Eine denkwürdige Impfaktion und ihre Folgen  Image 1

Impfstützpunkte in Wangen/Weingarten: Eine denkwürdige Impfaktion und ihre Folgen 

Wie Stadt und OSK auf den jüngsten öffentlichen Termin in Wangen mit Rekord-Wartezeiten in der Kälte reagieren

Stundenlanges Anstehen für einen Piks in den Oberarm. Noch nie war die Warteschlange vor der Impfstation im Wangener Stadtmuseum so lang wie am 11. November. Wenige Wochen später eröffnete ein Impfstützpunkt des Kreises seine Pforten in der Stadthalle. FOTO: BEE

WANGEN- Mit insgesamt 208 verabreichten Dosen, davon 113 als Auffrischung und 83 als Erstimpfung, war die jüngste öffentliche Impfaktion im Wangener Stadtmuseum vom Ergebnis her durchaus erfreulich. Weniger toll waren die Begleitumstände: In einer Schlange mit Rekordlänge mussten die Menschen draußen bis zu vier Stunden lang anstehen. Die SZ hat mit in der Kälte Wartenden gesprochen. Und bei Stadt und der für die Organisation der mobilen Impfteams verantwortlichen Oberschwabenklinik (OSK) nachgefragt, wie es bei den Impfterminen weitergeht.

Wer am Mittwochmorgen auf den Wangener Wochenmarkt wollte und dabei an der Eselmühle vorbeikam, dem wurde erneut vor Augen geführt, welche Ausmaße die CoronaKrise dieser Tage erreicht hat.

Bis zu 150 Menschen standen da in einer Reihe, die sich zeitweise vom Eingang des Stadtmuseums zunächst Richtung Museumscafé und von dort wieder zurück, der Stadtmauer entlang, hin zum Mühlrad zog. Die ersten hatten sich laut den Helfern aus der Stadtverwaltung bereits um 6 Uhr angestellt, obwohl die Impfaktion offiziell erst um 7 Uhr losging. Wer erst gegen 9 Uhr kam, hatte die längste Wartezeit – bis zu vier Stunden. Und das im schattigen Museumswinkel bei wirklich frischen Temperaturen im niedrigen einstelligen Bereich.

„Ich hatte vorher schon die Befürchtung, dass dieser Termin sehr frequentiert sein wird“, sagte Wangens OB Michael Lang auf SZ-Nachfrage bei einem Termin am selben Abend. Der Rathauschef hatte am späten Vormittag bei der langen Impfschlange vor dem Museum vorbeigeschaut. Um mit den Leuten zu reden und sich dabei auch für die Umstände zu entschuldigen, „obwohl wir nichts dafür können“. „Die Reaktionen reichten von großer Verärgerung bis hin zu großer Gelassenheit“, so Lang. Und: „Das Impfteam der OSK hat alles gegeben, aber die Situation war schon grenzwertig.“

Davon kann Hermann Hofer ein Lied singen. Er stehe hier schon seit dreieinhalb Stunden, berichtet der 83-jährige Deuchelrieder und blickt auf die knapp 30 Menschen noch vor ihm in der Schlange. Warum er sich für eine Auffrischimpfung das stundenlange Anstehen in der Kälte antut? „Ich will meinen Hausarzt nicht noch zusätzlich belasten, der hat gerade sowieso viel um die Ohren“, so Hofer.

„Da hätte ich wohl so schnell sowieso keinen Termin gekriegt“, spricht’s und erinnert sich mit einem milden Lächeln an seine beiden ersten Impfungen, die er seinerzeit im zentralen Impfzentrum in Ulm bekommen hat: „Das hat mit Hin- und Rückfahrt jeweils kürzer gedauert als jetzt.“ Kurz hinter ihm steht Ivana Diketa, sie wartet ebenfalls schon seit Stunden. Die 20-jährige Wangenerin hat lange gezögert, ehe sie sich für den Piks in den Oberarm entschloss – zuerst wegen ihrer Schwangerschaft, danach wegen ihrer grundsätzlichen Impfskepsis. „Jetzt habe ich mich aber dazu entschlossen, weil die Beschränkungen für Ungeimpfte immer mehr werden.“

Die zunehmenden Einschränkungen haben auch Heiner Winter veranlasst, in die Schlange zu stehen. Der 39-jährige kommt aus Bergatreute, hat zuvor vergeblich bei Ärzten nach dem Impfstoff von Johnson & Johnson angefragt und verbindet nun die öffentliche Impfaktion in Wangen mit einem Besuch in seiner alten Heimat.

Er führt medizinische Gründe für sein bisheriges „Nein“ zum Impfen an: „Die Wirkungsweise der neuen mRNA-Impfstoffe ist mir nicht geheuer“, sagt Winter. „Wenn ich mich jetzt aber nicht impfen lasse, ist mein Job in Gefahr.“ Geschäftsreisen samt Hotelübernachtungen würden mit den verschärften Regelungen nicht mehr möglich sein, so der Chef einer im Gesundheitsbereich tätigen Firma. Neben ihm hört Christine Haase aufmerksam zu und nickt. Die 51-jährige Wangenerin hat sich aus ähnlichen Gründen bislang nicht impfen lassen und musste sich in ihrem Beruf als Krankenschwester stattdessen täglich auf Corona testen lassen.

