90 Jahre Waldbühne Sigmaringendorf

90 Jahre – dieses Jahr dient die altehrwürdige Waldbühne als Kulisse für Robin Hood (Foto) und Dornröschen. FOTOS (2): STEFAN HÖHN
Als die Waldbühne Sigmaringendorf ihr erstes Theaterstück aufführt, wurde gerade die Visumspflicht zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien aufgehoben. Der „Eiserne Gustav“ ist mit seiner Pferdedroschke von Berlin nach Paris unterwegs und Nobiles Luftschiff „Italia“ stürzt über dem Eismeer ab. Mit anderen Worten, wir schreiben das Jahr 1928. Ganz so spektakulär macht es das Waldbühnen-Ensemble nicht. Mit den Drama „Der arme Heinrich“ von Gerhart Hauptmann heimst es allerdings gleich gute Kritiken in der heimischen Presse ein. Niemand der damaligen Akteure hätte sich wohl träumen lassen, dass 90 Jahre später noch immer auf der Waldbühne gespielt wird. Mit „Dornröschen“ und „Robin Hood“ kommen dieses Jahr zwei Stücke nach selbst verfassten Drehbüchern zur Aufführung. Und zwei Zusatz-Veranstaltungen gibt’s auch auf der Waldbühne.
Wie alles begann: 1928 debütierte die neu errichtete Waldbühne mit dem Drama „Der arme Heinrich“. FOTO: WALDBÜHNE
Wie alles begann: 1928 debütierte die neu errichtete Waldbühne mit dem Drama „Der arme Heinrich“. FOTO: WALDBÜHNE
Luna Selle, Regisseurin des diesjährigen Erwachsenenstücks Robin Hood, gibt Anweisungen. In der Mitte ihr letztjähriger Regiepartner Frank Speh, der dieses Jahr den Duke of Lancaster mimt und das Erwachsenenstück 2019 inszenieren wird.
Luna Selle, Regisseurin des diesjährigen Erwachsenenstücks Robin Hood, gibt Anweisungen. In der Mitte ihr letztjähriger Regiepartner Frank Speh, der dieses Jahr den Duke of Lancaster mimt und das Erwachsenenstück 2019 inszenieren wird.
SIGMARINGENDORF - Wer weiß heute noch, dass die Waldbühne Sigmaringendorf mal eine verlassene Sandgrube war, die in Feierabendarbeit „einiger Unentwegter“ zur Naturbühne umfunktioniert wurde? Der damals bereits existierende Theaterverein nutzte die Waldbühne in den ersten Jahren für klassische Stücke, u.a. wurde Gothes „Faust“ gegeben und Grillparzers „Sappho“. Nachdem die Theaterarbeit während des Zweiten Weltkriegs ruhte, kam die Waldbühne nach Kriegsende relativ schnell wieder auf die Beine. Mit Schillers „Wilhelm Tell“ ging es 1949 wiederum klassisch weiter.

Das Jubiläumsjahr 1978 ging dann als „Schockjahr“ in die Geschichte der Waldbühne ein. Ein Feuerteufel vergriff sich am Requisitenschuppen, der vollkommen ausbrannte. Aber diese Spielsaison hatte gleichzeitig etwas Gutes, Innovatives, denn es wurde „Der Rattenfänger“ von Carl Zuckmayer gespielt. „Aus der Szene, wie sich der Rattenfänger die Kinder schnappt und aus der Stadt herausführt, entstand die Idee, künftig auch noch ein Kinderstück zu machen“, erinnert sich Waldbühnen-Urgestein Alexander Speh, der schon zahlreiche dieser Kinderstücke inszeniert hat. 1979 kam mit „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner das erste zur Aufführung.

2018 hat sich Alex Speh das „Dornröschen“ vorgenommen, für das er eine eigene Fassung geschrieben hat (wir berichteten). Auch dem Erwachsenenstück „Robin Hood“ drückt Regisseurin Luna Selle in ihrer jetzt zweiten Inszenierung ihren Stempel auf. „Es gibt einfach keine vernünftige Theaterfassung von Robin Hood“, erzählt sie. „Je mehr ich gelesen habe, desto mehr wollte ich es nicht spielen.“ In einer Version seien Sachen aus dem Kostner-Film eingearbeitet, in einer anderen wiederum kommt Maid Mariann als Prostituierte daher. Nichts, was Selle vom Stuhl gerissen hätte.
Dornröschen: Farbenprächtig
Dornröschen: Farbenprächtig
... und voller Action
... und voller Action

Die Lösung: ebenfalls ein eigenes Drehbuch. Das schrieb sie, nachdem sie ausgiebiges Quellenstudium über Robin Hood und seine Zeit betrieben hatte. „Denn Robin Hood wird nicht immer als dieselbe Figur dargestellt, es gibt viele Facetten. Da dachte ich, dann kann ich auch eine eigene Version machen.“

Da Medienwissenschaftlerin Selle, einst selbst Waldbühnen-Schauspielerin, historisch bleiben wollte, entschied sie sich gegen die „ausgelutschte Löwenherz-Geschichte“ und für ein Setting zur Zeit von König Richard II. Selles Robin Hood ist kein geleckter Saubermann, sondern vielschichtig, ein junger Adliger, der fliehen muss, weil König Richard seinen Vater ermorden lässt und auch gleich noch den Sohn töten lassen will, um jeglichen Rachegedanken bereits im Keim zu ersticken. Robin lebt nun aber nicht mit Gesetzlosen im Wald, sondern versteckt sich in einem Dorf.

Und weil Kulturvereine traditionell Frauenüberschuss haben, die Waldbühne natürlich auch, hat Selle gleich noch ein paar tragende Frauenrollen im Dorf dazugeschrieben.

Das war schwieriger, als die Idealbesetzung für ihren Robin Hood zu finden, obwohl der „mit Schwert, Stock und Faust kämpfen können muss, Bogenschießen und Reiten.“ Glücklicherweise gibt es ein solches Wundertier im Waldbühnen-Ensemble. Es heißt Tobias Kock, der auch schon als Romeo glänzte. Und weil mit Nadja Kiesewetter auch noch eine Sportbogenschützin dabei ist, konnte Tobias „Robin“ Kock kostenloses Bogenschusstraining machen.

Drei Pferde ergänzen die Truppe des Erwachsenenstücks. „Wir garantieren eine gute Geschichte, Action, Liebe und etwas Spektakuläres, das ich aber noch nicht verraten will“, sagt Selle.

Nach 90 Jahren ist die Waldbühne Sigmaringendorf lebendiger denn je, eine der wichtigen kulturellen Institutionen des Landkreises mit einer Strahlkraft, die weit darüber hinausreicht. CHRISTIAN SCHWARZ

A-capella-Band und Poetry Slam

Zum 90-jährigen Bestehen wird die Waldbühne zweimal „zweckentfremdet“:

Am Freitag, 13. Juli macht die A-capella-Band „Josefslust“ eine Konzertparty mit Show und einem großen musikalischen Spektrum.

Kurz vor Saisonende, am Freitag, 31. August gibt es dann einen großen Poetry Slam auf der Waldbühne. Der einheimische PoetrySlammer Andreas Rebholz, der auch moderieren wird, holt einige Hochkaräter der Szene nach Sigmaringendorf, darunter die deutschen Vizemeister von 2014 und 2016. csc
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