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Nach dem Abriss der Alten Sporthalle in Wangen: So ein bisschen Wehmut bleibt

Erinnerungen einer Wangenerin zur Alten Sporthalle und unzähligen Begebenheiten

Die städtische oder alte Sporthalle ist bald endgültig Geschichte. Zahlreiche Wangener verbinden mit dem Provisorium ganz persönliche Erinnerungen. Zum Beispiel bei Fasnetsveranstaltungen oder Boxkämpfen. Aber auch sonst war Wangens baulicher Tausendsassa für viele Veranstaltungen gern genommen. FOTOS: SUSI WEBER

WANGEN - Ein großes Loch klafft bereits in den Seitenwänden. Ganz vorne ist am Sonntag noch der alte Basketballkorb zu sehen, der sich fast anklagend aus der Höhe erhebt. Auf dem einstigen Hallenboden liegt allerhand von dem, was der Bagger bereits eingerissen hat. Die städtische oder im Volksmund alte Sporthalle ist bald für immer Geschichte.

Ja, ich habe es gewusst, dass die Tage der Halle gezählt sind. Und doch macht dieser Anblick etwas mit mir. Denn in den 54 Jahren meines Lebens war das Gebäude ein steter Begleiter – in unterschiedlichsten Lebenslagen und zu unterschiedlichsten Ereignissen.

Wann ich wohl zum ersten Mal in der Halle gewesen bin? Ich weiß es nicht, nehme aber an, dass ich damals noch im Kinderwagen saß. Von meiner Mutter oder meinem Opa bin ich vermutlich mit zum Fasnetsumzug mitgenommen worden, der ja bekanntlich in der Alten Sporthalle endete. Jedenfalls erinnere ich mich gut an spätere Jahre, in der Kindergarten- und Grundschulzeit. Dort war nicht nur das Ende der Kinderumzüge, dort war dann auch immer Remmidemmi. Wir Kinder freuten uns auf die beliebte Wurst und die Fanta, das es – zumindest für mich – zu der Zeit nur höchst selten und nur zu ganz besonderen Anlässen gab. Auch die Kinderfestumzüge endeten im Bereich der Alten Sporthalle, wenngleich damals noch nicht jährlich.

Mit dem Wechsel in die Realschule lernte ich die städtische Sporthalle auch als Schülerin kennen. Bis zum Bau der Ebnethalle mussten wir Realschüler ja unseren Sportunterricht in der Argensporthalle abhalten. Wer Pech hatte, kam nicht in die damals moderne und neue Halle, sondern über die Straße.

Dort musste man die Halle oft mit anderen teilen. Und häufig entschieden sich die Sportlehrer auch mangels anderer Gerätschaften oder unserer langwierigen Fußmärsche von der Schule zur Halle dafür, Ballspiele in der alten Sporthalle anzubieten. Das war für mich als eher schlechte Geräteturnerin kein Problem. Ich liebte Ballspiele jeglicher Art.

Dass wir eigentlich in einem Provisorium gewesen sind, war uns zu dieser Zeit nicht bewusst. Für mich gehörte die städtische Sporthalle zum öffentlichen Leben. Auch wenn der etwas modrige, alte Geruch vermutlich schon damals in den spartanischen Umkleiden hing.

Später dann, als die Trommlerbälle in Wangen gerade für die ältere Generation nicht immer nur pures Vergnügen waren, sondern auch für einen gewissen Ruf sorgten, verschwand auch die städtische Sporthalle für eine gewisse Zeit ein Stück weit aus meinem Gedächtnis.

Das änderte sich mit den eigenen Kindern schlagartig wieder. Da waren die winterlichen Fußballtrainingseinheiten der Jungs, da waren die Kinderfeste – und da war auch die Kinderferienzeit der MTG, die alle fünf Kinder genossen und auch heute noch in guter Erinnerung haben.

Beruflich lernte ich Neues in der Alten Sporthalle kennen. Zum Beispiel die Kleintierausstellungen, die im eigentlich baulich nicht gerade bezaubernden Gebäude so schön angelegt und aufbereitet waren, dass ich nach Hause fuhr und mit den Kindern nochmals hinging.

Die Handballer hatten dort ihre zum Allgäu-Cup gehörenden Übernachtungsmöglichkeiten. Und ja, auch mit den Narren saß ich dort viele Stunden – meist nach dem Fasnetmontagsumzug, wenn das meiste vorbei gewesen ist und Bilanz gezogen werden konnte.

