Die Bestattungskultur im Wandel Image 1

Bestatter Markus Maichle aus Geislingen-Steige: Die Bestattungskultur im Wandel

Bestatter Markus Maichle möchte Tod enttabuisieren. FOTO: ELK-WUE.DE

Markus Maichle ist evangelischer Bestatter in einem Familienbetrieb. Im Interview spricht er über den Wandel der Bestattungskultur, den Tod als Tabu und wie wichtig es ist, die Endlichkeit des Lebens nicht zu verdrängen.

Wie hat sich die Bestattungskultur verändert?

Markus Maichle: Die Bestattungskultur unterliegt seit vielen Jahren einem stetigen Wandel. Aber die letzten Jahre haben sie sehr stark verändert, weil sich die Gesellschaft sehr gewandelt hat. Der Wandel von der Großfamilie der 60er Jahre zu Single-Haushalten hat einen Einfluss auf die Bestattungskultur. Außerdem leben die Kinder häufig nicht mehr dort, wo die Eltern wohnen. Zwischen 70 und 80 Prozent der Bestattungen sind in Baden-Württemberg Feuerbestattungen, weil die Gräber leichter zu pflegen sind. Außerdem ist das Interesse an Naturbestattungen gestiegen. Der ökologische Fußabdruck ist bei dieser Bestattungsart kleiner. Doch viele Menschen kehren zu alten Ritualen zurück, wenn ein Trauerfall in der Familie eintritt.

Welche freieren Formen der Würdigung von Toten gibt es heute?

Vor über zwanzig Jahren ist ein Freund von mir gestorben und der Pfarrer sagte mir damals: „Diese Musik können wir nicht zur Bestattung abspielen.“ Aber die Kirche hat sich verändert. Ob Angehörige Luftballons steigen lassen wollen oder die letzten Wünsche des Verstorbenen auf den Sarg schreiben – wenn Familien sich wünschen, dass bei einer Trauerfeier ein besonderes Ritual durchgeführt wird, wird ihnen der Wunsch erfüllt.

Ist Tod noch immer ein gesellschaftliches Tabu?

Ich stelle fest, dass besonders junge Menschen schwer mit dem Thema Trauer und Tod umgehen können. Sie brauchen viel mehr Zuspruch, wenn eine Person aus ihrer Familie verstirbt. Mir ist es wichtig, Trauer und Tod zu enttabuisieren. Je jünger Menschen mit dem Tod in Berührung kommen und je besser sie über das Thema informiert sind, umso weniger Grauzonen gibt es und umso weniger Ängste. Dann sind die Kinder manchmal besser aufgeklärt als ihre Eltern. Viele Menschen versuchen auch, ihre Kinder bei der Trauerarbeit auszuklammern, und glauben, diese könnten das noch nicht verarbeiten, sie seien zu klein. Das stimmt nicht: Wenn ein Kind vier oder fünf Jahre alt ist, begreift es den Tod der Großeltern sehr gut. Ich habe eine Schale, in der kleine Holzformen liegen. Kinder dürfen sich zum Beispiel ein Herz herausnehmen und es mitnehmen. Das andere Herz aus dem gleichen Holz legen sie ihren verstorbenen Großeltern in die Hand. Mir ist es wichtig, dass sich Kinder verabschieden.

Woher kommt das?

In unserer Gesellschaft ist das Hier und Heute manchmal viel wichtiger als irgendetwas anderes. Da passt das Thema Endlichkeit nicht gut hinein. In der Werbung wird uns vorgemacht, dass alle Menschen immer jung sind. Der Tod zeigt uns Grenzen auf und das kennen wir in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr. Höher, schneller, weiter: Wir sind überrascht, wenn eine Person stirbt. elk-wue.de