,,Ich bin keine Quotenfrau"

,,Ich bin keine Quotenfrau"

Juli/August: Manuela Oswald wird Amtzells neue Bürgermeisterin und äußert sich im großen Interview

Wangen
,,Ich bin keine Quotenfrau"

Manuela Oswald wird Anfang Oktober von Hans Roman, stellvertretender Bürgermeister von Amtzell, im Alten Schloss in ihr Amt eingesetzt. FOTO: SUSI WEBER

28.12.2022

AMTZELL - Kurz nach ihrer Wahl ist Amtzells neue Bürgermeisterin schon wieder voll beschäftigt. Für ein Telefoninterview nimmt sich Manuela Oswald (parteilos) trotzdem spontan Zeit. Im Gespräch mit Paulina Stumm blickt die 43-Jährige auf Erfahrungen im Wahlkampf zurück, spricht über die Rolle von Frauen in kommunalen Führungsaufgaben und benennt die für sie interessanten Themen der jüngsten Gemeinderatssitzung.

Frau Oswald, Sie hatten ihre Kandidatur spät eingereicht, haben dann einen intensiven Wahlkampf geführt und am Sonntag die Wahl gewonnen. Sie sind also die neue Bürgermeisterin von Amtzell – wie fühlt sich das an?
Sehr gut! Es ist natürlich spannend, denn es kommen Herausforderung auf mich zu. Den Wahlabend selbst habe ich herbeigesehnt. Als das Ergebnis verkündet wurde, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Mein Ziel war, mit Abstand zu gewinnen, diesen Rückhalt zu spüren. Und dann war der Abend sehr emotional für mich. Ich habe in so viele strahlende Gesichter geschaut, das hat mir auch ganz viel Mut gemacht. Der Zuspruch und die Glückwünsche auf allen Kanälen reißen nicht ab, sowas habe ich noch nie erlebt.

Wie haben Sie den Wahlkampf erlebt?
Ich habe durchweg positive Erfahrungen gemacht. Die Gastfreundschaft hat mir sehr imponiert – im späteren Verlauf wurde ich auch oft zu Treffen eingeladen. Ich bin froh, dass der Wahlkampf gut und sauber gelaufen ist. Was ich auf jeden Fall mitgenommen habe ist, dass Bodenhaftung und die Nähe zum Bürger als extrem wichtig empfunden werden – das kam mir natürlich entgegen, weil ich das auch so empfinde. Es gab von Anfang an Menschen, die mich unterstützten, und im Lauf der Zeit wurde ich immer öfter mit meinem Namen angesprochen, wenn ich in Amtzell unterwegs war – am Ende haben sogar zwei Kinder meinen Namen gekannt, das war ein Wow-Moment.

Die Wahlbeteiligung lag im zweiten Wahlgang bei knapp 60 Prozent. Sie erhielten gute 63 Prozent der Stimmen. Wie bewerten Sie das Ergebnis?
Ich war sehr überrascht und habe mit Freude wahrgenommen, dass die Wahlbeteiligung diesmal der ersten Wahl sehr ähnlich war. Da hatte ich schon Sorgen: Schafft man es, seine Wähler wieder zu mobilisieren, gerade wenn man in der Favoritenrolle ist? Mit den 63 Prozent bin ich sehr zufrieden, alles, was 60 plus ist, war Ziel – und ich hatte einen starken Mitbewerber, das darf man nicht verkennen.

Der Vorgänger und seine Nachfolgerin: Clemens Moll überreicht Manuela Oswald zum Start ins Amt Süßigkeiten. FOTO: SWE
Der Vorgänger und seine Nachfolgerin: Clemens Moll überreicht Manuela Oswald zum Start ins Amt Süßigkeiten. FOTO: SWE

Welche Rolle hat es gespielt, dass Sie als Frau angetreten sind?
Es ist schon was Besonderes, dass eine Frau gegen vier Männer antritt – das hat mich am Ehrgeiz gepackt. Man weiß ja, dass Frauen unterrepräsentiert sind in Bürgermeisterämtern. Und ja, ich wurde schon mit Fragen konfrontiert, die man Männern nicht stellt. Zum Beispiel: Wie machen Sie das mit vier Kindern? Das fragt man einen Mann nicht. Ich habe mir schon überlegt, ob ich meine Kinder im Flyer abbilde, wie es bei männlichen Kandidaten sehr üblich ist – und habe mich dann sehr bewusst dafür entschieden. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist mir sehr wichtig. Ich bin stolz auf meinen Mann und meine Töchter, die mich voll unterstützen.

