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Gastronomie ist Leben

Im Miteinander des Familienverbandes - hier mit Oma Hilde Haller - werden die Ratsstuben-Herausforderungen gemeistert

Ein offenes Haus der Gastfreundlichkeit ist die „Ratsstube“ am südlichen Marienplatz mitten im Herzen der Stadt. Das um 1380 bei der großen Stadterweiterung erbaute Haus beherbergt seit über 300 Jahren eine Gastwirtschaft. Seit 1921 ist das denkmalgeschützte Haus im Familienbesitz und gehört zu den Traditionslokalen in Ravensburg - gastfreundlich, dialogbereit, geöffnet für alle BürgerInnen und für alle Generationen.

RAVENSBURG - Seit 1921 wird die Ratsstuben-Gastronomie von den Familien Riedesser-Schmid-Haller-Schuler im Familienverband weitergetragen. Die Ratsstube hat ganzjährig und täglich geöffnet und hat inzwischen zehn Monate der zweimal staatlich verordneten Corona-Schliessungen 2020/2021 überstanden.


Das traditionsreiche und familiäre Gasthaus am Marienplatz


Das Marketingkonzept der Ratsstuben-Gastwirte Claudia Haller-Schuler und August Schuler junior und ihrem Team ist eindeutig: „Gastronomie ist Lebensfreude, ist Begegnung, ist Dialog!“ Diese echte gastronomische Leidenschaft setzt die ‚Claudi‘ in ihrem 37-sten Ratsstuben-Jahr um. Mit ihrem Sohn August junior hat sie seit vielen Jahren einen engagierten Nachfolger und überzeugenden Gastronomen an ihrer Seite.

Im Mittelpunkt stehen ihre große Ratsstuben-Familie, ihre jungen und junggebliebenen Gäste aus Nah und Fern, aus Stadt und Land. Traditionsbewusst, authentisch, offen und ehrlich. Mit Schaffensfreude, Tatkraft und Freundlichkeit. Das wissen die zahlreichen Stammgäste mehr als zu schätzen. Selbstverständlich ist für die Gastwirtin Claudia Haller-Schuler auch ehrenamtliches Engagement für die Menschen und die Bürgerschaft. Sei es in den 80-er Jahren als Gemeinderätin und Bürgermeister-Stellvertreterin in ihrer Heimatgemeinde Berg, sei es als Gründungsmitglied und langjähriges Vorstandsmitglied Gastronomie/ Hotellerie im Wirtschaftsforum Pro Ravensburg von 1988 - 2000.

Große Vorbilder sind für Claudia ihre Großmutter Anna Schmid, die bis 1976 über vier Jahrzehnte als legendäre Ratsstuben-Wirtin wirkte. Ebenso ihre Mutter Hilde Haller, geb. Schmid, die gemeinsam mit ihrem Mann Franz Haller das denkmalgeschützte Gasthaus im Rahmen der Innenstadt-Sanierung liebevoll saniert hat. Bis Anfang der 70-er Jahre fand der traditionsreiche Ravensburger Viehmarkt auf dem südlichen Marienplatz statt. In den umliegenden Gasthäusern wie etwa in der Ratsstube wurde bei Nudelsuppe, Tellerfleisch und Bratwürsten der Viehhandel getätigt und ausbezahlt. Seit 1989 ist die Marienplatz-Fußgängerzone mit darunterliegender Tiefgarage ein Glücksfall für den Handel, für alle Gastronomen und ihre Gäste. In den Sommermonaten zieht mit der Außenbestuhlung italienisches Flair ein. Zwischen Rathaus und Kornhaus freuen sich die Ravensburger und viele Stadtbesucher auf Begegnungen und Gespräche unter freiem Himmel.

Der Höhepunkt des Ratsstuben-Jahres bildet das Rutenfest. Für alle RavensburgerInnen ist es das „Fest der Feste“. Für die Gastronomie am südlichen Marienplatz bedeutet das für fünf Tage eine große Herausforderung und ein Ausnahmezustand. Alle Rutenfest-Freunde, Trommlergruppen und Fanfarenzüge geben sich die Ehre des Besuches und des Antrommelns bei ihrer Ratsstube.

Allein mit Claudia

 
RATSSTUBE - Noch bin ich mit ihr alleine. Ohne Maske. Noch stört uns niemand, früh am Samstagmorgen. Weißt du schon? Hast du auch gehört, dass ...? Hast du die Todesanzeigen in der Schwäbischen Zeitung schon gelesen? Mit diesen Fragen beginnt unser Gespräch. Und: Was macht dein Mann, deine Frau? Wie geht’s deinen Kindern, den Enkeln? Hast du den Garten schon winterfest gemacht?

Heute tauchen wir unter dem Foto ihrer Großmutter Anna Schmid über der Theke tief ein in die Vergangenheit. Über die Wirtschaft namens „Grüner Baum“, wie die Ratsstube einst hieß. Wir erinnern uns an verstorbene Ravensburger Bürger (innen) und Originale: Handwerker, Kaufleute, Bierkutscher, Lokalpolitiker, Pfarrer, Blutwurst-Angehörige, Adabeis, Vielredner, Schüler, Arme und Reiche, fallen uns ein. Wir denken an Herwig Schlotke, das wandelnde Lexikon des Rutenfestes, und an manche so schöne wie unnahbare Bedienungen. Wir sprechen über einhundert Jahre Ratsstube.

„Tausendundeine Seele hast du getröstet und noch mehr mit Butter bestrichen, mit Schinken und Käse belegt“, sage ich zu Claudia. Durch frische Brezeln schiebt sie ihr Messer und mir auf der Theke noch eine Tasse Kaffee zu. Seit 37 Jahren führt sie, inzwischen tatkräftig unterstützt vom jungen August, die Ratsstube, kann sich verlassen auf ihre Töchter Anna und Maria und ihren Ehemann August senior, Vollblutpolitiker von Ravensburg bis Stuttgart, dem sie wie allen Gästen eine ebenso geduldige Zuhörerin wie kluge Ratgeberin ist, sofern sie gefragt wird. Sie kann auch sehr verschwiegen sein, weshalb sie die Geheimnisse aus Stadt und Land kennt. Vom Blaserturm her schlägt’s halb neun am Samstagmorgen. Höchste Zeit, die Tische draußen zu wischen und den ersten Gästen Kaffee und Butterbrezeln zu servieren. „Morgen sehen wir uns wieder“, sage ich zum Abschied. „So Gott will!“ sagt Claudia. MARKUS GLONNEGGER