Erkennungsmelodie

Ulmer „Nokianer“ machen für sich kräftig Werbung

Ulm / Lesedauer: 2 min

Rund 300 Mitarbeiter wehren sich gegen die drohende Arbeitslosigkeit – Spontane Aktion auf dem Münsterplatz
Veröffentlicht:27.06.2012, 22:30
Aktualisiert:25.10.2019, 08:00

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Fröhliche Menschen in grünen T-Shirts tanzen und machen eine Polonaise. Über Lautsprecher ertönt der Nokia-Jingle, die Erkennungsmelodie des finnischen Handyherstellers, der mit der vor gut zwei Wochen völlig überraschend angekündigten Schließung des Standorts Ulm zur Zeit kaum mit Fröhlichkeit in Verbindung gebracht wird. 300 der 730 von Arbeitslosigkeit bedrohten Ulmer „Nokianer“ versammelten sich gestern Vormittag auf dem Ulmer Münsterplatz zu einem „Smart mob“, wie es weltweit Globalisierungskritiker vormachen.

Mit einem solchen, per Definition kurzen und nur scheinbar spontanen Menschenauflauf wollten die bestens ausgebildeten Ulmer Nokia-Ingenieure aus 38 Nationen ein Zeichen setzen. „Wir wollen zeigen, dass wir ein starkes Team sind“, sagt Betriebsratschef Heiner Mosbacher . Jeder der geschätzt 300 Teilnehmer an der Kundgebung trägt ein grünes T-Shirt mit einem QR-Code auf dem Rücken. Wer diesen mit einem modernen Smartphone abscannt, landet sogleich auf einer Internetseite, auf der die Nokia-Mitarbeiter für sich werben, um der drohenden Arbeitslosigkeit zu entgehen.

Die Webseite www.kyvyt.com ermöglicht es Investoren, die Lebensläufe von Mitarbeitern des Ulmer Entwicklungszentrums anzusehen, sowie Profile von unterschiedlichen Teams zu finden und mit ihnen in Kontakt zu treten. „Am liebsten wäre uns natürlich, ein Investor würde den ganzen Standort übernehmen“, sagt Mosbacher.

Die Stimmung der Nokia-Mitarbeiter ist nur scheinbar gut. „Es geht uns beschissen“, sagt Entwickler Kirpal Singh. Alle Projekte seien von heute auf morgen abgeblasen worden. Arbeit gebe es kaum noch, er fahre zwar jeden morgen ins Büro im Ulmer Science Park am Eselsberg, doch eigentlich nur um Bewerbungen zu schreiben. Was kommt, weiß keiner aus der multikulturellen Belegschaft mit insgesamt 38 Nationalitäten.

Einige wurden in Indien angeheuert, verließen den Subkontinent mit der ganzen Familie. Aus China oder Bangladesh kamen ebenso Software-Experten auf das Versprechen von Nokia für ein langfristiges Projekt nach Ulm. „Wir wollen die Geschäftsführung nicht aus der Verantwortung entlassen“, sagt Mosbacher. Ein erster Verhandlungstermin mit Nokia sei terminiert.

Die Ulmer Belegschaft will das Management des einstigen Weltmarktführers im Mobilfunkgeschäft beim Wort nehmen. Denn ein Konzern, der in Ulm 730 Leute auf die Straße setzt, könne sich schwerlich gleichzeitig mit ethischen Firmenrichtlinien („Nokia Code aud Conduct“) nach außen hin als besonders sozial darstellen.

Benjamin Lampe, der Leiter der Unternehmenskommunikation betont, dass gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern sowie den zuständigen Behörden an konkreten Hilfestellungen für die Mitarbeiter gearbeitet werde, um für sie neue Perspektiven zu finden. Daran mochte gestern freilich keiner der Ulmer „Nokianer“ so richtig glauben. Weltweit will der angeschlagene Handy-Riese aus Finnland weitere 10 000 Stellen einsparen.