„Eine starre Vorstellung von der Idee kann fatal sein“

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Johanna Kutter (Mitte) ist Projektmanagerin im Startup Center der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart. Sie konzipierte und
Johanna Kutter (Mitte) ist Projektmanagerin im Startup Center der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart. Sie konzipierte und verantwortet u.a. den internationalen Ideenwettbewerb „Entrepreneurial Brains made on Campus“ (EBMC). (Foto: Petra Rösch)
Schwäbische Zeitung

Was ist bei Gründern meist zuerst da: Eine gute Idee oder der Wunsch sich selbständig zu machen ohne konkrekte Idee?

Es gibt beide Situationen, aber viele Gründer kommen tatsächlich ohne eine Idee zu uns in die Beratung und das ist auch eine gute Ausgangslage. Denn wer eine sehr starre Vorstellung von seiner Gründungsidee hat und schon verbissen daran arbeitet, ohne zuvor die Probleme zu bewerten, kann sich leicht verrennen. Das ist dann fatal. Denn eine gute Gründeridee fußt immer auf Problemen, die gelöst werden wollen.

Wie genau werden Gründer auf diese Probleme aufmerksam?

Durch Beobachten. Das gilt vor allem für einen Kontext an dem man persönlich interessiert ist. Das Arbeitsumfeld etwa ist sehr gut für Inspirationen, immer mehr etablierte Firmen haben das erkannt und schaffen innerhalb eines bestehenden Betriebs ein Startup-Umfeld, um Probleme zu erkennen und neue Idee zu generieren. Aber auch im Privaten können sich Gründer inspirieren lassen, das klappt natürlich bei Themen besonders gut, in denen sich der Gründer gut auskennt oder für die er ein Interesse hat, wie ein Hobby. Generell gilt: Der Gründer muss immer vom Menschen und seinen Bedürfnissen ausgehen, dadurch ergibt sich der Bedarf für ein Produkt oder eine Dienstleistung. Und daraus entsteht dann die Idee.

Wie kann der Gründer wissen, ob es Bedarf an seiner Idee gibt?

Am besten beurteilen kann das natürlich der potentielle Kunde oder Nutzer. Deshalb ist es wichtig, so früh wie möglich mit diesen in Kontakt zu treten. Es ist aber nicht immer zielführend, sich einfach auf die Straße zu stellen und Leute zu befragen. Vielmehr sollte man an so genannte „early adopter“ herantreten, also Menschen die wie wild nach neuen Produkten suchen. Diese sollen die Idee dann ausgiebig testen. Durch Interviews kann der Gründer kann die Tragfähigkeit seiner Idee validieren. Die Schwierigkeit ist dann natürlich, den Schritt vom Test hin zur Massentauglichkeit zu gehen.

Können sie sofort erkennen, ob eine Idee gut oder schlecht ist?

Die Tragfähigkeit einer Idee zeigt sich nicht auf Anhieb. Um die Erfolgschancen richtig beurteilen z können, braucht es vor allem einen Experten mit Branchenwissen. Denn die Markteinschätzung ist extrem wichtig. Etablierte Unternehmen haben ja den Vorteil, dass sie bereits Gewissheit haben, dass ihre Idee funktioniert. Dieses Wissen muss sich der Gründer durch Validieren erst mühsam erarbeiten.

Gibt es die richtige Idee zur falschen Zeit?

Ja, vor allem bei technischen Innovationen spielt das Timing eine große Rolle. Wer zu spät dran ist oder gegen starke Konkurrenten kämpfen muss, hat es natürlich schwer. Zu früh kann es dagegen gar nicht sein. Wenn der Markt noch nicht reif ist, ist die Vorlaufzeit für den Gründer einfach länger. Wie sollte ein Gründer agieren, wenn er merkt, dass ein Konkurrent gleichzeitig die gleiche Idee entwickelt?

Dann muss er schneller sein als der Konkurrent. Und besser. Ich warne aber davor, sich in einem solchen Fall unüberlegt in die Gründung zu stürzen, nur um der Erste zu sein. Denn sich selbständig zu machen ist immer auch ein Risiko. Das sollte niemand eingehen, ohne sich hinsichtlich der Tragfähigkeit der Idee abzusichern.

Wie groß ist die Gefahr, dass eine gute Idee geklaut wird?

Gründer sollten schon vorsichtig sein, mit wem sie über ihre Idee sprechen, vor allem wenn es um mögliche Patentanmeldungen geht. Da sollte man die Geschäftsidee nicht überall ausplaudern. Generell gilt aber besonders in der frühen Phase, dass zur Idee Feedback geholt werden sollte, um zu testen, ob sie ankommt. Der größte Fehler den viele Existenzgründer machen ist der, dass viel Geld und viel Zeit darauf verwenden, im Stillen ihr Produkt zu entwickeln ohne mit potentiellen Kunden zu sprechen, ob die Idee überhaupt ankommt.

Mit wem sollten Gründer konkret über ihre Idee sprechen?

Wer Motivation und Bestätigung für sein Vorhaben sucht, sollte seine Freunde fragen. Im persönlichen Umfeld bekommt der Gründer allerdings höchstwahrscheinlich nicht das so genannte „ugly baby feedback“ - obwohl die Idee vielleicht Schwächen hat, werden Freunde sie in den meisten Fällen für gut befinden. Wer dagegen Wert auf konstruktives Feedback legt und auch auf mögliche Fallstricke hingewiesen werden will, sollte sich professionelle Beratung suchen. Deshalb sollten Freunde und Familie in keinem Fall die einzigen Ansprechpartner für eine Gründung sein.

Braucht es immer eine neue Idee oder können Gründer eine gute Idee gut kopieren?

Es ist nicht verwerflich, eine Idee, die in einem anderen Kontext funktioniert, klug zu adaptieren. Das hat natürlich für den Gründer den Vorteil, dass schon ein Beweis vorliegt, dass die Idee funktioniert. Auch ein bestehendes Geschäftsmodell auf eine Nische abzuwandeln kann erfolgreich sein. Nicht immer braucht es eine völlig neue Idee – zumal dieser Weg für Gründer oft auch risikoreicher ist.

Aber kann man überhaupt noch revolutionäres erfinden?

Bahnbrechende Innovationen gibt es heute vor allem im Bereich Geschäftsmodelle. Die Digitalisierung verändert unsere Arbeitswelt rasant, dazu kommt der Trend Individualisierung. Bestehende Vorgänge clever verändern und an diese neuen Herausforderungen anpassen – da gibt es noch Potential für Gründer.

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