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Das Zugabteil als Büro: Ministerpräsident Erwin Teufel während einer seiner regelmäßigen Bahnfahrten von Spaichingen nach Stuttgart. FOTOS: ARCHIV
Vertrauen verloren - alles verloren:. Dieses Lieblingszitat Erwin Teufels begleitet und prägt sein politisches Leben und Wirken. Am heutigen Mittwoch feiert er seinen 80. Geburtstag.

REGION (kas) - Er wird am 4. September 1939 in Rottweil als ältestes von neun Kindern der Eheleute Julie und Josef Teufel geboren und wächst auf dem bescheidenen elterlichen Bauernhof im Dorf Zimmern auf. Da der begabten Mutter versagt war, das Gymnasium zu besuchen, bemüht sie sich, ihre Kinder nach Kräften zu unterstützen und ihre Bildung zu fördern. So sorgt sie dafür, dass die Kinder, vor allem Erwin, Bücher bekommen und somit ihre Bildung erweitern.

Erwin Teufel kommt 1945 in die Volksschule in Zimmern, wo es am Nötigsten fehlt. Nach der Schule müssen er und seine Geschwister auf den Äckern helfen. In der Familie herrscht keine Armut, auch wenn das Geld oft knapp ist. Sonntags geht die Familie in die Kirche. Als ältestes Kind übernimmt Erwin Mitverantwortung für seine Geschwister, indem er ihnen bei den Haus- und Schulaufgaben hilft. In der Schule zählt er zu den Besten; die Lehrer empfehlen, ihn aufs Gymnasium zu schicken. Prägend für ihn in der Nachkriegszeit sind die Bücher, die sich mit dem Widerstand ausein-andersetzen, so das von Helmut Gollwitzer herausgegebene Werk „Du hast mich heimgesucht bei Nacht. Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933–1945", das Tagebuch der Anne Frank, die Weiße Rose. Er besucht das Albertus-Magnus-Gymnasium in Rottweil, das er mit der Mittleren Reife verlässt.

Er interessiert sich für die Politik, verfolgt im Radio die Debatten aus dem Bundestag mit Fritz Erler, Carlo Schmid und Kurt Schumacher auf der einen und Konrad Adenauer, Kurt Georg Kiesinger und Franz-Josef Strauß auf der anderen politischen Seite. Teufel verlässt die Schule und beginnt eine Ausbildung im höheren Verwaltungsdienst. 1961 geht er ans Landratsamt Rottweil. Von 1962 bis 1964 ist er Stadtoberinspektor in Trossingen. In Spaichingen wird er 1964 zum damals jüngsten Bürgermeister der Bundesrepublik gewählt und bleibt in diesem Amt bis 1972. 1965 gelangt er in den Kreistag des Landkreises Tuttlingen, 1970 in den Diözesanrat der Diözese Rottenburg.

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Im Dezember 1956 wird er Mitglied der CDU und gründet zusammen mit Heiner Geißler und Franz Sauter die Junge Union für den Kreis Rottweil- der Beginn seiner politischen Karriere. Er wächst mit seinen Aufgaben und Ämtern: Von 1959 bis 1970 ist er im Landesvorstand der Jungen Union, ab 1961 hat er Sitz und Stimme im Landesvorstand der CDU in Württemberg-Hohenzollern.

1962 heiratet Erwin Teufel Edeltraud Schuchter, beide kennen sich schon aus der Volksschule. Das Ehepaar bekommt vier Kinder und hat sechs Enkelkinder. Am 23. April 1972 wird Teufel erstmals als Direktkandidat des Wahlkreises Villingen-Schwenningen in den Landtag gewählt. Wegen einiger Müllskandale installiert Ministerpräsident Filbinger im Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Umwelt einen politischen Staatssekretär, zuständig für Umweltschutz: Erwin Teufel. Infolge der Selbstmorde der RAF-Terroristen in Stammheim wird Lothar Späth Innenminister; der Fraktionsvorsitz ist frei. Teufel ist auch hier Außenseiter, wird aber im dritten Wahlgang mit 35 zu 27 Stimmen gewählt.

Nach dem Rücktritt von Filbinger, infolge der Diskussion seiner Tätigkeit als Marinerichter im Dritten Reich, wird Lothar Späth 1978 zum Ministerpräsidenten gewählt. Infolge der „Traumschiff-Affäre“ - Späth soll mehrere von Firmen finanzierte Reisen getätigt haben - tritt er 1991 zurück und verzichtet auf eine erneute Kandidatur als CDU-Landesvorsitzender. Ein Untersuchungsausschuss des Landtags spricht Späth dann jedoch von persönlicher Schuld frei; das von der Staatsanwaltschaft eingeleitete Ermittlungsverfahren wird eingestellt.

Nachdem der beliebte Stuttgarter OB Manfred Rommel nicht bereit ist, Späths Nachfolge anzutreten, gibt es nur einen weiteren Kandidaten: Erwin Teufel. Am 22. Januar wird er mit 71 von 124 Stimmen zum Ministerpräsidenten gewählt. Er erhält sogar fünf Stimmen aus den Reihen der Opposition.

Nach der Landtagswahl 1992 sieht sich Teufel wegen Verlusten der CDU zu einer großen Koalition mit der SPD genötigt. Als besonderer Erfolg gilt die Fusion der Badenwerk AG mit der Energie-Versorgung Schwaben AG. 1996 bildet Teufel eine Koalition mit der FDP. Herausragende Erfolge der Wahlperiode sind die Fusion des SWF mit dem SDR zum Südwestrundfunk SWR (1997) und der Zusammenschluss der Südwestdeutschen Landesbank, Landeskreditbank Baden-Württemberg und Landesgirokasse Stuttgart zur Landesbank Baden-Württemberg.

Nach einem erneuten Wahlsieg 2001 setzt Teufel die Koalition mit der FDP fort. Eine strenge Sparpolitik mit einer umstrittenen Verwaltungsreform und neue Akzente in der Bildungspolitik kennzeichnen Teufels letzte Amtszeit. Als sich 2004 der innerparteiliche Druck für einen Generationswechsel an der Landesspitze erhöht, kündigt Teufel schließlich für April 2005 seinen Rücktritt an. Seine Wunschnachfolgerin Annette Schavan kann sich jedoch nicht durchsetzen, neuer Ministerpräsident wird Günther Oettinger.

Erwin Teufel erfüllt sich nach dem Abschied aus der Politik einen lang gehegten Wunsch und beginnt mit 65 Jahren, Philosophie zu studieren. Er bezieht eine kleine Studentenbude beim Redemptoristen Orden in München und studiert von 2005 bis 2008 an der jesuitischen Hochschule für Philosophie.

Als der Deutsche Ethikrat anfragt, ob Teufel als Gremiumsmitglied mitarbeiten möchte, kollidieren Vorlesungen und seine vielen Ehrenämter zu oft. So beendet er nach 5 Semestern sein Studium und ist von 2008 bis 2012 Mitglied des Ethikrates. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ernennt ihn in Anerkennung seiner Verdienste für Literatur und Wissenschaft 2015 zum Ehrenprofessor des Landes Baden-Württemberg.
   
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