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Rassistische Lektüre

Ulmerinnen begehren gegen Abi–Pflichtlektüre auf

Ulm / Lesedauer: 4 min

Seicht und leicht verständlich ist die Pflichtlektüre nicht. Aber darf sie rassistisch sein? Eine Ulmer Lehrerin ist schockiert.
Veröffentlicht:14.03.2023, 14:29

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Es ist selten seichte und leicht verständliche Lektüre, die Abiturienten für ihre Deutsch–Abi vorgelegt wird. So auch die Pflichtlektüre fürs die Abiturprüfung an beruflichen Gymnasien ab 2024, „Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen — der erste Teil von drei Nachkriegsromanen. Doch die Buchwahl sorgt für heftige Kritik — mit Ausgangspunkt in Ulm. Sogar eine Petition wurde beim baden–württembergischen Kultusministerium eingereicht, mit der Bitte um Zurückziehung der Pflichtlektüre. Der Vorwurf: die rassistische Sprache des Buches diskriminiert Schüler mit dunkler Hautfarbe.

Rund 30 Figuren lernt der Leser in „Tauben im Gras“, 1951 veröffentlicht, kennen. Einer von ihnen ist der farbige Soldat Washington — der aufgrund seiner Hautfarbe an mehreren Stellen im Buch von anderen Protagonisten beschimpft als „Neger“ bezeichnet wird. Der Ulmerin und Mutter Lisa Esra Oneli geht das zu weit. „Dass so ein Buch zur Pflichtlektüre geworden ist, ist ein Skandal und verletzt betroffene Menschen in ihren Grundrechten“, sagt sie. Die 33–Jährige kämpft seit Jahren gegen Rassismus im Alltag, hat etwa Demonstrationen im Zuge der „Black Lifes Matter“-Bewegung in Ulm organisiert und den Verein „Mein Ich gegen Rassismus gegründet“.

Ulmerin schreibt Brief an Kultusministerium

In ihrem Verein ist auch Jasmin Blunt aktiv. Sie ist Lehrerin an einer Berufsschule in Ulm — und war ebenfalls entsetzt als sie erfuhr, welches Buch sie mit ihren Schülern besprechen sollte. „Die Sprache des Romans ist rassistisch und es wir dein rassistisches Bild Schwarzer Soldaten vermittelt, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gedient haben“, schreibt die Ulmer Lehrerin, selbst dunkelhäutig, in einem Brief an das Kultusministerium. Schüler mit dunkler Hautfarbe würden während der Besprechung des Buches „immer wieder rassistisches Diskriminierung ausgesetzt“. Für betroffene Schüler sei es egal, ob die diskriminierenden Worte auf dem Pausenhof oder im Rahmen der literarischen Erarbeitung fallen.

Man könne, so betont Jasmin Blunt, nicht von Schülern an beruflichen Gymnasien erwarten, dass sie distanziert und sprachsensibel das Thema erörtern, ohne fächerübergreifend zu sensibilisieren und die Literatur in ihren entsprechenden Kontext zu setzen — ohne dass dabei betroffene Schüler Diskriminierung erfahren. „Als afrodeutsche Lehrerin ist es für mich unzumutbar, Bedingungen hinzunehmen, die sowohl mir als auch den Schülerinnen und Schülern Diskriminierungsfreiheit verwehren und Diversität nicht in den Mittelpunkt stellen“, betont Jasmin Blunt, seit zwölf Jahren Lehrerin.

Mehrere Organisationen stellen sich hinter die Forderung

Mit ihrer Forderung, das Buch zurückzuziehen, steht die Ulmerin nicht alleine da. Inzwischen haben sich laut Esra Oneli etliche Organisationen hinter diese Forderung gestellt, etwa die Black Community Foundation Stuttgart, die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland sowie die Antidiskriminierungsstelle Esslingen. Sie fordern die Wahl einer sensibleren Lektüre, die sich mit Rassismus und Diskriminierung auseinandersetzt.

Doch an der Wahl von „Tauben im Gras“ will man beim Kultusministerium nicht rütteln. Die Wortwahl, so heißt es aus dem Kultusministerium, des Romans sei nicht mit dem heutigen Deutsch zu vergleichen. „Doch genau dies begründet eine wesentliche Anforderung an Literaturunterricht, nämlich Literatur in ihrem jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontext zu sehen“, antwortet das Ministerium. Rassismus werde in dem Roman nicht vor– sondern dargestellt. In entsprechenden Fortbildungen sei nachdrücklich darauf hingewiesen worden, dass die Auseinandersetzung mit der Lektüre vorab eine Rassismus– und Diskriminierungsdebatte im Unterricht braucht.

Das aber reicht Jasmin Blunt und Lisa Esra Oneli nicht. die beiden Ulmerinnen wollen sich weiter dafür einsetzen, dass über die Wahl der Lektüre diskutiert wird, eine Änderung in Erwägung gezogen wird. „Meiner Tochter erkläre ich so eine Situation mit zwei Barbiepuppen, bei der die eine zu der anderen sagt: Du musst meine Gefühle nicht verstehen, um sie zu respektieren“, erklärt Lisa Esra Oneli, die sich auch in der Debatte um das Buch Respekt für betroffene Menschen wünscht.

„Ich bin froh, dass wir an einem Punkt sind, an dem viele Menschen Verantwortung übernehmen wollen und gesellschaftliche Veränderungen anstreben. Sprache gehört dazu“, sagt Jasmin Blunt, die sich freut, dass ihr Schreiben einen öffentlicher Diskurs über Rassismus im Bildungsbereich angestoßen hat. „Ich bin hoffnungsvoll, dass daraus in Zukunft viel Gutes entstehen kann“, so die Deutschlehrerin.