Innenstadt

Spießer-Stadt Ulm? Konflikt zwischen Anwohnern und Partygängern verschärft sich

Ulm / Lesedauer: 5 min

Es schwelt ein Konflikt zwischen Anwohnern in der Innenstadt, die ihre Ruhe haben möchten, und jungen Partygängern – Am Freitag findet eine Demonstration statt
Veröffentlicht:30.06.2022, 15:00
Aktualisiert:05.07.2022, 15:58

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Sie sind jung, sie wollen feiern – gerade jetzt, nach zwei bitteren Corona-Jahren –, und sie finden: Die Anwohner der Ulmer Innenstadt, die sich angeblich gestört fühlten durch lärmende Nachtschwärmer, die sollten das Münster doch bitte einfach mal im Dorf lassen. Denn: Was das Nachtleben angehe, sei Ulm schon jetzt eine „Wüste“. Deshalb haben sie am Freitag, 1. Juli, zu einer Demonstration auf den Karlsplatz eingeladen, Beginn um 20 Uhr. Das Motto lautet: „Gegen Leisetreter und für eine lebendige und diverse Stadtkultur.“

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Die „Spielverderber“, die „Leisetreter“, das sind aus der Sicht von Barkeeper Laurin Basler (27), der die Demonstration angemeldet hat: Der Ulmer Verein „Leben in der Stadt“, dessen Mitglieder (zirka 80) sowie die Vereins-Sprecherin Ursula Girmond .

„Für ein anspruchsvolles Nachtleben“

Vorwurf von Basler : Der Verein, der sich in erster Linie für die Lebensqualität der Bewohner der Innenstadt und weniger Lärm in selbiger einsetzt, würde mit massiven „Kultur-zerstörerischen“ Aktionen gegen die Clubs und Gaststätten – ja letzten Endes gegen die Jugend – zu Felde ziehen. Und deshalb wollen Basler und weitere Mitstreiter nun auf die Straße gehen. „Wir kämpfen für ein anspruchsvolles Nachtleben, insbesondere für eine Bar- und Clubkultur“, heißt es auf dem Flyer zur Demo, der in den Sozialen Medien kursiert.

Feierverbot

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Ursula Girmond, die viel gescholtene Sprecherin des Anwohner-Vereins, kann die Aufregung nicht ganz verstehen. Sie wohnt im Judenhof, in Sichtweite das Münster, und sie weiß, wovon sie spricht, wenn es um nächtlichen Lärm in der Innenstadt geht, nicht nur am Wochenende, wenn Clubs und Gaststätten länger geöffnet haben, sondern auch unter der Woche.

Noch wohnen viele Leute in der Innenstadt. Wir wollen, dass dies so bleibt.

Ursula Girmond

Girmond kann das Bedürfnis „der Jugend“, endlich wieder zu feiern, grundsätzlich verstehen, sagt, sie sei „tolerant“, was dies angehe. Wogegen sie und der Verein sich jedoch zu Wehr setzten: Lärm-Auswüchse, die dafür sorgten, dass die Innenstadt immer unattraktiver werde, zum Beispiel für junge Familien. Die zögen raus aufs Land, hat Girmond festgestellt. Am Ende, so ihre Befürchtung, wohnten in der Altstadt nur noch ältere Menschen, die weniger flexibel seien.

Vorwurf: Bürgersteige würden hochgeklappt

„Noch wohnen viele Leute in der Innenstadt. Wir wollen, dass dies so bleibt“, sagt Ursula Girmond der „Schwäbischen Zeitung“. Ziel müsse es doch sein, dass die Altstadt „für alle“ lebenswert bleibe, „nicht bloß für eine bestimmte Gruppe“.

Aus Sicht von Laurin Basler und seinen Mitstreitern verwandelt sich Ulm jedoch immer mehr in eine Stadt für Spießer, wo die Bürgersteige mit Einbruch der Dunkelheit „hochgeklappt“ würden. Doch was ist tatsächlich dran an dem Vorwurf?

Fakt ist: Noch bis Ende Oktober läuft für Wirte in Ulm von sonntags bis donnerstags die Freischank-Saison, die ein Ende erst gegen 23 Uhr vorsieht. Freitags und samstags ist sogar noch eine Stunde länger drin. Hinzukommt: Clubs und Diskos können deutlich länger aufmachen, vorausgesetzt, das Feiern geht innerhalb der vorgeschriebenen Lärmgrenzen vonstatten. Und gerade daran hapere es, sagt Ursula Girmond.

Eigentlich, so Girmond, gilt ab 22 Uhr eine Ruhezeit, maximal 45 Dezibel seien erlaubt. Doch diese Grenze werde oft „überschritten“. Besonders nervtötend seien „die Bässe“ der Anlagen in den Diskotheken, die gingen durch Mark und Bein und ließen sich auch durch Mauern kaum dämpfen.

Außerdem hat Girmond festgestellt, dass – anders als von Laurin Basler behauptet – die Zahl der Clubs und Gaststätten in der Altstadt in den vergangenen Jahren merklich zugenommen habe. Die seien förmlich aus dem Boden geschossen. Und in der Tat: Wer abends und nachts durch die Gassen schlendert, bekommt nicht den Eindruck, dass zuletzt ein sichtbares Kneipensterben in Ulm stattgefunden hat. Der Begriff „Wüste“ scheint auf jeden Fall weit hergeholt.

Tempo-30-Zonen und ein Lärmminderungsplan

Der Streit ums vermeintliche Recht aufs (laute) Feiern in der Innenstadt beschäftigt auch die Verwaltung – seit Jahren. Erstellt wurde mittlerweile ein Lärmminderungsplan (aus Sicht des Anwohner-Vereins auf sein Drängen hin), auch die zahlreichen Tempo-30-Zonen ab 22 Uhr sind ein Zugeständnis an die Bürger, die ihren Schlaf brauchen.

Basler selbst war für die „Schwäbische Zeitung“ nicht zu erreichen. Auf dem Flyer zur Demo droht er aber mit einem ähnlichen Szenario wie Girmond. Nur dass aus seiner Sicht beim Beibehalten des Status Quo nicht Familien abwandern würden aus der Innenstadt, sondern „junge Leute“. Die würde es schon jetzt, so heißt es, „in liberalere Städte“ ziehen als Ulm.

Warum die Demonstration gerade jetzt stattfinden soll, ist unklar, einen echten Anlass oder Auslöser sucht man vergebens. Querelen gab es zuletzt zwar um den Club Eden in der Karlstraße, der unlängst seine Pforten bis auf Weiteres schließen musste (was den Anwohner-Verein natürlich freut). Schuld daran ist jedoch nicht der Anwohner-Verein, sondern der Club selbst. Er hat die Anzahl der nach der vorliegenden Bar-Konzession erlaubten Veranstaltungen für dieses Jahr bereits überschritten.