Der „soziale Druck“, manchmal auch mit Beschimpfungen, nehme aber zu, so Haase. „Und nun habe ich die Befürchtung, dass dies auch auf meinen Arbeitgeber zurückfällt.“ Grundsätzlich findet sie es schade, dass jeder, der abwarte und sich das Impfen reiflich überlege, gleich in die „radikale Querdenkerecke abgeschoben“ werde. Ob Winter und Haase an diesem Mittwoch noch ihre Impfdosis bekommen, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher. Denn sie stehen hinter einer imaginären Linie, die von Helfern aus der Stadtverwaltung gezogen wird. Sie unterstützen das mobile Impfteam wegen der riesigen Nachfrage diesmal auch bei der Kommunikation mit den Wartenden, beruhigen die Menschen gegebenenfalls, verteilen die Anamnesebögen und markieren durch ihre Position an diesem außergewöhnlichen Impftag eben auch die „Biontech-Grenze“.

Denn: Der begehrte Impfstoff reicht nicht für alle, und wer hinter der Linie steht, muss – egal, ob Erst-, Zweit- oder Booster-Impfung – auf ein anderes Vakzin ausweichen.

Wer mit Winfried Leiprecht über die aktuelle Situation bei den mobilen Impfteams spricht, – generell, aber auch speziell über die Aktion am Mittwoch in Wangen – erlebt einen OSK-Sprecher, der am Telefon bemüht ist, sachlich zu bleiben. „Wir haben nach dem beschlossenen Ende der Impfzentren vom Land kurzfristig den Auftrag für die Organisation der Teams bekommen, haben das bislang gestemmt, haben aber vom ersten Tag an die hohe Nachfrage gespürt und haben das auch weitergemeldet“, sagt Leiprecht.

Und stellt klar: „Unser Auftrag ist nicht, die Ärzte zu ersetzen, sondern eine Ergänzung des Impfangebots. Wir können in diesem großen Gebiet nicht das Rückgrat der Impfkamapgne sein.“ Das gelte auch jetzt, wo die Zahl der OSK-Impfteams für die Kreise Ravensburg, Biberach und Sigmaringen von zwei auf fünf steigen wird. Denn während sich mit steigenden Infektionszahlen die Beschränkungen für Ungeimpfte immer weiter verschärfen, die Ärzte wegen der Grippesaison zusätzlich belastet sind und viele Ältere jetzt eine Auffrischungsimpfung wollen, hat die Nachfrage bei den öffentlichen Impfterminen zuletzt spürbar angezogen.

„Das ist nicht nur in Wangen so, sondern auch in anderen Kommunen“, weiß der Sprecher des Klinikverbunds. Das habe mittlerweile solche Ausmaße erreicht, dass man mit den Verwaltungen auch darüber reden müsse, dass es bei den Arbeitszeiten auch Grenzen gibt. In Wangen beispielsweise wurde wegen des Andrangs bis um 14.30 Uhr durchgeimpft – offiziell wäre um 13 Uhr Schluss gewesen.

Die OSK arbeitet derzeit daran, die drei zusätzlichen, fünfköpfigen Impfteams aufzubauen – was wegen der generell dünnen Personaldecke und einer bedingt attraktiven Befristung bis Jahresende nicht einfach sei. Trotzdem sagt Leiprecht: „Die Teams werden nächste Woche einsatzbereit sein.“ Dann werde es mehr Termine geben, an denen die Leute im dreiköpfigen OSK-Organisationsstab und in den Teams „unter ganz hohem Druck“ arbeiten. Haupteinsatzbereiche seien an zentralen Plätzen von Städten und Gemeinden, in Pflegeeinrichtungen und in Schulen. Es dürfte aber auch in absehbarer Zeit dabei bleiben, dass angesichts der aktuellen Corona-Zahlen die Nachfrage nach kommunalen Impfterminen so hoch ist, dass sie von den Impfteams nicht oder nur schwerlich zu bewältigen ist.

Auch die Stadt Wangen drängt nach Zusatzterminen. Außerdem wird die Verwaltung, nicht zuletzt nach den Erfahrungen vom Mittwoch, die Rahmenbedingungen ändern. „Da zuletzt der Andrang beim Impfen zur Marktzeit in der Eselmühle sehr groß und das Foyer im Museum zu eng geworden war, wird das Impfen ab sofort mittwochs in die Stadthalle verlegt“, heißt es in einer Mitteilung.

„Die Lage aktuell ist sehr heikel“, sagt OB Michael Lang, der seit Anfang der Pandemie penibel seine eigene Wangener Corona-Statistik führt.

Seiner Meinung nach hechelt die Politik derzeit der großen Impfnachfrage hinterher. Seine düstere Prognose: „Ich fürchte, dass im Winter bei den Todesfällen wieder mehr die Älteren betroffen sein werden.“ Bernd Treffler

So ging es weiter

Ende November eröffnete der Kreis zwei Impfstützpunkte, einen in Wangen, einen zweiten in Weingarten. Anfangs liefen die auf Booster-Impfungen spezialisierten Einrichtungen wegen Personalmangels nur auf Halblast. Das gab sich aber ab dem 8. Dezember. Seither können an beiden Standorten zusammen täglich 1370 Auffrischimpfungen angeboten werden.