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Gutes Gefühl gegen den Angstgegner

Sport / Lesedauer: 4 min

Beim 4:1-Sieg gegen erschreckend harmlose Italiener verblüfft der Bundestrainer mit einer neuen Taktik
Veröffentlicht:30.03.2016, 21:48
Aktualisiert:23.10.2019, 17:00

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Journalisten stellen manchmal blöde Fragen. Ob er sich vor der Partie an das 1:4 gegen Italien vor der WM 2006 erinnert habe, wurde Joachim Löw, damals Assistent von Jürgen Klinsmann, Dienstagnacht gefragt. „Das hat keine Rolle gespielt“, antwortete der Bundestrainer nur. Die richtige Frage wäre gewesen, ob Löw nach dem 4:1 im Münchner Test, dem ersten Sieg gegen Italien seit 21 Jahren und dem höchsten seit dem 5:2 im Jahr 1939, ein wenig Genugtuung verspüre angesichts des 1:2 im EM-Halbfinale 2012 gegen die Azurri, als sich der Bundestrainer mit seiner Taktik fürchterlich verzockt hatte. Damals also, als Andrea Pirlo Traumpässe auf Mario Balotelli spielte, der die Deutschen im Alleingang erlegte und schließlich der Welt seinen imposanten Oberkörper präsentierte.

Diesmal nämlich hatte Löw alles richtig gemacht beim Unterfangen, seinem Team eine neue Grundordnung gegen den Angstgegner beizubringen. Weil Italien „drei, vier Systeme spielt, die es automatisiert hat“ und gegen die es sich offenbar zu wappnen gilt, traten die Deutschen also plötzlich mit einem 3-4-3 statt dem üblichen 4-3-3 auf. Toni Kroos, der wie beim 2:3 gegen England das 1:0 schoss, und ein gewisser Mesut Özil, normalerweise der Spielmacher und für die Assists zuständig, gaben dabei die Sechser, flankiert von den enorm lauffreudigen Jonas Hector (links) und Sebastian Rudy. Dass die Deutschen diesmal wesentlich besser spielten als am Samstag, lag vor allem an ihrer Mittelachse. „Bei drei Verteidigern konnten wir mehr Risiko im Mittelfeld gehen, das hängt aber auch davon ab, wie diszipliniert die vorderen Positionen im Mittelfeld spielen. Özil und Kroos haben das super gemacht in der Defensive und vor allem in der Spieleröffnung. Gegen England hatten wir da Probleme, da haben uns Spieler gefehlt, die Eins-gegen-Eins-Situationen lösen können“, lobte Löw, der sein taktisches Manöver nicht ungewöhnlich fand: „Wenn wir das in so einem Spiel nicht ausprobieren, wann dann.“

Dass er so etwas einmal nach einem Spiel gegen Italien sagen durfte, fand Löw offenbar nicht ungewöhnlich. Tatsächlich waren die Gäste, die auf vier Verletzte verzichten mussten, nur Schatten ihrer selbst. Gianluigi Buffon, das 38-jährige Idol im Tor, konnte einem fast leidtun angesichts der Harmlosigkeit seiner Vorderleute. Die Heimatpresse wütete ob des Auftritts des viermaligen Weltmeisters: „Totales Desaster, einfach eine Schande!“, wetterte „Tuttosport“. „Deutsch-Unterricht für die Italiener, die ohne Würde und Stolz auftreten. Das kann nicht das wahre Italien sein. Wäre es so, wäre es besser, auf die EM zu verzichten. Conte macht alles falsch.“

Conte ist ratlos

Tatsächlich machte der Angesprochene, Nationaltrainer Antonio Conte, bei seiner Analyse einen eher ratlosen Eindruck. „Man kann keinem Spieler einen Vorwurf machen, alle haben alles gegeben, ich wollte einige testen. Das ist das Material, das ich habe, da werden sechs Wochen vor der EM keine Wunder mehr geschehen“, sagte Conte und erwähnte gefühlte 19-mal, man habe ja gegen den amtierenden Weltmeister gespielt. „Wir haben gesehen, wie groß die Lücke ist.“

Die Deutschen müssen bei der Aussicht auf ein mögliches EM-Viertelfinale gegen die Azurri also nicht in Ohnmacht fallen. „Wir haben jetzt immerhin mal das Gefühl genossen, dass wir Italien schlagen können, und im Gegensatz zum Samstag 90 Minuten lang die Konzentration und Ordnung gehalten“, fand Löw, dennoch gebe es bis zur EM noch genug zu tun: „Defensiv- und Umschaltverhalten, offensive Laufwege und Auslösungsaktionen“, stehen auf dem Stundenplan. Am 17. Mai muss Löw seinen Kader nominieren, wegen eventueller Verletzungen dürfte das Aufgebot 26 Mann groß sein, drei mehr, als die Norm zulässt. Das Gros des Kaders stehe, momentan würde ihm die Entscheidung leicht fallen, „aber die Tür isch immer noch offen“, sagte Löw im besten Badisch. Auch die Jungstars Joshua Kimmich oder Julian Weigl können also noch hoffen. In der Innenverteidigung setzt Löw auf ein rasches Comeback des verletzten Jérôme Boateng. „Er macht enorme Fortschritte.“

Thomas Müller, der aufgrund des Fehlens von Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira und Manuel Neuer erstmals Kapitän war und zwei Tore auflegte, nahm sich derweil vor, künftig nicht mehr so ehrlich zu sein. Müller hatte eingeräumt, Spieler nähmen Tests manchmal nicht so ernst. Seine Ironie hat der Münchner allerdings behalten. Müller wirkte ziemlich kaputt in der Mixed Zone; auf die nervtötende Frage, ob die Deutschen nun genug Schwung für die EM hätten, sagte er: „Klar haben wir Schwung. Wir wissen gar nicht, wohin damit.“