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„Wir waren noch nie so gut wie in der aktuellen Besetzung“

Ulm / Lesedauer: 6 min

BAP rocken bald das „Ulmer Zelt“ – Wolfgang Niedecken über denkwürdige Auftritte in Ulm
Veröffentlicht:22.05.2022, 05:00

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Die Kölsch-Rocker von BAP gehören schon fast zum Inventar des Festivals Ulmer Zelt, das seit diesem Mittwoch läuft. Ihr Auftritt ist einer der Höhepunkte. Am Mittwoch, 29. Juni, erklimmt Frontman Wolfgang Niedecken (71) mit seiner Band die Bühne in der Friedrichsau. Die „Schwäbische Zeitung“ präsentiert das Konzert. Im Gespräch verrät Niedecken, warum das Festival für ihn eines der schönsten ist und welches eigentümliche Ritual die Band seit fast 40 Jahren vor jedem Auftritt begeht.

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Ulmer Zelt 2022 – das gibts dieses Jahr zu sehen

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Hallo Herr Niedecken, Sie treten nicht das erste Mal beim Ulmer Zelt auf. Was gefällt Ihnen an dem Festival?

Ich mag Ulm insgesamt sehr gerne, wir haben da schon Gott weiß wo gespielt. Vor 40 Jahren hatten wir in Ulm einen wundervollen Fall, daran erinnere ich mich noch gut. Es war die Durchbruchszeit von BAP. Eigentlich sollten wir in einer kleineren Messehalle spielen, die war schnell ausverkauft. Am Vormittag des Auftritts haben wir dann übers Radio bekannt gegeben, dass wir in die große Halle umziehen, damit noch ein paar mehr Zuhörer kommen könnten. Es hat geklappt. Am Abend war die große Halle rappelvoll.

Und Ihre Verbindung zum Ulmer Zelt?

Die Leute sind sehr herzlich, auch bei unserer letzten Tour haben wir da gespielt. Die Atmosphäre im Zelt: großartig. Du hast das Gefühl, die spielst im Zirkus. Auch backstage ist es schön organisiert, die Garderoben sind in Wohnwagen und nach dem Konzert setzt man sich ans Lagerfeuer. Ganz wildromantisch, wie man es sich erträumt. Die Organisatoren sind Überzeugungstäter. Sie machen das aus Liebe, nicht um den großen Reibach zu machen.

Normalerweise spielen Sie auch auf größeren Bühnen...

In Ulm ist alles ein bisschen enger, kleiner. Das nimmt man aber gerne in Kauf, wenn die Gesamtstimmung stimmt, wenn die Umstände für Publikum und Band optimal sind, wenn jeder gut hören und sehen kann. Wenn man aufeinander Rücksicht nimmt. Es ist schon fast imageschädigend, wenn man das als Rockmusiker sagt, aber: Unser Publikum ist sehr, sehr vernünftig.

Warum kommt Rock aus dem Rheinland auch in Süddeutschland so gut an?

Ich glaube, dass Schwaben wie Rheinländer gemütlich und gelassen sind. Da kommt so schnell keine Hektik auf – das verbindet. Insgesamt sind wir in Baden-Württemberg schon sehr früh gut angekommen. Wir haben uns gewundert und gefragt: Wieso? Aber das Radio hat uns auch sehr viel gespielt. Die ersten Anfragen kamen komischerweise aus Gegenden, wo man kein Kölsch spricht...

Attraktion

Das Ulmer Zelt startet bei strahlendem Sonnenschein

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Warum haben es Mundart-Bands aus Schwaben schwerer?

Das kann ich nicht sagen. Es gab die Band Schwoißfuaß, die war gut. Den Bandnamen fand ich ehrlich gesagt aber furchtbar (lacht). Wie kann man eine Band bloß Schwoißfuaß nennen?!

Ich habe von einem verrückten BAP-Ritual gelesen – zelebrieren Sie das auch in Ulm?

Logisch. Immer bevor wir auf die Bühne gehen, huldigen wir an einem kleinen Altar den Heiligen Drei Königen der Rockmusik: Ron Wood, Bob Dylan und Keith Richards. In dem Altar klebt ein Foto von ihnen vom Live-Aid-Konzert 1985, als diese drei Kerle ganz am Schluss, kurz vor dem finalen Song, ihren Beitrag ablieferten. Sie hatten schon bissle gefeiert und lieferten einen furchtbaren Gig ab. Alles andere bei dem Konzert war perfekt. Aber für uns haben die Jungs irgendwie den Rock’n’Roll hochgehalten. Das Foto hing bei uns im Proberaum und irgendwann haben wir gesagt: Komm, das muss mit auf Tour. Seither huldigen wir den dreien und stoßen auf sie mit einer homöopathischen Dosis Grappa an. Alles natürlich ironisch. Aber die Zeremonie hilft, sich zu sammeln, bevor es auf die Bühne geht.

