Lorbeerkranz

Als Wien den deutschen Fußball-Pokal gewann

Stuttgart / Lesedauer: 3 min

Vor 75 Jahren wurde der Tschammerpokal das letzte Mal ausgetragen – in Stuttgart
Veröffentlicht:30.10.2018, 19:51
Aktualisiert:22.10.2019, 15:00

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Das Spiel war längst zu Ende und das Stadion leer, da traten die Sieger vor die Fotografen. Elf junge Männer in gelben Hemden und blauen Hosen, einer hielt einen Lorbeerkranz. Es war die Mannschaft von Vienna Wien. Den Pokal, den sie gewonnen hatten, bekamen sie erst auf dem Bankett. So also sahen Siegerehrungen vor 75 Jahren aus. Keine Reden, kein Konfetti und auch keine Helene Fischer – aber Pokalfinale war trotzdem. Am 31. Oktober 1943 wurde in der Stuttgarter Adolf-Hitler-Kampfbahn, dem späteren Neckar-Stadion und der heutigen Mercedes-Benz-Arena, der deutsche Pokalsieger gekrönt. Es war eine Zäsur im deutschen Fußball, denn Stuttgart sah das letzte Gefecht im erst 1935 gegründeten Fußball-Pokal-Wettbewerb. Es war ja Krieg, mittlerweile sogar schon ein „totaler“, und so sehr sich die Nazi-Regierung auch bemühte, Normalität vorzugaukeln, irgendwann war eben doch kein Gedanke mehr an Sport, Spaß und Spiel. Länderspiele waren bereits verboten, ebenso wie übrigens etwa Tanzvergnügen. Sie passten nicht mehr in die Zeit.

Ins letzte Finale um den Tschammerpokal, wie der Vorläufer des DFB-Pokals nach seinem Stifter – dem Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten hieß – zogen zwei Mannschaften, die nur diese unsagbare Epoche deutscher Geschichte zusammenführen konnte: Die Wiener Clubs durften seit 1938, dem erfolgten Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich, mitspielen. Vienna war der erste Wiener Fußballclub überhaupt und existierte schon 50 Jahre, verdiente sich die Bezeichnung Traditionsmannschaft. Ganz im Gegensatz zum Gegner. Der Luftwaffensportverein Hamburg, bestehend aus Flakartilleristen, war erst am 3. Dezember 1942 gegründet worden, hatte nicht mal einen eigenen Fußballplatz und sah sich mancherlei neidvoller Blicke ausgesetzt. Durfte Trainer Karl Höger, ein Ex-Nationalspieler von Waldhof Mannheim, doch aus Spielern wählen, die normalen Vereinen nicht zur Verfügung standen. Aus Hamburg stammte nur ein Flakschütze, der Rest kam aus allen Landesteilen, so wie es die Kriegsbürokratie eben wollte. Mit Abwehrchef Reinhold Münzenberg (Aachen) war ein leibhaftiges Mitglied der mythischen Breslau-Elf dabei, Torwart Willy Jürissen (Oberhausen) hatte ebenfalls schon Länderspiele aufzuweisen. Ferner liefen namhafte Kicker aus Nürnberg, Schweinfurt oder Chemnitz im blauen LSV-Dress auf.

Kuriose Torschützen

Auch beim Gegner spielten nicht nur Wiener – mit Rudolf Noack und Richard Dörfel sogar zwei Hamburger. Es war nicht für alle ein Traumfinale. Die Stuttgarter hatten auf ein Treffen zwischen Schalke 04 und dem Dresdner SC gehofft. Doch für die Kultclubs jener Tage war im Halbfinale Endstation, es war ein Finale der Außenseiter – weshalb die Ränge auch nicht ganz voll waren (45 000 bei einer Kapazität von 70 000). Aber auch die latente Gefahr von Bomberangriffen schwebte über diesem Spiel. Stuttgarts Oberbürgermeister Strölin lud die Mannschaften am Vorabend um 18 Uhr in den Festsaal des Ratskellers („Eingang links vom Haupteingang“), bat aber um Mitbringen der Lebensmittelmarken für 15 Gramm Fett, 50 Gramm Fleisch und Brot.

Zwei Stunden verbrachten die Mannschaften an der Festtafel und am nächsten Tag auch auf dem Platz, wo sich die Vienna erst in der Verlängerung mit 3:2 durchsetzte. Verdient, wie alle Kritiker übereinstimmten, auch wenn sich der LSV sich bei einigen Entscheidungen benachteiligt fühlte. Kurios am Rande: Das Siegtor für Wien schoss der Hamburger Noack (113. Minute). Nicht weniger amüsant, dass der zweite Hamburger in Vienna-Diensten, Dörfel , per Hand ein Eigentor fabrizierte, das dem LSV erst die Verlängerung ermöglichte. Dass die Wiener, die zunächst in Rückstand gerieten, dies verkrafteten, deutete die „Fußball Woche“ ganz im Sinne der Propaganda, die nach Stalingrad Staatsräson war: „die unumgängliche Voraussetzung zum Sieg in einem solchen Nervenkampf wurde erfüllt: niemals den Glauben an den Endsieg zu verlieren.“