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Kreistagssitzung in Schlier-Wetzisreute: Zukunft des Waldseer Krankenhauses ungewiss

Rede des Gesundheitsministers schockiert – Gutachter soll OSK-Strategie unter die Lupe nehmen

Die Zukunft des Waldseer Krankenhauses ist ungewiss. FOTO: WOLFGANG HEYER

KREIS RAVENSBURG - Die zwei Krankenhäuser des Medizin-Campus Bodensee (MCB) könnten schon bald zur Oberschwabenklinik (OSK) gehören. Das deutete Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) in der Kreistagssitzung am Donnerstag in Schlier-Wetzisreute an. Seit einigen Monaten gibt es schon Beratungen hinter verschlossenen Türen, bei denen es um eine engere Zusammenarbeit zwischen OSK und MCB gehen sollte. Öffentlich war aber bislang nie die Rede davon gewesen, dass der Bodenseekreis als dritter Gesellschafter neben Landkreis und Stadt Ravensburg in den OSK-Verbund eintreten könnte und dieser um die Kliniken in Friedrichshafen und Tettnang erweitert wird. In den vergangenen zehn Jahren waren die beiden kommunalen Klinikverbünde zeitweise erbitterte Konkurrenten gewesen. Und noch eine Bombe ließ Lucha platzen: Er sieht mittelfristig für die Akutkrankenhäuser in Bad Waldsee und in Tettnang keine Zukunft.

Als er seine Vision von der Krankenhauslandschaft in der Region schilderte, wurde so mancher Kreisrat blass. Tabulos und klar listete Lucha die Defizite und Fehler auf, die in der Vergangenheit aus seiner Sicht begangen wurden.

Als „größten Kardinalfehler“ und „Schwachsinn, aus welchen Gründen auch immer“, bezeichnete er die Übernahme des defizitären früheren städtischen Krankenhauses 14 Nothelfer in Weingarten durch die Häfler, die die Schließung ja letztendlich doch nicht verhindern, sondern zur hinauszögern konnte. „Nicht bedarfsgerechte Krankenhäuser werden nicht geschlossen, sie schließen sich von selbst“, sagte Lucha. Und auch der Erhalt des kleinen Akutkrankenhauses Bad Waldsee sei „durch nichts mehr darzustellen“. Lucha kündigte an, dass das Land eine Sanierung oder gar einen Neubau des über 100 Jahre alten Gebäudes nicht finanzieren oder bezuschussen werde, und zwar „auf gar keinen Fall“. Dieses Aussagen haben die Waldseer Stadtverantwortlichen schockiert.

Schließlich soll ein externer Gutachter sich im Frühjahr 2022 mit der Medizinstrategie der Oberschwabenklinik (OSK) beschäftigen. Bis zu einer Entscheidung im Kreistag sind die Pläne vorerst auf Eis gelegt, die Orthopädie am Westallgäuklinikum in Wangen zusammenzuziehen und folglich in Bad Waldsee zu schließen. OSK-Geschäftsführer Oliver Adolph hätte sie gerne rasch umgesetzt – mit der Möglichkeit, die Entscheidungen eventuell zu revidieren. Doch er wurde buchstäblich in letzter Minute ausgebremst. So lief die entscheidene Sitzung im Kreistag im November ab.

„Sie können sich gedanklich sehr viel überlegen, es aber nicht umsetzen“, wies SPD-Fraktionsvorsitzender Rudolf Bindig den Geschäftsführer zurecht, und auch der Fraktionschef der Freien Wähler, Oliver Spieß, forderte, die Pläne vorerst nicht zu verwirklichen, auch nicht provisorisch, wie es Adolph vorschwebte. „Drei Monate können da nicht kriegsentscheidend sein, wir möchten erst das Gutachten abwarten.“

