„Die aktuellen Lockerungsorgien auf Landes- und Bundesebene befremden mich“

Für Achim Deinet haben Gastronomie und Handel die Corona-Krise bisher gut gemeistert. Man müsse aber weiterhin kreativ und gleichzeitig vorsichtig sein, um weitere Folgen der Pandemie so gering wie möglich zu halten. FOTOS: KATRIN BÖLSTLER/NICOLE KAISER

Wie hat Bad Schussenried die Corona-Pandemie bisher bewältigt? Was bedeuten die Einschränkungen für den Zusammenhalt in der Stadt? Und wie haben er und seine Familie die vergangenen Monate erlebt? Der Südfinder hat bei Bürgermeister Achim Deinet nachgefragt.

Wie haben Sie den Zusammenhalt in Bad Schussenried während des Lockdowns wahrgenommen?

Die für viele Privatpersonen und Betriebe in Bad Schussenried sehr schmerzlichen und teilweise existenzbedrohenden Einschnitte haben andererseits sehr kreative Reaktionen beziehungsweise „Überlebensstrategien“ ausgelöst. Irgendwie ist mein persönlicher Eindruck, dass es die Bürger näher zueinander gebracht hat und sie sich aktuell wieder mehr mit der Frage beschäftigen, was im Leben wirklich wichtig ist. Konkret möchte ich das daran festmachen, dass sich bei unserem Ordnungsamt rund zehnmal so viele Freiwillige gemeldet haben, als im Endeffekt benötigt wurden, um Notlagen zu entschärfen. Alles andere wurde bereits durch Nachbarschaftshilfe organisiert.  
    

Wie steht es nach dem Lockdown um Betriebe, Händler und Gastronomen in Bad Schussenried?

Insbesondere Gastronomie, Handel, Veranstaltungsfirmen und die Zulieferer der Autoindustrie litten und leiden weiterhin unter dem Lockdown, den ich im Übrigen für absolut geboten hielt und mit Maß weiterhin halte. Wir sind nicht über den Berg und die aktuellen Zahlen lokal, regional und auch international zeigen dies deutlich. Es betrifft uns alle weiterhin und das arglose Verhalten vieler Zeitgenossen erfüllt mich mit Sorge. Die „Zweite Welle“ wird dann wiederum die auch bisher schon stark Betroffenen treffen. Das heißt aber für mich jetzt nicht, dass wir den Kopf in den Sand stecken sollten, sondern ganz im Gegenteil: vorsichtig und rücksichtsvoll sein und dennoch unsere Kreativität nutzen, um unvermeidbare Folgen zu reduzieren. Unsere örtliche Gastronomie und der Handel haben dies bereits gut gemeistert, sind aber weiterhin stark gefordert. Das Handwerk war kaum betroffen: Die Auftragsbücher in der Bauwirtschaft sind weiterhin voll und die Anreize von Bund und Land zielen nahezu ausschließlich auf die Fortsetzung des Baubooms und die Aufträge der öffentlichen Hand. Sorgen macht mir die Autoindustrie, was aber nicht auf Corona zurückzuführen ist, sondern auf fehlende Innovationskraft und den hausgemachten Abgasskandal. Für die „große“ und die Lokalpolitik kann die Lehre aus dieser Zeit nur heißen, dass wir uns wieder mehr der Förderung des Mittelstandes und nicht der großen Konzerne widmen müssen, die keiner mehr steuern kann.

Hat die Corona-Krise auch Auswirkungen auf die Haushaltsplanungen?

Ja natürlich. Wir haben wie alle Kommunen einen massiven Gewerbesteuereinbruch zu verkraften. Hinzu kommen die geringeren Einkommenssteueranteile. Wir gehen derzeit bei gleichzeitig anstehenden (Ersatz-)Investitionen im zweistelligen Millionenbereich, zum Beispiel für Schulzentrum, Mensa, Breitbandausbau, Sporthalle. Das zu schultern wird ohne Kreditaufnahme nicht möglich sein und es werden auch massive Einschnitte in bisher liebgewonnene Gewohnheiten und Freiwilligkeitsleistungen erforderlich. Hier wird es jeden Bereich treffen (müssen), da braucht man gar nicht drum herumzureden und das muss jeder Bürger wissen. Wir müssen den Gürtel enger schnallen, vor allem in den laufenden Ausgaben, und unser Anspruchsdenken wieder auf ein Normalmaß zurückschrauben beziehungsweise die Gebühren erhöhen, zum Beispiel in der Kinderbetreuung. Kontraproduktiv wäre es aber, die Investitionen nun auf Null zurückzufahren.
    

