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Stadtarchiv und Stadtmuseum Tettnang: Die Geschichte vom Bürgermoos – ein Abriss

Bürgermoos um 1940 – mitten im Wald stehen die ersten 4 Häuser

2021 feiert Bürgermoos seinen 100. Geburtstag und bietet Anlass für einen kleinen Blick zurück in die Geschichte dieses Tettnanger Stadtteils. Sein ungewöhnliche Name zerfällt in zwei Bestandteile: „Bürgerlich“ war dieser Wohnplatz schon lange vor seiner Gründung: Der letzte regierende Graf Franz Xaver von Montfort verkaufte das damalige Feuchtgebiet – ein „Moos“ – den Tettnangern am 4. März 1768.

In den ersten richtigen Flurkarten der 1820er Jahre findet sich zum ersten Mal auch ganz offiziell der Name „Bürgermoos“, das damals noch als unbebautes Land verzeichnet ist. Erst ein Jahrhundert später entstand der Wohnplatz.

Der Bürgermooser Chronist Johann Jakob berichtet, dass 1921 Otto und Josefine Huber hier das erste Haus (spätere Nr. 2) errichteten, ein Jahr darauf folgten Karl und Maria Josefine Huber (spätere Nr. 3). Beide Bauten entstanden auf dem Grundstück der Witwe des Gerbermeisters Karl Buß. Das 3. Haus wurde nach Jakob 1925 errichtet – augenscheinlich die im Baugesuch der Witwe und Hausierhändlerin Luise Huber von 1929/30 bereits als gebaut verzeichnete Wohnbaracke mit Schuppen westlich von Otto und Karl Huber. Das Haus erhielt wohl deswegen später die Nr. 1, damit die Anwesen Westen nach Osten aufsteigend durchnummeriert waren. 1929 lebten hier die Geschwister Prijatelj, deren Wurzeln in der Krain liegen.

Siedlungstechnisch ging es in den folgenden beiden Jahrzehnten nur langsam voran, jedoch wurde 1930 der ursprüngliche Sumpf trockengelegt, das „Moos“ war fortan Geschichte. Im selben Jahr entstand auf einen Bauantrag der Witwe Luise Huber hin das vierte Haus und 1931 zählte Bürgermoos immerhin schon 12 Personen. Alle Gebäude dieses „Ur-Bürgermoos“ waren südlich der heutigen Mastorter Straße, in der Nähe der Abzweigung zum Theresienweg.

Weitere Weichen für eine großflächige Erschließung wurden gestellt, unter anderem wurde im Kriegsjahr 1942 ein Stromanschluss gelegt.

Bürgermoos war damals also primär eine Ansiedlung von Arbeitern und Handwerkern. Dies änderte sich durch die Folgen des 2. Weltkriegs, als die Donauschwaben aus Osteuropa vertrieben wurden. Ihre Vorfahren suchten donauabwärts ihr Glück und fanden dort für lange Zeit ein Zuhause. Sie hatten sich ihren alten Dialekt und ihre Gebräuche bewahrt, aber sich auch in ihre jeweilige neue Heimat integriert. Viele von ihnen kamen nach längerer Odyssee durch das zerstörte Europa in das Land ihrer Vorfahren zurück, viele auch in das vom Krieg weitgehend verschonte Tettnang. Der nun trockengelegte Sumpf im Bürgermoos war der passende Grund für den Bau eines neuen Stadtteils. Die Grundstücke wurden bewusst für den landwirtschaftlichen Nebenerwerb zugeschnitten.

So siedelten sich in mehreren Wellen 1956 zunächst 17 Familien, im Jahr darauf weitere 41 und 1965 nochmals 19, zusammen also 77 donauschwäbische Familien, hier an, wie der aus Pári vertriebene und damit selbst betroffene Chronist Jakob berichtet. Viele Straßennamen in Bürgermoos erinnern an die Herkunftsorte der Flüchtlinge wie Marienfeld oder Klausenburg.

Mitten in dieser Ausbauphase – am 5. Dezember 1963 – wurde der Wohnplatz im Gewann Bürgermoos mit seinen damals 392 Einwohnern per Gemeinderatsbeschluss offiziell als Weiler Teil der Stadt Tettnang.

Ebenfalls in den 1960er Jahren entstand das Gewerbegebiet Bürgermoos, das heute rund 60 Hektar umfasst und rund 1000 Menschen Arbeit bietet. Bürgermoos ist ein attraktiver und wachsender Standort für den Handel, dessen Bedeutung weit über Tettnang hinausgeht.
    

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Das rege Vereinsleben findet insbesondere im 1971 gegründeten SC Bürgermoos seinen Ausdruck. Mehr als 200 Fußballer, über 80 Tennisspieler und zahlreiche andere Freizeitsportler aus dem Stadtteil sind hier organisiert und die Sportstätten wurden immer wieder den Bedürfnissen der Zeit angepasst. Seit den 1980er Jahren pflegen die Bürgermooser auch eine eigene Fasnetskultur, die mit der „Sumpfbiberhexe“ auf den vormaligen Sumpf und mit dem „Walderer“ auf die ehemaligen Bürger und Waldarbeiter Bezug nimmt.

Für die Betreuung der Kleinsten wurde 1993 ein eigener Kindergarten eingerichtet, der später zur Kindertagesstätte erweitert wurde.

Seitdem sich die ersten Menschen im Bürgermoos dauerhaft niedergelassen haben, hat sich also viel getan. Aus den bescheidenen Anfängen vor einem Jahrhundert hat sich Bürgermoos zu einem lebendigen Stadtteil entwickelt, der mit seiner ganz besonderen Geschichte bis zu den Grafen von Montfort zurückreicht. Die ersten Siedler der 1920er Jahre, die gelungene Integration der Donauschwaben und das fortdauernde wirtschaftliche Wachstum haben Bürgermoos im Verlauf eines Jahrhunderts zu einer echten Tettnanger Erfolgsgeschichte werden lassen.

Dr. Florian Schneider
Stadtarchivar und Leiter des Stadtmuseums

DAS OFFIZIELLE ADRESSBUCH VON 1949/50 DOKUMENTIERT DIE DAMALIGE BEVÖLKERUNGSSTRUKTUR:

Bürgermoos 1: Pauline Rösch, Hausfrau und Julius [Rösch], Gipser; daneben der Schlosser Josef Klein.
Bürgermoos 2: Otto Huber, Tagelöhner und sein gleichnamiger Sohn, ein Schädlingsbekämpfer.
Bürgermoos 3: Karl Huber, Hilfsarbeiter. Da er allein genannt wird, stand er vielleicht in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zu den Hubers in Haus Nr. 2.
Bürgermoos 4: Wilhelm Fischer, Hilfsarbeiter (wohl das 1930 genehmigte Haus der Luise Huber)