Als Bürgermoos „Klein-Moskau“ genannt wurde Image 1

Tettnanger Ansiedlungspolitik: Als Bürgermoos „Klein-Moskau“ genannt wurde

Eine Bürgerin, die hier ihre neue Heimat gefunden hat, erinnert sich

Eva Staggat, geb. Weber – ca. 1985.

Wenn in Tettnang von Ortschaften die Rede ist, spricht man von Kau, Langnau, Obereisenbach oder Tannau. Die haben Ortschaftsräte und Ortsvorsteher. Bürgermoos gehört zur Kernstadt, hat deshalb weder einen Ortschaftsrat noch einen Ortsvorsteher. Worunter man nicht leidet. Aufgebaut wurde Bürgermoos vor allem von Donauschwaben, die am Ende des 2. Weltkriegs nach Tettnang kamen.

Heute dominieren im Stadtteil prosperierende Firmen und Einkaufsmärkte, leben hier Menschen, die mit ihrer reichen Vergangenheit ansässig geworden sind und mit ihrem Fleiß Zukunft gebaut und eine neue Heimat gefunden haben. Sichtbar erinnern an die Donauschwaben viele Straßennamen.

Eva Staggat ist ein Beispiel für eine solche Biografie. Die heute über 80-Jährige kam vor über 60 Jahren als junge Frau das erste Mal nach Bürgermoos. Bei Burda in München arbeitend, reiste sie damals im Zug nach Tettnang, um ihre Eltern zu besuchen, die nach der Zwischenstation Allgäu bereits angekommen waren. Ziel der jungen Frau war es, vielleicht ebenfalls am Bodensee zu bleiben. Denn dort sollte es ja auch schön sein, wie sie gehört hatte.

Die zu besuchenden Eltern zu finden war freilich nicht so einfach. Es gab in Bürgermoos keine Straßen, erst recht keine Namen dafür. Der Taxifahrer, der sie vom Bahnhof zu ihnen bringen sollte, musste einen zufällig auf der Straße angetroffenen älteren Herrn nach ihrem Ziel fragen. Der wusste immerhin, wo in Tettnang gerade gebaut wurde - in „Moos“. Bürgermoos soll - so seine Erklärung - für „Klein-Moskau“, Kau für „Groß-Moskau“ gestanden haben.

Der Taxifahrer lenkte aufgrund der fehlenden Straßen sein Gefährt und die junge Frau durch Wiesen und tiefen Matsch nach „Klein-Moskau“. „Suchst Du Deine Eltern“, fragte ein weiterer Mann in „Moos“, und als sie das bejahte, zeigte er ihr die Richtung zu ihnen, im zweiten Bauabschnitt. Doch es folgte die nächste Enttäuschung. Die Eltern wohnten im Keller des Stadthauses gleich neben dem Luftschutzbunker. Es war eng. Da wollte sie nicht bleiben. Sie fuhr nach einem kurzen Aufenthalt wieder heim nach München. Als sie später schwanger wurde kam sie doch wieder zurück - um zu bleiben, in Bürgermoos. Dort, wo viele Donauschwaben ihre neue Heimat fanden. Im Banater- oder dem Schwabenweg und anderen entstehenden Straßen, deren Namen an die alte Heimat erinnern.

In Bürgermoos wuchsen Häuser auf großen Grundstücken. Der Quadratmeter kostete 50 Pfennig, voll erschlossen eine Mark. Und man musste längst nicht mehr über matschige Wiesen fahren, denn es waren Straßen entstanden. Der Vater, der 1954 als Spätheimkehrer aus Russland zurückkam, wo er als Dolmetscher eingesetzt war, arbeitete bei einer Baufirma in Pfingstweid. Es wurde ein Haus gebaut, und es folgte ein Baustopp, als die Siedlungsgesellschaft pleitegegangen war.

Eva Staggat war 30 Jahre jung, als ihr Mann starb und sie vier Kinder allein mit 135 Mark Rente großziehen und das Haus abbezahlen musste. Drei Schweine wurden gefüttert, geschlachtet und verkauft, Hühner und Hasen auf dem großen Grundstück gehalten, um die Familie durchzubringen. Beim heutigen Sportplatz des SC pachtete sie zusätzlich einige Parzellen, pflanzte Erdbeeren und verkaufte sie. Sie war die jüngste Bauherrin in Bürgermoos.

Sie arbeitete im Sportheim des SC, hat 16 Jahre lang als „Notnagel“, wie sie sagt, beim Sportverein ausgeholfen, ehe sie Wirtin des „Bürgerstüble“ wurde. Zeitweise hatte die gelernte Verkäuferin fünf Arbeitsstellen, um die Familie durchzubringen.

Eva Staggat hat Bürgermoos oder „Klein-Moskau“ als idyllisch kennen und lieben gelernt, als noch Enten und Gänse durch den Ort schnatterten, durch den ein Bach lief und die Narrenzunft schon „Sumpfbiber“ hießen. So heißen sie immer noch. Auch wenn sich mittlerweile vieles geändert hat. sig