Frauen an der Verwaltungsspitze sind noch immer eher die Ausnahme als die Regel. Sehen Sie sich als Vorbild?
Es gibt im Landkreis Ravensburg ja beispielsweise in Schlier und Bad-Wurzach Bürgermeisterinnen. Aber ja, der Frauenanteil der Studierenden im öffentlichen Dienst liegt bei etwa 70 Prozent – das spiegelt sich nicht in den Führungsämtern in der Verwaltung. Daran sieht man aber auch: Es gibt sehr viele topqualifizierte Frauen, die aus anderen Gründen nicht in die Verantwortung gehen. Frauennetzwerke halte ich da für wichtig. Aber es ist das Gesamtpaket: Ich bin keine Quotenfrau, ich bringe die entsprechenden Qualifikationen und Erfahrungen für das Amt mit.

Sie arbeiten aktuell als Diplom-Verwaltungswirtin beim Landratsamt in Lindau, leiten den Fachbereich Kreisentwicklung. Wann werden Sie denn ihr Amt in Amtzell antreten, und wie bereiten Sie sich in der Zwischenzeit vor?
So schnell wie möglich. Im Moment gehe ich davon aus, dass es der 1. Oktober wird. Ich verfolge natürlich das kommunalpolitische Geschehen sehr aktiv und war am Montag als Zuhörerin im Gemeinderat. Ich werde bis zum offiziellen Dienstantritt so viel Zeit wie möglich in Amtzell verbringen. Aus den Wahlkampfgesprächen weiß ich, welche Themen aktuell präsent sind, jetzt geht es darum, auch die Sichtweise aus der Verwaltung einzuholen. Und natürlich will ich meine derzeitige Tätigkeit gut zum Abschluss bringen.

Welche drei „Akten“ werden Sie sich zuerst auf den Tisch legen?
Das kann ich gar nicht ausnahmslos selbst wählen – das zeigt sich schon an der To-do-Liste, die sich über die Gespräche im Wahlkampf ergeben hat, sowie bei Aktuellem aus dem Gemeinderat. Aber: Kennenlernen der Verwaltung und der Einrichtungen, Kinderbetreuung und Gebührenstruktur – das Thema ist mir auch vor meinem eigenen Hintergrund wichtig: Ohne ein gutes Betreuungssystem gehabt zu haben, könnte ich dieses Amt heute nicht antreten. Auch die Themen Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat und Wohnraumentwicklung sind von Anfang an wichtig.

Es waren intensive Wochen, jetzt sind sie beruflich wieder eingespannt, wie und wo gönnen Sie sich eine Pause?
Wir werden Ende August ein paar Tage Familienurlaub machen. Ich war schon über viele Wochen nicht mehr auf der Jagd, das werde ich mit meinem Mann jetzt wieder aufgreifen – jeder auf seinem Hochsitz den Morgen oder Sonnenuntergang erleben und die Natur bewusst wahrnehmen. Paulina Stumm

Was rund um die Wahl und danach geschah

Elf Jahre ist er im Amt, dann bewirbt sich Amtzells Bürgermeister Clemens Moll um die vakante OB-Stelle in Weingarten. Er hat durchschlagenden Erfolg und wird bereits im ersten Wahlgang gewählt. Damit ist das Rennen um seine Nachfolge in Amtzell quasi eröffnet – ein offenbar begehrtes Amt, denn am Ende hat die Bevölkerung tatsächlich eine große Auswahl zwischen vier männlichen Kandidaten und einer Frau.

Als erster wirft Clemens Stadler offiziell seinen Hut in den Ring, als letzte gibt Manuela Oswald ihr Bewerbungsschreiben im Rathaus ab – und zwischen dem Ersten und der Letzten entwickelt sich ein Zweikampf. Beide punkten im Wahlkampf mit ihrer Verwaltungserfahrung und hängen die drei Mitbewerber im ersten Wahlgang deutlich ab. Von denen bleibt zwar einer auch bei der zweiten Runde noch im Rennen, hat aber erneut keine Chance.

Ihre dagegen nutzt Manuela Oswald und setzt sich gegen Clemens Stadler durch. Die Letzte wird am Ende also Erste – und auch die erste Frau auf dem Amtzeller Bürgermeisterposten.

Mehr als tragisch ist zu nennen, was kurz vor Oswalds Amtseinführung passiert. Der langjährige Kämmerer Jürgen Gauß stirbt plötzlich und völlig unerwartet. Trauer und Anteilnahme in der Gemeinde und in seiner Heimatstadt Wangen sind groß – und beruflich hinterlässt er in der Amtzeller Gemeindeverwaltung eine große Lücke. Die ist zu diesem Zeitpunkt in der Spitzenriege ohnehin ausgedünnt: Die neue Bürgermeisterin ist noch nicht im Amt und für die Hauptamtsleitung wird auch jemand gesucht.

Gegen Jahresende regeln sich die Personalfragen. Monika Gauß wird neue Kämmerin. Sie war die Ehefrau ihres verstorbenen Mannes Jürgen und beruflich zuvor bereits dessen Vertreterin.

Luca Reisner folgt im Hauptamt schließlich auf die in eine Babypause gegangene Monika Diem. Er kommt von der Stadtverwaltung Ravensburg und ist dort als Sachgebietsleiter tätig. (jps)

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