Halten Sie die Einschränkungen durch die Corona-Verordnungen für angemessen oder sehen Sie Verbesserungsbedarf?

Für den Anfang der Corona- Zeit muss man mit Einschränkungen der Politik ein großes Lob zollen. Das haben Bund und Länder bestens geregelt, sodass wir im internationalen Vergleich sehr gut durch die Krise kamen. Auch dass es unterschiedliche Regelungen in den verschiedenen Bundesländern gab, ist absolut richtig: Warum sollen Menschen in Norddeutschland genauso eingeschränkt werden, wenn dort die Betroffenheit wesentlich geringer ist wie im Süden (Bayern und Baden-Württemberg haben die Hälfte aller Fälle in ganz Deutschland!). Ich sprach vor Kurzem mit einem Kollegen aus Mecklenburg- Vorpommern. In dessen Landkreis gab es zu dem Zeitpunkt ganze zwei Fälle! Der Landkreis ist so groß wie das ganze Saarland. Zum Vergleich: nur in Bad Schussenried gab es bisher 150 Personen in Kontakt- Quarantäne, 63 Infizierte und ein Todesfall. Im Gegensatz zur Corona-Anfangszeit befremden mich die aktuellen „Lockerungsorgien“ auf Landes- und Bundesebene: Sie führen mit Einschränkungen zu einer verantwortungslosen Unbekümmertheit vieler und stärken zusätzlich auch noch die Verschwörungstheoretiker.

Wie sehr schränkt die Pandemie Ihr Privatleben ein?

Heute nicht mehr. Meine fünfköpfige Familie war massiv betroffen mit zwei massiven Infektionen und den daraus resultierenden restlichen drei Kontakt-Quarantänen. Während dieser Zeit kamen auch noch Krankenhausaufenthalte meiner Eltern in rund 500 Kilometern Entfernung dazu, um die sich Gott sei Dank mein Bruder kümmern konnte. Aktuell hoffen wir, dass bei allen nichts zurückbleibt an Folgeerkrankungen. Dennoch muss man sagen, wir kamen persönlich relativ gut durch die Krise und fühlten uns selbst in der Quarantäne nicht „eingesperrt“. Vielleicht bin ich aber auch gerade aus diesen Erfahrungen heraus sehr skeptisch gegenüber den nun allzu schnell kommenden Lockerungen. Was ist da schon ein nicht angetretener Urlaub, abgesagter Konzert- oder Kinobesuch oder eine abgesagte Familienfeier gegenüber einem Schwerkranken oder gar einem Todesfall!? Ist es wirklich so schlimm, wenn man mehrere Wochen mit seiner Familie verbringen „muss“? Wer in unserer Bevölkerung war denn wirklich eingesperrt außer den Quarantäne-Personen? Wir konnten also fast alle das Haus oder die Wohnung verlassen und drum habe ich absolut kein Verständnis für diejenigen, die behaupten, „eingesperrt“ gewesen zu sein. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass man bei allen (vielleicht gefühlten, kleinen) Einschränkungen doch mit mehr Verantwortungsgefühl für seine Mitmenschen durchs Leben geht. Das wünsche ich auch unserer Gesellschaft.

Durch die Corona-Krise nutzen viele Menschen die Freizeitangebote in der Region. Was können Sie rund um Bad Schussenried empfehlen?

Zunächst gilt es zu berücksichtigen, dass alle Empfehlungen vor dem Hintergrund eines verantwortungsvollen Verhaltens im Sinne der Corona-Verordnung wahrgenommen werden. Wir haben natürlich die vielen bekannten Ausflugsziele wie Museumsdorf, Bibliothekssaal, Barockkirchen, und Ausflugslokale wie Schwaigfurter Weihergasstätte oder das Burgcafé in Otterswang oder die Biergärten. Wir haben vor Ort die Badeseen und vor allem haben wir viel freie und wunderschöne Natur zu erkunden. Alle bisher gefühlt Eingeschränkten haben die große Chance, ihre Heimat näher kennen- und verstehen zu lernen und werden hoch erfreut sein, welch neue oder auch wiederentdeckte Möglichkeiten das Leben auch zu Corona-Zeiten bietet. Man muss es nur sehen wollen! VON MARKUS FALK