Zuvor hatte der OSK-Geschäftsführer dargelegt, welche Probleme die OSK gerade habe und welche Lösungen ihm vorschweben. Er betonte dabei, dass er vom Aufsichtsrat am 27. September den Auftrag dazu bekommen und nicht eigenmächtig diese Gedankenspiele entwickelt habe. Laut dem Aufsichtsratsvorsitzenden, Landrat Harald Sievers (CDU), bleibt eine gute Gesundheitsversorgung oberstes Ziel. Zugleich müsse die OSK ein attraktiver Arbeitgeber sein, weil Ärzte und Pfleger sich die Jobs aussuchen können. Und die Defizite dürften nicht über eine gewisse Schmerzgrenze hinaus wachsen.

Doch genau das droht. Schwankten die Verluste in den Jahren 2016 bis 2019 um gerade noch erträgliche fünf Millionen Euro herum, rechnet Adolph im laufenden Geschäftsjahr mit einem atemberaubenden Minus von 18 Millionen Euro, weil es im November nicht danach aussah, als würden wie 2020 wieder üppige staatliche Corona-Hilfen fließen. Für die nächsten Jahre sieht Adolph ein jährliches Defizit von zwölf Millionen Euro, wenn alles so bleibt wie gehabt. Falls die vierte Coronawelle allerdings so schlimm werde, wie es sich abzeichne, würden planbare Operationen und Behandlungen vermutlich bis März oder April 2022 nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt angeboten werden können, weil die OSK-Häuser dann alle Hände voll mit Covid-19-Patienten zu tun hätten.

Aber auch ohne Pandemie ist die OSK finanziell angeschlagen. Ein Grund sei ein hoher Anteil an Leiharbeitern, die das 2,5-Fache (Pfleger) bis 4,5-Fache (Ärzte) von Festangestellten kosten würden, so Adolph. Ohne Fremdpersonal ergebe sich ein Einsparpotenzial von 2,5 Millionen Euro. Würden Doppel- und Dreifachstrukturen abgeschafft, könnte die Zahl an Leiharbeitern reduziert werden. Dreifachstrukturen an den drei Akutkrankenhäusern in Ravensburg, Wangen und Bad Waldsee gibt es in den folgenden Disziplinen: Alle drei Häuser haben derzeit eine Abteilung für Innere Medizin, Orthopädie und Anästhesie, Doppelstrukturen in Ravensburg und Wangen gibt es bei Unfallchirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Allgemeiner Chirurgie (Viszeralchirurgie).

Ein Riesenproblem ist zudem die Bausubstanz in Bad Waldsee und Wangen: Beide Häuser sind über 100 Jahre alt, die restliche Lebensdauer wird auf höchstens zehn Jahre geschätzt. Um neu bauen zu können, bedarf es aber hoher Landesmittel. Und das Sozialministerium habe bereits klargemacht, dass Zuschüsse nur fließen würden, wenn entsprechend Doppelstrukturen abgebaut werden, erläuterte Adolph.

Er analysierte auch die weiteren Schwächen der einzelnen Standorte: Bad Waldsee habe durchschnittlich nur 50 der 85 Planbetten belegt. Die schwarzen Zahlen dort seien nur Resultat eines jahrzehntelangen Investitionsstaus. Wangen mache jährlich ungefähr 3,5 Millionen Euro Miese. Durchschnittlich seien dort 150 der 228 Planbetten belegt, es herrsche dort ein Missverhältnis zwischen hohen Vorhaltekosten von Personal und einer geringen Inanspruchnahme. Anders das „Flaggschiff“ Elisabethen- Krankenhaus in Ravensburg, soeben für 260 Millionen Euro modernisiert und mit 16 Fachabteilungen nahe an einem Maximalversorger und gut ausgelastet. Bleibt noch die Geriatrische Reha im Heilig- Geist-Spital, die ausgebaut werden soll, allerdings irgendwann im Lauf des nächsten Jahres aus der Ravensburger Innenstadt ins EK ziehen wird. Annette Vincenz