Mädchen beweisen Mut und retten Senior das Leben

Mädchen beweisen Mut und retten Senior das Leben

April: 86-Jähriger rutscht am Argen-Ufer einen Abhang hinunter - Dramatische Rettungsaktion mit Happy End

Wangen
Mädchen beweisen Mut und retten Senior das Leben

Stolze fünf Lebensretterinnen mit ihrer Belohnung für die Rettung von Ernst Benz: Celine Bentele, Lara Manojlovic, Leonisa Röhrich, Teresa Röhrich und Elena Manojlovic (von rechts). FOTO: BEE

28.12.2022

WANGEN - „Älterer Mann, der nach Sturz in die Argen größeren Rettungseinsatz auslöst. Zeugen, die den leicht verletzten Senior aus dem Fluss ziehen. Genauere Angaben zum Unfallhergang noch nicht möglich“: Was sich zwei Tage nach dem Vorfall Ende April laut Polizei eher sachlich und wenig spektakulär anhört, war in Wirklichkeit eine dramatische Rettungsaktion, bei der einige Mädchen im Wangener Stadtteil Epplings Mut und Zivilcourage bewiesen – und damit einem 86-Jährigen das Leben retteten. Die SZ hat mit den Beteiligten gesprochen. Das ist ihre Geschichte.

Es ist der 22. April, nachmittags, als Ernst Benz in der Epplingser Halde einen seiner regelmäßigen Spaziergänge unternimmt. Der rüstige Senior ist unweit seiner Wohnung unterwegs und sieht beim Parkplatz am Ende einer Stichstraße etwas auf dem Boden liegen. „Ich wollte was aufheben, bin dabei aber ausgerutscht und da runtergeflogen“, erinnert sich der 86-Jährige, als er sich gut zwei Wochen später mit der SZ an der Unglücksstelle trifft. Benz zeigt dabei auf den steilen, knapp zehn Meter langer Abhang, der hinunter zum Fluss führt. Und auf die Büsche und Bäume, an denen er sich zunächst festhalten und um Hilfe rufen konnte.

Lara Manojlovic und Teresa Röhrich sind in diesem Moment am benachbarten Spielplatz und hören die Schreie. Die sieben und neun Jahre alten Mädchen schauen nach, und als sie den hilflosen Senior am Abhang sehen, rufen sie ihre älteren Schwestern und eine Freundin herbei, die ebenfalls in der Nähe sind. Als Elena Manojlovic, Leonisa Röhrich und Celine Bentele am Unfallort ankommen, ist Ernst Benz weiter nach unten abgerutscht und liegt bereits am Argenufer, der Oberkörper im eiskalten Wasser. Die zwölfjährige Celine und die zehnjährige Elena steigen sofort runter und sehen nach. „Der Mann blutete am Kopf“, erinnert sich Celine. „Wir wussten im ersten Moment gar nicht, was wir tun sollten.“

Doch dann tun sie genau das Richtige. Sie packen den Senior am Kragen und versuchen, so gut wie möglich Kopf und Körper aus dem Fluss zu halten. Nach kurzer Zeit steigt Celine wieder hoch, rennt mit der elfjährigen Leonisa zum nächstgelegenen Wohnhaus und klingelt Sturm. „,Der Herr Benz liegt im Wasser’ haben sie geschrien“, berichtet später eine ältere Bewohnerin, die dann auch den Notruf absetzt. Eine weitere Frau aus dem Wohnhaus läuft mit zum Unfallort, der Vater von Teresa und Leonisa ist mittlerweile auch da. Zusammen steigen die Erwachsenen hinunter und lösen Celine und Elena bei der ersten Hilfe ab. Doch die Mädchen bleiben danach nicht untätig und laufen zum Anfang der Stichstraße, um die Einsatzkräfte einzuweisen.

Als Erstes kommt der Rettungswagen des DRK, dann die Feuerwehr mit mehreren Fahrzeugen. Bei einem Alarm zu einer sogenannten Tiefenrettung rücke im Normalfall ein ganzer Rüstzug an, so Feuerwehrsprecher Achim Reißner. Als Notarzt Martin Guggolz eintrifft, sind die Feuerwehrleute schon unten am Ufer. Sie ziehen Ernst Benz erst aus der Argen und dann mithilfe einer Schaufeltrage den Abhang hoch. Guggolz legt beim durch Kopf- und Schürfwunden und Prellungen gezeichneten Senior einen venösen Zugang und misst dessen Körpertemperatur: 34,8 Grad Celsius, also Unterkühlung. Der Rettungswagen fährt den 86-Jährigen daraufhin ins Krankenhaus, wo er einen Tag bleiben muss.

„Für mich war das eigentlich ein ganz normaler Notarzt-Einsatz“, sagt Martin Guggolz. Außergewöhnlich daran sei jedoch für ihn, wie sich die beiden Mädchen verhalten hätten. „Die sind nicht gleich weggerannt und haben Hilfe gerufen, sondern sind runter, haben den Mann festgehalten und ihm so das Leben gerettet.“ Eine solche Zivilcourage brächten Erwachsene regelmäßig nicht auf. „Ich erlebe das öfters, dass die untätig bleiben und rumstehen“, so der leitende Notarzt. „Deshalb finde ich, dass die Mädchen eine Anerkennung verdient haben.“ Wangens OB Michael Lang will sich mit den Mädchen treffen und sich hier was überlegen. Von Guggolz, Feuerwehr und Polizei gab es für die mutigen Helferinnen schon beim Einsatz kräftig Lob.

Nun, gut zwei Wochen später, steht Ernst Benz zusammen mit Lara, Elena und Celine vor dem benachbarten Haus mit der Wohnung der Familie Manojlovic und hält ein grünes Blatt Papier in der Hand. Es ist eine mit Blumen, Herzchen und Smileys verzierte Glückwunschkarte, die Lara und Teresa geschrieben haben, weil sie sich Sorgen gemacht hatten. Der 86-Jährige ist sichtlich gerührt und verbeugt sich: „Viiiielen Dank.“ Die drei Mädchen lächeln etwas verlegen. „Wir sind schon ein wenig stolz, dass wir da helfen konnten“, sagt die zwölfjährige Celine.

Ihre Bescheidenheit in allen Ehren: Aber es war ihre Hilfe, die einem anderen Mensch das Leben gerettet hat. Bernd Treffler

Was anschließend passierte

Der Bericht in der „Schwäbischen Zeitung“ sorgte für enormes Aufsehen und Dankesworte, Ehrungen und Überraschungen ließen für die Lebensretterinnen nicht lange auf sich warten: OB Michael Lang stattete ihnen und dem Geretteten einen Besuch ab und ließ sich die Rettungsaktion genau erklären. „Die Kinder haben instinktiv das Richtige gemacht, und dafür werden sie jetzt auch belohnt“, sagte er anschließend und überreichte ihnen Rosen sowie Eis- und Einkaufsgutscheine. Richtig große Augen bekamen die Mädchen aber, als sie erfahren, dass sie von Polizeipräsident Uwe Stürmer zu einer Sonderfahrt mit einem Polizeiboot auf dem Bodensee eingeladen werden. Die Fahrt genießen sie bei bestem Wetter im Sommer. (jps)

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