Die Alte Sporthalle war auch Treffpunkt, wenn es am Gumpigen Donnerstag zum Altstadtglonkern hinausgegangen ist. Viel wurde an und in dieser Stätte gelacht, ab und an auch so manches Glas geleert. Die Bürgerbälle waren Pflicht – und immer wieder ein Vergnügen, auf das man sich schon lange vorher freute. Wen oder was würden die Narren wohl in diesem Jahr wieder auf die Bühne bringen? Was thematisieren?

Gerne denke ich auch noch an das Benefiz-Portugiesenfest gemeinsam mit den Rotariern vor rund zehn Jahren zurück, das zugunsten eines behinderten, portugiesischen Jungen ausgerichtet wurde. Auch dafür war die städtische Sporthalle der richtige Platz: Multikulti für die gute Sache. Und so manche türkische Hochzeit wurde in der Alten Sporthalle ebenfalls gefeiert.

Auch, weil es sonst nirgendwo so viel Platz unter einem Dach dafür gab in Wangen. In der Halle spielte es auch keine Rolle, wenn beim Public Viewing im Überschwang mal ein wenig Bier auf den Boden schwappte. Denn, dass sie das beste Gebäude ist zum „Rudelgucken“, war schon relativ bald nach der WM 2006 und EM 2008 klar, als Public Viewing „in“ wurde – und sich die Stadthalle aus mehreren Gründen nicht unbedingt als dafür richtiger Platz herauskristallisierte.

Ich weiß nicht, wie viele Male ich für die „Schwäbische Zeitung“ beim Boxen in der städtischen Sporthalle gewesen bin. So manches Mal tauchte ich auch im Training dort auf, um wieder über Talente zu berichten. Irgendwie hat das immer gepasst. Man sagt ja nicht umsonst, dass der BC Wangen mit die größte Sozial- und Integrationsarbeit auf ehrenamtlicher Basis in der Stadt „erledigt“. Eine prunkvolle Halle – das wäre nichts für den Traditionsverein gewesen.

Auch das U & D war glücklich mit der städtischen Sporthalle, als das „D“ nicht mehr für draußen, sondern für drinnen stand. Dort konnten auch meine Kinder ihre ersten Konzerte besuchen.

Ein „Schatz“ war das (nicht ganz) „quadratisch, praktisch, gut (e)“ Gebäude ebenfalls für die Rad-Union. Sei es als Start und Ziel für die Barockstraße, als Örtlichkeit für den Radbasar oder als Umkleide für die Teilnehmer des Radkriteriums.

Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an das Radkriterium 2017, als der spätere Sieger Simon Geschke und dessen Teamkollege Johannes Fröhlinger in der Städtischen Sporthalle eingesperrt waren und sich durch einen „Notruf“ befreien mussten, weil der FC Wangen nichts von der sportlichen Prominenz nebenan wusste und pflichtbewusst abschloss. So ein bisschen passt(e) die bescheidene Halle halt eben auch zum bodenständigen Wangen. Die Messen, der Klöppelspitzenkongress, das Behinderten-Sportfest der SG Niederwangen, Partynächte, lange Zeit Ort des Blutspendens, Stätte für eine DKMS-Typisierungsveranstaltung, und, und, und – es gäbe noch so viel mehr zur Geschichte der städtischen Sporthalle zu sagen. Die jüngsten Erinnerungen werden mit dem Corona-Testzentrum des DRK-Ortsverbandes verbunden bleiben. Samstag für Samstag habe ich mich dort in diesem Jahr aufgehalten – und oft dieselben Menschen getroffen.

Eines aber hat mich besonders gefreut: Als ich am Montag meinem jüngsten Sohn davon berichtete, dass die Halle bereits abgerissen wird, nahm er spontan das Rad und fuhr zur alten Sporthalle. „Die möchte ich auch nochmal sehen“, sagte er, mit seinen 23 Jahren. So ein bisschen Wehmut, ein bisschen Nostalgie wird bleiben, wenn die Halle nun fällt und Platz für Neues macht. Nicht nur in meiner Generation. Susi Weber

So ging und geht es weiter

Ungefähr an derselben Stelle, wo die alte Sporthalle stand, wird bald die neue Kreissporthalle gebaut. GRAFIK: KREIS
Ungefähr an derselben Stelle, wo die alte Sporthalle stand, wird bald die neue Kreissporthalle gebaut. GRAFIK: KREIS

Die Alte Sporthalle weicht einer neuen Kreissporthalle, die vornehmlich für den Schulsport des Beruflichen Schulzentrums gebaut wird. Der Kreis will dabei in Sachen Nachhaltigkeit Maßstäbe setzen. Die Halle soll Ende 2023/Anfang 2024 weitgehend fertig sein. Derzeit wird bereits die Klosterbergstraße neu gestaltet. Auch der Festplatz erhält teilweise ein neues Gesicht. (sz)