Der Betreff der E-Mail war eindeutig. „Gesellschafts-Spaltungs-Vorantreiber“. Die Medien, konkret also die Journalisten und Journalistinnen der „Schwäbischen Zeitung“, leisten einer gesellschaftlichen Spaltung Vorschub, so die These. Diese Meinung vertreten aktuell viele Kommentatoren und Leserbriefschreiberinnen.

Die Vorwürfe zielen in zwei Richtungen. Zum einen betreffen sie die Berichterstattung über die Corona-Pandemie, den Forschungsstand und die politischen Debatten darüber. Zum anderen monieren die Leser und Leserinnen die Meinungsbeiträge der Redaktion.

Warum berichten wir so, wie wir es tun? Und warum kommentieren wir so?

Corona-Berichterstattung folgt manch anderen Regeln

Seit rund zwei Jahren berichten die Redaktionen der „Schwäbischen Zeitung“ nun über die Corona-Pandemie. Nicht ausgewogen sei das, so die geäußerte Kritik, vor allem mit Blick auf Impfungen und Auswirkungen einer Corona-Infektion.

Doch genau das Wörtchen „ausgewogen“ macht hier einen Unterschied. Denn: Berichterstattung über wissenschaftliche Studien und Forschungs(zwischen)stände unterscheidet sich von Berichterstattung über politische Vorgänge. 

Für politischen Journalismus gilt grundsätzlich, dass er die Meinungen in einer Debatte möglichst breit abbilden sollte. Natürlich spielt es eine Rolle, wie groß etwa eine Partei ist, ob sie in Parlamenten vertreten ist. Und natürlich werden politische Äußerungen auf ihre sachliche Richtigkeit geprüft und eingeordnet. Darüber, was eine Leserin oder ein Leser dann für politisch richtig oder falsch hält, entscheidet sie oder er am besten selbst. 

Die journalistische Berichterstattung über wissenschaftliche Arbeiten jedoch muss anders funktionieren. Hier geht es vorrangig darum, den Überblick über ein Forschungsfeld zu gewinnen und die nach aktuellem Stand gesicherten Kenntnisstände zu beschreiben.

Auf der ganzen Welt arbeiten renommierte Experten an dem Virus 

Wenn eine deutliche Mehrheit von Virologen und medizinischen Experten im Grundsatz über die Gefahren eines Virus übereinstimmt, dann ist es die Pflicht der Medien, diesen Ansichten auch den breitesten Raum einzuräumen. Das gilt auch, wenn diese Experten einig sind, was die im Gegensatz dazu wesentlich geringeren Risiken einer Impfung betreffen. So ist es beispielsweise auch beim Thema Klima: Wenn die große Mehrheit der Klimaforscher den Klimawandel als menschengemacht beschreiben, weil ihre Forschungsergebnisse das so zeigen, dann ist das der vorherrschende Kenntnisstand. Und dann berichten wir entsprechend.

Ein anderes Beispiel: Man kann nach heutigem Wissensstand nicht anzweifeln, dass die Erde rund ist. Dennoch postuliert eine „Flat Earth Society“ auch unter Berufung auf Forscher das Gegenteil. Würden Medien dieser Meinung gleichwertig viel Platz einräumen wie der Lehrmeinung, einstünde ein verzerrtes Bild. Nach dem Motto „Könnte es sei, dass die Erde doch nicht rund ist, wenn Wissenschaftler das auch denken?“

Natürlich ist die Lage in der Corona-Forschung wesentlich komplexer. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Forschung zu diesem spezifischen Virus noch verhältnismäßig jung ist. Andererseits wird rund um den Globus von den renommierten Forschungseinrichtungen dazu gearbeitet – und das in kurzer Zeit mit sehr großen Stichproben. Beides ist ein Mittel, um Verzerrungen im Datenmaterial und falsche Schlüsse daraus zu verhindern.

Wenn wir über Studien und wissenschaftliche Erkenntnisse berichten, tun wir das nach Grundsätzen, der etwa auch die Nachrichtenagentur dpa folgt. Deren Inhalte nutzen wir im redaktionellen Alltag oft. Generell beurteilen wir Studien danach, wer sie veröffentlicht hat, ob es bereits andere Veröffentlichungen mit ähnlichen Ergebnissen gibt, und ob große Fachzeitschriften mit ihren aus Wissenschaftlern bestehenden Redaktionen die Studien publiziert haben.

Auch wir machen Fehler

Warum also berichten wir nicht über die von vielen Lesern oder Leserinnen angeführten „anderen Forscher“? Bei genauer Betrachtung und Recherche wird klar: Deren abweichende Ergebnisse tauchen nicht in den wissenschaftlich seriösen Veröffentlichungen auf. Oft sind diese Wissenschaftler keine Virologen oder Vertreter benachbarter Fächer.

Wir prüfen solche Meldungen, wir lesen, was die von uns dafür bezahlten Nachrichtenagenturen mit ihren Fachredaktionen berichten, sichten andere Medien.

Wir lassen auch durchaus Zweifler zu Wort kommen, wo es wissenschaftlich haltbar ist. Wir berichten über die Debatten, die sich um die Frage drehen, was die politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen sein müssen. Aber wir stützen uns auf das, was wissenschaftlich so gesichert wie möglich ist.

Natürlich unterlaufen auch uns Fehler – ein verrutschtes Komma bei einer Zahl, eine Corona-Regel, die in Bayern nicht gilt, in Baden-Württemberg aber schon. Das ist bedauerlich und ärgert uns selbst am meisten, aber es passiert.

Einen Kommentar gegen das Impfen finden Sie bei uns nicht

Nun zur zweiten Frage: Warum kommentieren wir so, wie wir es tun, vor allem zum Thema Impfen? Einen Kommentar gegen das Impfen gab es in der „Schwäbischen Zeitung“ nicht. Der Grund für diese eindeutige Haltung ist dieser: Die Kommentatoren sind ausgebildete Journalisten und Journalistinnen.

Sie haben ihr Handwerk gelernt und wenden es an: Suche nach Informationen, Beurteilung der zugänglichen Quellen, Vergleich mit anderen Quellen. Auf dieser Grundlage bilden sie sich ihre Meinung. Und kommen alle zum selben Schluss: Sie halten nach heutigem Wissensstand die Risiken des Impfens für geringer, als die Risiken einer Corona-Infektion. Dazu bedarf es keiner Anweisung von irgendwo „oben“, keiner „Spende“ von irgendwem auf irgendein Konto. Beides gibt es nicht. Die Erkenntnis ist lediglich Ergebnis der journalistischen Arbeit.

Jeder kann für sich selbst zu einer anderen Haltung kommen. Wir berichten über diese Meinungen und ordnen sie ein. Doch es ist nicht Aufgabe von Medien, Meinungen nur deswegen zu vertreten, weil ein Teil der Gesellschaft sie teilt.

Haben Sie vielleicht selbst Fragen, die unsere Arbeit betreffen, mit denen wir uns in einem Blogeintrag beschäftigen sollten? Schreiben Sie uns eine Mail an einsichten@schwaebische.de.