 um, was sich als entscheidend erwies. Der geballten Hoffenheimer Offensivpower hatte der SC nichts mehr entgegenzusetzen.

Den Sieg verdankte Hoffenheim neben Nagelsmanns Schachzug jedoch vor allem Adam Szalai, der nach seinem Treffer beim Ligaauftakt gegen Bayern (1:3) diesmal sogar doppelt zuschlug (50./63.). Nach der Freiburger Führung durch Dominique Heintz (36.), staubte der Ungar erst ab und vollendete dann eine gute Hereingabe von Schulz. Dazu traf Kramaric (90.+4) ins leere Tor.

Streich fehlt Freiburg weiter

„Torgefährlich war er schon immer, er hat nur nicht immer den Rhythmus gehabt in den letzten Jahren“, lobte Nagelsmann Szalai. Der wiederum gab das Lob an seinen Trainer und die gesamte Mannschaft zurück: „Es ist schon Wahnsinn. Wir haben dann das System umgestellt, dann kommen wieder andere Spieler rein und wir drehen noch das Spiel.“

Für sich selbst wollte der Ungar jedoch anschließend keine Lobeshymnen annehmen. „Natürlich habe ich mich über meine Tore riesig gefreut. Aber es war eine unglaubliche Teamleistung. Ich bin sehr, sehr glücklich, dass wir das Spiel noch gedreht haben, aber auch sehr traurig über die Verletzten“, sagte Szalai, stellte angesichts der drei Ausfälle aber hoffnungsvoll fest: „Für uns kommt die Länderspielpause zur rechten Zeit. Ich hoffe, dass danach einige Spieler zurückkommen.“

Und die Freiburger? Die stehen nach zwei Bundesliga-Spieltagen ohne Punkte da. Und das, obwohl sie spielerisch durchaus mithalten konnten und zu Chancen kamen. „Wir stehen schon wieder da, wie letzte Woche“, resümierte Stürmer Florian Niederlechner und spielte auf die 0:2-Heimniederlage gegen Frankfurt an. „Wir müssen eigentlich mit 0:2 in die Halbzeit gehen und bekommen dann noch zwei so doofe Gegentore.“ Was der Offensivakteur so formulierte, der an einem Bandscheibenvorfall laborierende Trainer Christian Streich wohl am Fernseher verfolgte (Präsident Fritz Keller meinte zu einer möglichen Rückkehr: „Ich bin weder Arzt, noch Krankenschwester oder Hellseher.“), unterstrich auch Aushilfs-SC-Coach Lars Voßler: „Wir hatten ein gutes Gefühl in der Halbzeit und bekommen dann so ein Slapstick-Tor.“

Gemeint war jeweils die Aktion in der 50. Minute. SC-Torwart Alexander Schwolow und Nicolas Höler hatten sich frei nach dem alten Kreisligamotto Nimm-du-ihn-ich-hab-ihn-sicher derart aus dem Konzept gebracht, dass der Ball Höler letztlich unglücklich auf den Kopf fiel und Szalai nur einschieben musste.

Was dem SC bleibt, ist eine durchaus ansehnliche erste Hälfte. „Dem müssen wir jetzt viel abgewinnen, nun den Hebel ansetzen und vor allem vor dem Tor wieder eiskalt sein – Nils Petersen und auch ich“, sagte Niederlechner selbstkritisch.

Für Nagelsmann war das in jenem Moment zweitrangig. Allgemein war es wieder ein typischer Nagelsmann-Nachmittag. Den Gegner ausgecoacht, drei Punkte eingefahren und noch ein paar amüsante Sprüche abgesondert – auch wenn seine Mutter das nicht immer gern hören wird.

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