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Erschreckende Forschungsergebnisse

Ulmer Forscherinnen warnen: „Glyphosat wirkt nicht nur auf Pflanzen“

Ulm / Lesedauer: 5 min

In der EU wird noch diskutiert, dabei geben bisherige Forschungsergebnisse bereits Grund zu Sorge. Forscherinnen aus Ulm konnten zeigen, welche Folgen Glyphosat hat. 
Veröffentlicht:20.06.2023, 08:00

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Die Doktorandin Hannah Flach ist die Erstautorin der Studie zu den Auswirkungen von Glyphosat, koordiniert wurde die Studie von Professorin Susanne Kühl vom Institut für Biochemie und Molekularbiologie der Universität Ulm. Beide fordern, den Einsatz in Unkrautmitteln einzuschränken.

Fehlbildungen am Leib, Herz und Hirn, missgebildete Nerven, verändertes Verhalten: Das alles haben Sie als Folgen von Glyphosat bei Fröschen nachgewiesen? Müssen wir uns da nicht auch als Menschen Sorgen machen?

Kühl: Unsere Erkenntnisse lassen sich sehr gut auf andere Amphibienarten übertragen. Für Menschen müssen wir das aber differenzierter betrachten. Eine Kaulquappe entwickelt sich außerhalb des Muttertieres und kann im Gewässer direkt Glyphosat ausgesetzt sein. Menschliche Embryonen kommen zum Glück gar nicht so in Kontakt mit Glyphosat und schon gar nicht in diesen Konzentrationen. Ich würde mir vor allem Sorgen machen, weil wir von der Tierwelt und dessen Artenvielfalt abhängig sind. Die biologische Vielfalt ist die Grundlage unseres Lebens. Wir stehen ja quasi am Ende der Nahrungskette.

Wie kamen Sie auf die Idee, diese Studie durchzuführen?

Kühl: Wir beobachten schon seit vielen Jahren ein massives Amphibiensterben. 40 Prozent aller Amphibienarten sind derzeit akut vom Aussterben bedroht. Von den bekannten rund 7000 Amphibienarten sind bereits 2000 verschwunden. Wir haben uns gefragt, was die Ursachen sein können. Wir wissen, dass die Lebensräume immer kleiner werden, aber auch der Schadstoffeintrag ist ein Problem. Dazu gehören Pestizide wie Glyphosat, das weltweit als Herbizid am weitesten verbreitet ist.

Waren Sie selbst überrascht von Ihren Forschungsergebnissen?

Flach: Da wir bereits in einer früheren Studie zeigen konnten, dass ein Glyphosat–basiertes Unkrautbekämpfungsmittel ähnliche Defekte in der Embryonalentwicklung der Kaulquappe hervorruft, waren wir bezüglich der allgemeinen Defekte nicht sonderlich überrascht. Erstaunt hat uns aber, dass wir die Auswirkungen schon ab der geringsten Glyphosat-Konzentration von 0,1 Milligramm pro Liter sehen konnten. Das ist eine Konzentration, die schon in Gewässern mehrerer Länder, auch in Europa, gemessen wurde. Und oft auch deutlich überschritten wird.

Als Skeptiker könnte man sagen, vielleicht gibt es eine andere Korrelation, die sie nicht bedacht haben? Sind Sie sich zum Beispiel sicher, dass die Fehlbildungen durch Glyphosat verursacht wurden?

Flach: Unsere Daten sind eindeutig. Wir haben parallel auch Kaulquappen unter identischen Versuchsbedingungen untersucht, die ohne Glyphosat aufgewachsen sind. Und wir haben sehr viele Embryonen getestet, bis zu 300, und von unterschiedlichen Elterntieren. Wir haben hunderte Embryonen fotografiert, haben verschiedene Organe und Geweben wie zum Beispiel das Herz und die Hirnnerven mit einem Computerprogramm objektiv ausgemessen. Das sind alles sehr valide Daten mit einer sehr hohen Aussagekraft. Daher sind wir uns sicher: Die Effekte sind eindeutig auf Glyphosat zurückzuführen.

Welche Bedeutung hat diese Studie in der Wissenschaftswelt?

Kühl: Natürlich gibt es schon sehr viele Studien, die Auswirkungen von Glyphosat oder auch Glyphosat–basierten Herbiziden auf verschiedene Tiere untersucht haben. Aber wir haben dieses Mal den reinen Stoff untersucht und uns nicht nur auf die Körpergröße oder die Sterberate von Kaulquappen fokussiert. Da hebt sich unsere Studie schon von anderen ab. Und unsere Studie gibt wichtige Einblicke, wie die embryonale Entwicklung in diesem Fall von Kaulquappen beeinflusst wird. Klar ist: Glyphosat wirkt nicht nur auf Pflanzen. Zudem konnten wir jetzt erstmals zeigen, dass ein wichtiges Gen für die Herzentwicklung bei Kontakt mit Glyphosat deutlich weniger aktiv ist.

Ihre Erkenntnisse sind brisant. Bekommen Sie eigentlich auch Gegenwind für Ihre Forschung?

Kühl: Dieses Mal nicht. Wir haben das aber nach unserer ersten Studie erfahren. Damals haben wir mehrere Mails von einem namhaften Konzern erhalten, der versucht hat, unsere Studie als nicht aussagekräftig zu bezeichnen. Auch der Bauernverband hatte sich gemeldet. Mit diesem konnten wir allerdings ein sehr gutes Gespräch führen. Wir wollen niemanden vor den Kopf stoßen, sondern zur Lösung beitragen. Aber Lösungen spezifisch für die Landwirtschaft zu entwickeln, ist nicht unsere Aufgabe und Expertise.

Die Zulassung von Glyphosat in der EU läuft Ende 2023 aus. Bis dahin soll der Wirkstoff neu bewertet werden. Was muss sich politisch bewegen?

Kühl: Wir haben von wissenschaftlicher Seite eine breite Datenbasis und sehen negative Effekte in vielen verschiedenen Tieren. Da habe ich eine klare Meinung: Wir müssen den Gebrauch von Glyphosat einschränken. Nicht nur in der Europäischen Union, sondern weltweit. Aber ich habe auch die Befürchtung, dass dann neue Pestizide auf den Markt kommen und alles wieder von vorne beginnt. Weniger eindeutig ist die Faktenlage bei der Einschätzung, ob Glyphosat beim Menschen Krebs auslösen kann. Auf diesem Gebiet sind wir aber keine Experten.

Sie wollen sich auch an eine Folgestudie wagen. Wie sieht der Zeitplan aus?

Flach: Wir sind bereits relativ weit. Aber es wird noch ein wenig dauern, bis alle Daten ausgewertet sind. Voraussichtlich werden wir erste Ergebnisse Ende des Jahres zur Veröffentlichung einreichen können. Dabei wollen wir weitere Glyphosat–basierte Unkrautbekämpfungsmittel untersuchen, die auch hierzulande zum Einsatz kommen.