Apropos Rituale. Sind Sie religiös?

Ich bin katholisch aufgewachsen, mein Vater war sehr gläubig. Ich bezeichne mich als Restkatholik, ich kann es nicht ablegen, obwohl ich aus der Kirche ausgetreten bin. Das habe ich aber erst gemacht, nachdem mein Vater gestorben war. Ich hätte ihm das nicht antun können.

Glauben Sie daran, dass man im Himmel später einmal die Verstorbenen trifft – Sie zum Beispiel den erst jüngst gestorbenen Schlagzeuger der Rolling Stones, Charlie Watts?

Ich weiß es nicht. Das ist ja das Blöde: Es ist noch keiner zurückgekommen, der uns davon hätte erzählen können.

Schwenk zur harten Realität: Wird das Ulmer Publikum politische Songs von Ihnen hören?

Ja, zum Beispiel ist „Ruhe vor’m Sturm“ von unserem aktuellen Album ein sehr deutliches Statement. Wir spielen auch ältere Songs, die man strophenweise auf die heutige Situation anwenden kann. Viele Dinge haben sich leider nicht geändert. Was bei mir gewachsen ist, ist die Angst vor den Populisten. Vor Leuten wie Orban, Erdogan oder Trump. Die sind gewählt worden, demokratisch. Wie kommt es, dass die Menschen auf diese Knallköpfe reinfallen?

Das Internet hat Vieles verändert...

Trump, der Twitter-Präsident, hat sein Land per Twitter an der Nase herumgeführt. Vor 40 Jahren, noch vor zehn Jahren, war so etwas nicht denkbar. Das ist erschreckend. Unser 2008er Album hieß: Radio Pandora... die moderne Büchse der Pandora ist das Internet, es hat alles überrollt. Und in Russland ist alles gleichgeschaltet, die Propaganda belügt die Menschen wie im Dritten Reich.

Muss Rock’n’Roll politisch sein?

Ich könnte nicht auf politische Themen verzichten, würde das aber keinem Kollegen vorschreiben. Es gibt aber auch die, die kneifen, weil sie es sich nicht mit einem Teil des Publikums verderben wollen. Vor denen habe ich keinen übergroßen Respekt.

Sind Sie schon mal in der Ukraine aufgetreten?

Nein, aber dreimal und Moskau und dreimal in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad.

Werden Sie dies wiederholen?

Wenn es sich beruhigt hat, klar – warum nicht? Ich glaube aber nicht, dass wir momentan als kölsche Rockband großartig etwas beitragen können. Da müssen wir realistisch bleiben. Dass der Friedrich Merz nach Kiew gegangen ist, um Wahlkampf zu machen, war eine Unverschämtheit, so etwas gehört sich nicht. Das war zynisch.

Es scheint ihm nicht geschadet zu haben.

Das weiß ich nicht. Merz macht Radikalopposition. Die Grünen werden allerdings immer stärker, gottseidank.

Welche Mission haben Sie auf der Bühne?

Mir ist es wichtig, mit dem Publikum auf Augenhöhe zu begegnen, dass es mit den Emotionen hin und her geht. Ein Konzert ist keine Einbahnstraße. Ich habe viele Leute erlebt, die vor unserer Bühne erwachsen geworden sind, sie waren früher selbst Kinder und bringen nun ihre eigenen Kinder mit. Da haben wir die Verpflichtung, keinen Müll abzuliefern. Sonst hätten wir den Beruf verfehlt. Ich glaube aber wirklich, und das ist jetzt kein Werbespruch: Wir waren noch nie so gut wie in der aktuellen Besetzung.

Wie oft werden Sie noch im Ulmer Zelt spielen?

Wenn gesundheitlich nichts dazwischenkommt, noch oft. Und wenn ich nicht mehr stehen kann, dann spiel’ ich halt im Sitzen.

Boris Becker sagt, Wimbledon sei sein Wohnzimmer. Ist die Bühne Ihr Wohnzimmer?

Das ist so. Das wissen auch meine Kinder. Wenn der Papa auf Tour ist, dann ist er happy.