Eishockey

Eishockey – 55,5 Sekunden fehlten zu Gold

pyeongchang / Lesedauer: 4 min

Deutsche Eishockey-Nationalmannschaft nach 3:4 n.V. gegen Russen stolz auf Silber
Veröffentlicht:25.02.2018, 21:13
Aktualisiert:22.10.2019, 21:00

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Franz Reindl kennt sich aus mit Olympia: Bronzeheld von 1976 ist der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes DEB . Und jetzt, als eine neue, die 2018er-Generation, die Geschichte seines Sports endlich umschrieb, als Silber sicher war in Südkorea und der Finalgegner auch, da sollte Franz Reindl sich erklären. Gegen OAR ging‘s, sprich: gegen ein Best-of-Ensemble der Kontinental Hockey League KHL. Mit Branchengrößen wie Ilya Kovalchuk, wie Pavel Datsyuk, wie Nikita Gusev. Was, bitte, ist da möglich für den Weltranglistenachten Deutschland? Franz Reindl kennt sich aus: „Auch wenn die russische Mannschaft ein Topteam auf die Beine gestellt hat und sicherlich Achtzylinder mit Allrad ins Rennen schickt: Wir werden uns zu wehren wissen.“

Volltreffer! Nur: Diese Gegenwehr hat wohl auch der DEB-Chef nicht erwartet – zu Gold fehlten Bundestrainer Marco Sturms Mannen 55,5 Sekunden beim 3:4 n.V. (0:1, 1:0, 2:2/0:1) im Finale.

Es war auch dieses Mal – in der siebten Partie der DEB-Auswahl binnen elf olympischen Tagen – dieses Zurückkommen. Dieses Zurückkommen nach dem 0:1 zunächst, erzwungen von Vyacheslav Voinov mit brachialer Präzision. Brillant ins Spiel gebracht hatte den Verteidiger aus St. Petersburg dessen Clubkollege Nikita Andreyevich Gusev , der der Mann dieses Endspiels werden sollte. Später. Jetzt aber galt der deutsche Blick der Uhr: 0,5 Sekunden hatten gefehlt zu einem torlosen Anfangsdrittel. Der gern zitierte „psychologisch ungünstige Zeitpunkt“, das muss er dann ja wohl gewesen sein.

Jonas Müllers späte Führung

Oder doch nicht? Die zweiten 20 Nettominuten sahen nicht mehr dieses permanente Kreiseln in Rot, mehr und mehr fand sich der Favorit auch defensiv gefordert. Von Felix Schütz beispielsweise, der nach 29:32 Minuten aus eher arg spitzem Winkel seine Chance suchte. Torhüter Vasili Koshechkins Stockhand gab der Scheibe den entscheidenden Drall, das Schiedsrichterduo dem Treffer nach Videostudium seinen Segen. 1:1 – die pikante Note: Schütze Schütz hat in seiner Vita die KHL-Stationen Vladivostok, Omsk, Riga und Nizhny Novgorod stehen. Noch pikanter: Yannic Seidenberg hatte Recht, als er in der Rückschau sagte: „Im zweiten Drittel waren wir, glaub’ ich, die bessere Mannschaft.“

Und im Schlussabschnitt mitnichten die schlechtere. Das deutet die Schussstatistik (10:7) dezent an, das zeigte sich nach dem Kunstschuss Marke Gusev zum 1:2 (53:21): Ansatzlos aus dem Handgelenk hoch ins kurze Eck hatte der 25-Jährige gezielt, aus noch spitzerem Winkel Torhüter Danny aus den Birkens Maske frech als Schützenhilfe genutzt. Dessen Vorderleute? Schütteln sich, brauchen zehn Sekunden. Yasin Ehliz, Frank Mauer heißen die Stationen, dann steht Dominik Kahun zentral frei. Und der weiß, wie’s geht – 2:2 (53:31). Zurückgekommen! Nein, noch dabei. Dabei durch Jonas Müller, der nach 56:44 Minuten reichlich Freiräume entdeckte, sich Gegner und Spielgerät ideal zurechtlegte und dann – doch ziemlich abgezockt für einen 22-Jährigen – die Lücke ausnutzte zwischen Schlussmann Koshechkins Beinschienen. Tor, 3:2, 3:16 Minuten noch zu spielen. Das Tor zu Gold …

… stand offen. Jonas Müller: „Da hat man halt schon gedacht, man hat’s geschafft.“ Nachnamensvetter Moritz Müller: „Wir waren für drei Minuten Olympiasieger.“ 2:20 Minuten waren es exakt, die Russen waren durch eine Strafe dezimiert, hatten dennoch den Torhüter herausgenommen, spielten – notgedrungen – Vabanque. Doch hatten sie Nikita Gusev. „Der war brandheiß heute“, Marcus Kink sagte es eher säuerlich. „Die Schüsse, die er da reingehauen hat!“ Den zweiten fatalerweise gerade jetzt. Rückhand, schwer zu nehmen, ein Kabinettstückchen. Ein Partykiller, 55,5 Sekunden vor Gold.

Aus den Birken bester Goalie des Turniers

Verlängerung also, vier gegen vier. Ein Plus für die technisch beschlagenen KHL-Stars. Eigentlich. Uneigentlich sind Zusatzschichten in Gangneung deutsche. Und dann ist da ja auch noch Danny aus den Birken. Als besten Torhüter des Turnieres werden sie ihn nach dem Finale ehren, gerade hat er ein geniales Solo Ilya Kovalchuks per Beinschoner zur Randnotiz werden lassen. Die dicken Lettern gehören an diesem 25. Februar 2018 aber ohnehin einem anderen. Als Patrick Reimer eine durchaus diskutable Strafe wegen hohen Stocks antreten muss, kommt Nikita Andreyevich Gusev, aufs Eis. 29 Sekunden dauert es bis zum Pass aller Pässe, Kirill Kaprizov heißt der Verwerter. Viel falsch machen konnte er da nicht. „Olympic Athlets of Russia“ heißt nach 69:40 Minuten der Olympiasieger.

Als Silber um 24 deutsche Spielerhälsen hängt, wird aus Frust langsam Stolz. Die Achtzylinder mit Allrad hatten sie mehrfach überholt unterwegs, sich erst im Fotofinish geschlagen gegeben. „Es hat wenig gefehlt“, sagt Christian Ehrhoff. Danny aus den Birken nickt. Er sei „mehr als nur happy: Ich könnt’ Bäume ausreißen.“