Gutes Geschäft mit krummem Gemüse

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Schwäbische Zeitung
Patrik Stäbler

Wie so viele gute Ideen wird auch diese in einer Kneipe geboren. Allerdings nicht über Karottensticks und Selleriestangen, wie man es bei dem Thema erwarten würde, sondern bei „ein paar Weißbieren“, wie Georg Lindermair gutmütig gesteht.

Im Gegensatz zu den Getränken ist das Gespräch jedoch eher kneipen-untypisch: Lindermair und seine Schulfreunde Christopher Hallhuber und Carsten Wille diskutieren über Gemüse. Genauer gesagt: Über jene Karotten, Kartoffeln und Kohlrabis, die wegen ihrer Form, Farbe oder Größe auf dem Müll landen – obwohl sie einwandfrei sind. Je nach Sorte schafft es Schätzungen zufolge bis zu 40 Prozent der Ernte in Deutschland nicht in den Handel. Stattdessen wird das Gemüse als Tierfutter oder zur Energiegewinnung zweckentfremdet. Oder weggeschmissen.

„Damals in der Kneipe kam die Idee auf, etwas gegen diese Lebensmittelverschwendung zu unternehmen“, erzählt Lindermair. Aus dieser Idee ist eine junge Firma namens Etepetete entstanden, die soeben via Crowdfunding 25000 Euro Startkapital gesammelt hat. Im Mai werden die ersten Gemüsekisten mit der Ausschussware an Kunden verschickt; darüber hinaus sollen alsbald Fertigprodukte mit dem Etepetete-Logo im Supermarkt stehen.

Dabei beginnt die Geschichte der jungen Gründer mit einem Rückschlag. Oder wie Lindermair es ausdrückt: „Wir sind gleich mal auf die Schnauze gefallen.“ Denn nach der Firmengründung im April 2014 will das Trio ursprünglich in Eigenregie Fertiggerichte aus dem krummen Gemüse herstellen. Also mieten die jungen Männer eine Großküche, schnippeln Paprika und feilen an Rezepturen – mitunter bis zu 20 Stunden am Tag. „Am Ende waren wir fix und fertig“, erzählt Christopher Hallhuber. Und was noch schlimmer ist: Schon nach wenigen Wochen beginnt ihr kreolischer Kichererbsen-Eintopf zu schimmeln, obwohl er eigentlich monatelang haltbar sein sollte. „Wir sind zwar tief in das Thema Konservierung eingestiegen, aber ein paar Details hatten wir nicht bedacht“, räumt Hallhuber ein.

Also verwerfen die Freunde den Plan mit der Eigenproduktion – doch ans Aufgeben denken sie nicht. „Ich glaube, es gibt keinen Gründer auf dieser Welt, der nicht mal einen Moment erlebt, in dem er kein Land mehr sieht“, sagt Georg Lindermair. „So war es auch bei uns.“ Bis Christopher Hallhuber die rettende Idee hat: Warum nicht die krummen Gurken und knubbeligen Kartoffeln per Gemüsekiste vertreiben? „Das hat es uns auch leichter gemacht, die Kunden zu überzeugen“, sagt Hallhuber. „Denn so kommen sie direkt in Kontakt mit dem Gemüse, das sie retten.“

Schon bald arbeiten die drei Quereinsteiger in Vollzeit für Etepetete; zudem stecken sie einen Großteil ihrer Ersparnisse in die Firma. Doch das reicht nicht aus, um die Startfinanzierung zu stemmen, und so rufen sie im Internet eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben: Im Gegenzug für Probiersets, Gutscheine für spätere Einkäufe, T-Shirts oder Tragetaschen kann man Etepetete finanziell unter die Arme greifen. Die Resonanz ist beachtlich: Binnen sechs Wochen kommen mehr als 25000 Euro von rund 250 Unterstützern zusammen – Geld, das in den Ankauf des Gemüses, die Kartons und den Aufbau der Webseite fließt.

Seit einigen Wochen verschickt das Trio erste Test-Kisten an Familie und Freunde. Im Mai wird es dann ernst: Mit zunächst knapp 100 Haushalten soll die regelmäßige Belieferung beginnen. Die Kunden bekommen dabei 4,5 Kilo Ausschuss-Gemüse nach Hause geliefert, je nach Wunsch einmal pro Woche oder seltener. Was genau in der Kiste steckt, ist eine Überraschung: „Wir richten uns nach der Saison“, erklärt Lindermair. „Schließlich holen wir die Ernte ab und verschicken sie dann sofort weiter.“ Der Preis für eine Kiste stehe noch nicht endgültig fest, jedoch soll er unter 20 Euro liegen, sagt Lindermair – inklusive Versand. Bei der B-Ware handelt es sich ausnahmslos um Bio-Gemüse aus Bayern. „Die Resonanz der Landwirte ist unglaublich positiv“ sagt Lindermair. „Wir bekommen immer wieder Anfragen von Landwirten, die gerne mitmachen würden.“

In den kommenden Monaten wollen die drei Gründer die Liefermenge und die Kundenzahl stetig erhöhen. Zudem haben sie einen zweiten Anlauf mit Etepetete-Fertigprodukten unternommen – diesmal jedoch übernimmt ein professioneller Betrieb die Herstellung. „Eventuell noch in diesem Jahr“, so Lindermair, könnte die Ware in ersten Bio-Supermärkten stehen.

Bis wann ihre Firma schwarze Zahlen schreibt? Da will das Trio keinen festen Zeitpunkt nennen. Aber klar ist: „Es bringt nur was, wenn sich das wirtschaftlich trägt“, betont Lindermair. Zwar habe er auch kritische Stimmen gehört, wonach sich Profitstreben nicht mit dem Image der netten Gemüse-Retter vertrage. „Doch für uns geht das zusammen“, sagt Lindermair. „Wir wollen etwas Gutes tun, das sich gleichzeitig rechnet.“

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