Abstiegstrauer

37 Minuten Zorniger-Zauber

Sport / Lesedauer: 5 min

Der VfB Stuttgart strotzt beim 4:2 über Manchester City vor Spielfreude
Veröffentlicht:02.08.2015, 21:10
Aktualisiert:24.10.2019, 00:00

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Fußball kann wunderbar ambivalent sein. Noch vor neun Wochen wären der VfB Stuttgart und seine Anhänger ums Haar in kollektiver Abstiegstrauer erstarrt, am Samstag war noch nicht mal die erste Halbzeit des letzten Testspiels für die neue Saison gespielt, schon standen viele der 40000 von ihren Sitzen auf und sangen: „Ooooooh, wie ist das schön“. Ein bisschen Verständnis konnte man für diese Explosion der Synapsen aufbringen, denn die Mannschaft des neuen Trainers Alexander Zorniger hatte bis dahin nicht nur modernen Pressingfußball aufgeführt, sondern vor Spielfreude geradezu gesprüht – gegen einen Gegner übrigens, der seit 2007 immerhin eine Milliarde Euro in seinen Kader investiert hat. Nach 37 Minuten führte der VfB also gegen den englischen Vizemeister Manchester City mit 4:0, und wer hundert Euro darauf gewettet hätte, müsste sich um die Rente wohl keine Sorgen mehr machen. Dass die Gäste am Ende gegen die VfB-Reservisten noch zwei Törchen gutmachten, tat der Euphorie am Wasen keinen Abbruch.

Hlousek, der Innenverteidiger

Wie ist so etwas möglich, was hat das zu bedeuten und was heißt das für die Zukunft, lauteten die Fragen danach, aber die VfB-Verantwortlichen taten gut daran, schön auf dem Teppich zu bleiben. Es war ja nur ein Test, gegen eine britische Abwehr übrigens, die manchmal so wirkte, als habe sie zum Lunch noch ein paar Pint Bier gezogen, um besser schlafen zu können. Zorniger wusste das, er wusste auch, dass die Pokalpartie am Samstag bei Holstein Kiel eine völlig andere, gefährlichere, weil ernsthafte wird. Trotzdem nahm er mit Freude zur Kenntnis, dass die Mannschaft seinen Stil der Vorwärtsverteidigung annimmt. „Sie braucht Zutrauen in die Spielweise, dann ist vieles möglich“, sagte der 47-Jährige. „Wir waren unglaublich aggressiv ab der ersten Minute, letztes Jahr gab es noch zehn Heimspiele, in denen wir in den ersten 15 Minuten gar keinen Torschuss hatten.“ Anfangs hätten die Spieler sogar zuviel gewollt, zuviel gepresst, „aber das ist mir lieber als andersrum“. Wichtig sei es, nicht immer die Gefahren des Offensivstils zu sehen. „Wenn man immer von möglichen Fehlern redet, macht man auch welche. Das ist eine Selffulfiling Prophecy, so etwas will ich vermeiden.“

Ängstlich darauf bedacht, Fehler zu vermeiden, so wirkte der VfB tatsächlich nicht. Die Abwehr um Zugang Insua auf der linken Seite und Überraschungs-Innenverteidiger Adam Hlousek wirkte grundsolide. Dass der neue Torhüter Przemyslaw Tyton mit einem weiten, punktgenauen Abschlag – nicht gerade die Spezialität von Vorgänger Sven Ulreich – das 1:0 durch Filip Kostic einläutete (15.) und einige Male stark parierte, dürfte Zorniger ebenfalls gefallen haben. Dem glänzenden Daniel Didavi war nach doppeltem Doppelpass mit Florian Klein das schönste Tor des Tages vorbehalten (31.), Daniel Ginczek wiederum zeigte erneut, welches Potenzial in ihm steckt: Mit seinem Doppelpack (36./37.) gab er Man City und seinem Torwart Joe Hart den Rest. „Nahezu perfekt“ sei die erste Hälfte gewesen, sagte Martin Harnik, der den zweiten Stürmer mimte, und gab zu, dass die Mannschaft anfangs mit einer gewissen Portion Skepsis auf den Systemwandel reagiert habe. Man habe gelernt: „Wir müssen in der Beziehung dem Trainer vertrauen.“

Umgekehrt vertraute Zorniger einem, der bei einigen VfB-Fans bereits auf der Loser-Liste stand, seit er im Frühling gegen Freiburg doppelt patzte – Hlousek nämlich. Der Tscheche, seit Juli nur noch der Linksverteidiger Nr. 3, habe im Training enorm Gas gegeben, berichtete der Trainer, „und wer sich so reinhängt, wird bei mir immer eine Chance bekommen“. Gut möglich also, dass der 26-Jährige bis zur Rückkehr Antonio Rüdigers in der Startelf bleiben darf, zumal Sportdirektor Robin Dutt das Lob erweiterte: „Ich war jetzt sechs Wochen unterwegs in ganz Europa, um einen Innenverteidiger zu finden, das hätte ich mir wohl sparen können. Stand heute ist Adam mit seiner Schnelligkeit und Kopfballstärke mehr als eine Alternative.“ Wann Hlousek zuletzt Innenverteidiger gespielt habe? „Gute Frage. Vermutlich auf einem Bolzplatz in Tschechien.“

Dennoch gibt Dutt die Suche nach Alternativen nicht auf, er kennt ja die Aufs und Abs des VfB und seiner Spieler. „Ich habe hier schon viele Aufbruchstimmungen erlebt, die sechs Monate später am Boden zerstört waren“, warnte er. Andererseits zollte er dem, der die Aufbruchstimmung mit seinem neuen Fußballansatz verkörpern will, viel Lob: Zorniger sei nicht nur authentisch und sage klar, was er wolle, sondern bringe sich auch unglaublich ein, seinen Stil auch in den U-Mannschaften durchzusetzen. „Dass man nach sechs Wochen schon alle mit der gleichen Taktik spielen sieht, ist schön.“ Nur durchhalten müssen sie sie noch, die Profis, 90 Minuten lang: „Man hat gesehen, wieviel Kraft dieser Stil kostet, nach 60 Minuten waren einige platt. Und es ist wichtig, dass jeder weiß, dass man für diese Art von Fußball alle elf Mann braucht“, sagte Dutt.

Das Saisonziel will der VfB deshalb nicht ändern: Einen „gesicherten Mittelfeldplatz“, fordert Dutt, „im März/April als VfB-Fan mal nicht 200 Pulsschlag zu haben“. Die Hoffnung auf eine herzschonende Saison also.