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Flüchtlinge in Wangen: „Wir beten jetzt, dass es nicht schlimmer wird“, so der Afghane

Ein Afghane aus der Region macht sich große Sorgen um seine Familie in Kabul

Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer patrouillieren im August zur Feier ihrer Machtübernahme durch Kabul. Mohammed Aseel Shaban, der sein Gesicht nicht öffentlich zeigen will, hat während dieser Zeit übers Handy ständig Kontakt mit seiner Familie in Afghanistan. FOTOS: RAHMAT GUL/DPA/TREFFLER

WANGEN - Nach dem Abzug der USA und ihrer Verbündeten haben die Taliban in Afghanistan in kürzester Zeit die Macht übernommen. Was für die Regierung hierzulande offiziell überraschend kam, war für Mohammed Aseel Shaban vorhersehbar. Der 25-jährige Afghane kam 2012 nach Deutschland, lebt und arbeitet seit einigen Jahren im Württembergischen Allgäu, hat aber seine gesamte Familie noch in der Hauptstadt Kabul, die dieser Tage im Chaos versinkt. Ein Gespräch über große Sorgen um Eltern und Geschwister, aber auch über ebenso großes Unverständnis für das Verhalten der Politik.

Mohammed Aseel Shaban erlebte in Afghanistan schon als Kind den Schrecken der Taliban – obwohl die Truppen der USA und ihrer Verbündeter bereits seit 2001 das krisengeschüttelte Land besetzten, um ihm westliche Werte wie Freiheit, Demokratie und Menschenwürde zu vermitteln. „Es gab täglich mehrere Explosionen in Kabul, wir mussten auf dem Schulweg jedes Mal um unser Leben fürchten, es war schrecklich“, erinnert sich der heute 25-Jährige. Die Besatzer hätten zwar Gebäude errichtet, Mädchen hätten zur Schule gehen und Frauen studieren können, aber der „Krieg war immer da“. In Kabul sei es zwar etwas ruhiger gewesen, „aber auch hier hatten die Taliban weiter die Macht und Kontrolle“, so Shaban.

Es war vor rund zehn Jahren, als die Taliban auch sein Leben veränderten. Sie hätten von seinem Vater, der ein Geschäft betrieb, Geld verlangt. Und als der sich weigerte, hätte ihm als ältestem Sohn die Todesstrafe gedroht. „Ich habe damals um mein Leben gefürchtet und bin geflüchtet“, erzählt Mohammed Aseel Shaban. Anderthalb Jahre war er unterwegs und kam über Russland und die Ukraine nach Deutschland, wo schon länger ein Onkel lebte. In München begann er eine Lehre zum Großhandelskaufmann, die er aber nach zwei Jahren abbrach: „Ich musste als ältester Sohn Geld für meine Familie daheim verdienen.“

Nach fünf Jahren wurde sein Asylantrag bewilligt, in der bayerischen Hauptstadt lernte er auch seine heutige Frau kennen, heiratete sie 2017, zog mit ihr ins Württembergische Allgäu, zusammen haben sie zwei Kinder. Zwei Jahre lang betrieben er und seine Frau in Wangen ein Feinkostgeschäft. Seinen genauen Wohnort will Shaban nicht nennen, auch sein Gesicht will er nicht in der Zeitung zeigen, aus Sorge, in der Heimat vielleicht erkannt zu werden.

Die Heimat: Zwei-, dreimal die Woche telefonierte er in den vergangenen Jahren mit seiner Familie in Kabul. Die Nachrichten von dort wurden nicht besser – im Gegenteil. „Die letzten Jahre ist es immer schlimmer geworden“, sagt Mohammed Aseel Shaban. „Das größte Problem waren die korrupten, afghanischen Politiker, die sich mit den Hilfsgeldern die eigenen Taschen voll gemacht haben. Für die armen Leute blieb nichts.“ Die Folgen seien weniger Arbeit und mehr Kriminalität gewesen: „Das Land ist langsam kaputt gegangen.“ Zwei Freunde seien gestorben, weil sie ihre Handys nicht Kriminellen geben wollten.

Warum die Taliban in so kurzer Zeit die Macht im ganzen Land ergreifen konnten? Zum Einen sei das afghanische Militär, eigentlich in der Überzahl gegenüber den Taliban, zu wenig unterstützt worden, sagt Shaban. „Dass jetzt Kabul ohne Krieg eingenommen werden konnte, da kann doch was nicht stimmen.“ Das größte Versäumnis der internationalen Politik sei aber gewesen, „dass der Terrorismus, der vor allem von Pakistan ausgeht, nicht konsequent bekämpft wurde.“

Das Ergebnis sind derzeit Angst und Schrecken, auch in der Hauptstadt. „Alle sind zu Hause, trauen sich nicht raus“, berichtet Shaban von Telefonaten mit der Heimat. Die Taliban würden mitnehmen, was sie wollen, auch von Zwangsverheiratungen bei Familien mit mehreren Töchtern habe er gehört. Bekannte von ihm würden sich derzeit in Parks und ohne Essen herumschlagen. Kriminelle Taliban, laut Shaban meist Analphabeten, würden als Polizisten und schwer bewaffnet durch die Straßen ziehen. „Wir beten jetzt, dass es nicht schlimmer wird.“

Mohammed Aseel Shaban selbst ist da jedoch wenig zuversichtlich. Er sieht für seine Heimat keine gute Perspektive, fragt sich zudem, wie es bei seiner Familie weitergehen soll. „Afghanistan geht mit den Taliban wieder zurück ins Jahr 2000. Die Entwicklung geht rückwärts, wirtschaftlich, technisch und bei der Bildung“, so der 25-Jährige. Und: „Die letzten 20 Jahre waren verschwendet, umsonst. Unter den Taliban sehe ich keine Zukunft für das Land.“ Bernd Treffler