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KJC Ravensburg: Die fast perfekte Saison für Judoka Anna-Maria Wagner

Judoka Anna-Maria Wagner vom KJC Ravensburg wurde Weltmeisterin und gewann Bronze bei Olympia

Fast alles erreicht hat in diesem Jahr die Ravensburger Judoka Anna Maria Wagner (links). Das Foto entstand bei den Judo-Weltmeisterschaften in Budapest. FOTO: ATTILA KISBENEDEK

RAVENSBURG - Anna-Maria Wagners Blick zurück auf das zu Ende gehende Jahr dürfte ein vollkommen zufriedener sein. Alles andere ist zumindest schwer vorstellbar, denn die Judoka vom KJC Ravensburg hat in dieser Saison nahezu alles erreicht, was es in ihrem Sport zu erreichen gibt.

Die Erinnerungen an ihr bisher erfolgreichstes Jahr werden Wagner wohl ihr ganzes Leben lang begleiten. Und sollte die 25-Jährige künftig doch einmal einen kleinen Denkanstoß brauchen, muss sie einfach auf die Innenseite ihres linken Handgelenks blicken. Dort sind seit wenigen Wochen die fünf olympischen Ringe eintätowiert als sichtbarer Schlusspunkt hinter einer Saison, die für sie kaum besser hätte laufen können. „Vor zehn Jahren habe ich mir vorgenommen, dass ich mir die Ringe stechen lasse, wenn ich es zu Olympia schaffe“, sagt Wagner.

In einem Zustand der tiefen Entspannung verbringt Wagner ihre Zeit seit den aufregenden Tagen von Tokio, seit dem Ende eines verrückten Lebensabschnitts, der vor drei Jahren mit dem Beginn der olympischen Qualifikation begann und bei dem Turnier in Japan mit zwei Bronzemedaillen gekrönt wurde. Wohlverdienten Urlaub hat sie seither gemacht, sich mit Freunden getroffen, insgesamt einfach viel unternommen, ihre Familie besucht, die Seele baumeln lassen – und jede Menge Fanpost beantwortet. Fanpost? Ja, die gibt es wirklich noch. Briefe habe sie bekommen, auch Selbstgebasteltes, wildfremde Menschen teilten mit ihr ihre ganz persönliche Geschichte, wie sie Wagners Triumphe in Tokio erlebten. „Ich freue mich, dass ich so viele begeistern konnte“, sagt Wagner. Die Glückwünsche hörten zudem immer noch nicht auf, auch wenn ihr letzter Kampf schon drei Monate her ist.

Besonders über die Nachrichten aus ihrer Heimat hat sich Wagner sehr gefreut. „Das hat mich begeistert“, sagt sie, die für immer die erste Medaillengewinnerin bei Olympia aus Ravensburg bleiben wird. „Ganz Ravensburg stand hinter mir. Ich hatte das Gefühl, die ganze Stadt war dabei“, erinnert sich Wagner an ihren Eindruck, als die Nachrichten von allen Seiten nur so auf sie einprasselten.

Sie selbst kann sich noch bestens zurückversetzen an die wilden Tage Ende Juli, als sie erst Bronze im Einzel in der Gewichtsklasse bis 78 Kilogramm und dann auch noch Bronze mit der Mannschaft holte. Ihr Erfolgsrezept, sagt Wagner, sei gewesen, dass sie sich ganz und gar nicht verrückt machen ließ von diesem riesigen, aufgeladenen Turnier. Viele ihrer Mannschaftskollegen habe sie daran scheitern sehen, weil sie sich selbst mit ihrer Erwartungshaltung in Tokio überforderten. Wagner wurde im Vorfeld nur einmal richtig nervös, als sie nämlich merkte, dass sie das Gegenteil von nervös war.

Wie immer in den vergangenen Jahren meldete sie sich daraufhin bei ihrem Mentaltrainer Moritz Anderten und fragte: „Bin ich zu tiefenentspannt?“ Nein, lautete Andertens klare Antwort. Denn die innere Ruhe, der Tunnel, in dem Wagner sich befand, war genau das, was die beiden herausgearbeitet hatten, als es darum ging, die Weltklasse-Judoka noch besser zu machen und zu ihren höchsten Zielen zu führen.

Der Wettkampftag in Tokio lief fast perfekt. Erst im Halbfinale wurde Wagner von der späteren Olympiasiegerin Shori Hamada aus Japan bezwungen – die Folgen gingen allerdings weit über die reine Niederlage hinaus. Durch den entscheidenden Haltegriff Hamadas wurde Wagner am Ellenbogen schwer verletzt. In der Kabine flossen danach die Tränen, doch aufgeben war kein Thema. Mit purem Willen kam Wagner zum Bronzekampf zurück auf die Matte, besiegte Kalima Antomarchi aus Kuba und erfüllte sich so ihren großen Kindheitstraum. Die zweite Bronzemedaille zwei Tage später im Mixed-Wettbewerb rundete diese unfassbare Saison ab.

Begonnen hatte das Jahr für Wagner mit einer Niederlage beim Masters, bei dem sie aber schon deutlich aufsteigende Form spürte. Es folgten die Grand-Slam-Siege in Tel Aviv und Kasan, der Weltmeistertitel in Budapest, die endgültige Nominierung für Olympia und schließlich die herausragenden Tage von Tokio. Durch die Ellenbogenverletzung endete Wagners Saison zwar schlagartig. Wirklich traurig war sie deshalb nicht. „Ich bin in den letzten Jahren immer unter Spannung gewesen“, sagt sie. Die Pause tat ihrem Körper deshalb gut – und der Psyche ebenfalls.

Bald aber geht es wieder los. Zunächst startet Anfang des Jahres die nächste Saison mit den ersten großen Turnieren. Wagner freut sich vor allem, mit dem roten Namensschild auf dem Rücken, das sie als Weltmeisterin ausweist, auf die Matte zu dürfen. Und schon im Mai geht es wieder los mit der nächsten Olympiaqualifikation. Paris 2024 ist ihr nächstes großes Ziel. Gerne will sie wiederholen, was sie im zurückliegenden Jahr erreicht hat. Vielmehr möchte Wagner noch den letzten Schritt vorankommen und olympisches Gold holen. Der EM-Titel fehlt ihr auch noch. Es gibt also durchaus noch große Ziele für die erfolgreiche Judoka vom KJC Ravensburg. Michael Panzram