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Nach kontroverser Diskussion

Was jetzt mit den umstrittenen Ulmer Münster–Krippenfiguren passiert

Ulm / Lesedauer: 4 min

2020 hatte vor allem die Darstellung des Königs Melchior für eine kontroverse Diskussion gesorgt. Die Figuren wurden fürs Erste nicht mehr aufgestellt. Und nun?
Veröffentlicht:06.06.2023, 19:00

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Über die Krippenfiguren im Ulmer Münster wurde im Herbst 2020 kontrovers diskutiert. Grund war vor allem die Darstellung des Königs Melchior. Dieser, so die Aussage des zuständigen Kirchengemeinderats, wird zu klischeehaft dargestellt und sei rassistisch. Jetzt hat das Gremium entschieden, die Krippenfiguren zurück an die Stifterfamilie zu geben. Im Münster werden sie also nicht mehr zu sehen sein.

Beginn einer weltweiten Rassismus–Debatte

Schon länger hatte das Gremium über die Melchior–Figur diskutiert. Im Herbst 2020 entschied der Kirchengemeinderats dann, die Krippenfiguren an Weihnachten ohne die Heiligen drei Könige aufzustellen. zu dieser Zeit beherrschten rassistisch motivierte Polizeigewalt in den USA sowie die Black–Lives–Matter–Demonstrationen die Schlagzeilen. Es wurde eine weltweite Debatte um Rassismus angestoßen.

In die Debatte reihte sich damals auch eine bundesweite Diskussion über die Bemalung von Sternsinger–Kindern, die als Melchior auf die Straße gehen, ein. Alles nicht mehr zeitgemäß, hieß es. Auch eine Straße in Ulm schaffte es in dieser Zeit in die Rassismus–Debatte, nämlich die Mohrengasse. Kritiker forderten die Umbenennung der Gasse. So erreichte die Debatte auch die Darstellung des Melchior als Teil der Krippenfiguren im Ulmer Münster.

Figur ist anders gestaltet als die restlichen

Die Darstellung des Melchior und weiterer Figuren aus dem Krippenensemble wurden unter die Lupe genommen. Nicht etwa die Hautfarbe des Königs Melchior dabei. Der Kirchengemeinderat war der Ansicht, Melchior sei klischeehaft und „bis ins Groteske überzeichnet“ darstellt.

Tatsächlich hat die Figur, im Gegensatz zu den anderen Darstellungen der Krippe, dickere Lippen, eine unförmige Statur, die einem Affen ähnelt, Federschmuck ziert seinen Kopf. Für den Kirchengemeinderat war 2020 also klar: Melchior und mit ihm die anderen Könige bleiben der Krippe vorerst fern. 2021 und 2022 dann blieb die gesamte Krippe im Lager.

Darstellung soll Menschen nicht herabsetzen

Jetzt ist klar, dass die Figuren auch künftig nicht mehr im Münster zu sehen sein werden, denn der Kirchengemeinderat hat einstimmig beschlossen, das Ensemble an die Stifterfamilie zurückzugeben. „Das Münster ist ein Ort des Gebets und der Verkündigung der frohen Botschaft.

Die Figuren könnten möglicherweise dauerhaft im Museum Ulm gezeigt werden. „Es ist unsere Aufgabe zu zeigen, in welcher Zeit Künstler gelebt haben und was sich aus dieser Zeit in ihrer Kunst spiegelt‟, sagte Direktorin Stefanie Dathe am Dienstag.

Das gelte etwa auch für die Darstellung kolonialrassistischer Stereotype. Das Museum wird derzeit neu gestaltet und soll seinen Besuchern laut Dathe auch die Schwierigkeiten im Umgang von Stücken beispielsweise mit kolonialem Kontext vermitteln.

Wird dort eine Krippe gezeigt, soll diese zur Meditation und zum Lob Gottes anleiten und nicht Menschen durch die Darstellung einzelner Figuren herabsetzen“, heißt es in einer aktuellen Erklärung dazu. Dabei wird auch betont, dass „es bei der Entscheidung nicht um den künstlerischen Wert der Figuren“, gegangen sei.

So entstand die Krippe

Die Familie Mössner hatte in den 1920er Jahren den Ulmer Künstler Marin Scheible mit der Krippe beauftragt. Nachfahren hatten diese 1992 dann der Münstergemeinde übergeben, verbunden mit dem Wunsch, sie jedes Jahr im Advent im Münster aufzustellen — was man bis 2020 auch tat.

Vertreter der Familie hatten dies Jahr für Jahr zum Anlass getroffen, sich in der Adventszeit in Ulm zu treffen, um „ihre“ Krippe zu sehen. Dieser Ausflug wird nun künftig ausfallen. Dankbar sei man der Münstergemeinde trotzdem, dass sie die Krippe über all die Jahre gezeigt hatten, wie ein Vertreter der Mössner–Erben–Gemeinschaft an den Kirchengemeinderat schrieb.

Die Entscheidung dürfte nicht jedem gefallen. Schon 2020 sorgte die Entscheidung, die drei Könige vorerst nicht aufzustellen, weit über die Grenzen von Ulm für Aufruhr, schließlich gehören die Könige traditionsgemäß zur Krippendarstellung. Der damalige Dekan und heutiger Landesbischof Ernst–Wilhelm Gohl berichtete sogar von bösartigen Mails zu dem Thema, die ihn und die Ratsmitglieder erreichten.