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Ambitionierter Plan

So will Liqui Moly die Milliardengrenze knacken - und das könnte sie aufhalten

Ulm / Lesedauer: 4 min

Liqui Moly investiert kräftig am Ulmer Stammsitz und will die Milliarden-Umsatzgrenze knacken. Doch langfristig steht der Motorölhersteller vor großen Herausforderungen.
Veröffentlicht:09.12.2023, 17:00

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Die Geschichte mit den Anschnallgurten und Kindersitzen zeigt, wie Liqui Moly funktioniert. Nach der Gründung 1957 verkaufte die Firma vor allem Schmierstoffe für Motoröle. Doch schon 1970 vergrößerte sie das Sortiment und nahm schließlich auch Gurte und Sitze auf. Schlichtweg weil diese Produkte damals gefragt waren. Ein Unternehmenssprecher erzählt diese Anekdote gerne. Sie zeige, wie die Firma mit Herausforderungen umgeht. „Man muss sich immer an die Gegebenheiten anpassen“, sagt er.

Am Stammsitz in Ulm-Lehr arbeiten derzeit rund 400 Mitarbeiter.
Am Stammsitz in Ulm-Lehr arbeiten derzeit rund 400 Mitarbeiter. (Foto: Andreas Spengler)

Liqui Moly scheint das seit Jahren gut zu gelingen. Nur wenige Ulmer Unternehmen haben zuletzt bundesweit so viel Aufmerksamkeit erhalten. Sicherlich ist das auch ein Verdienst des bisherigen Geschäftsführers Ernst Prost. Prost saß bei Anne Will, bei Markus Lanz und Frank Plaßberg. Vor Ausbruch der Corona-Pandemie zahlte er einmal jedem Mitarbeiter zum Valentinstag 11.000 Euro Prämie. Prost spendete Millionen an eigene Stiftungen und warnte vor einem „unkontrollierter Kapitalismus“.

Russland-Markt brach weg

Ein „Mann mit Sendungsbewusstsein“ nennt ihn der Unternehmenssprecher. 2018 verkaufte Prost die Firma Liqui Moly an die Würth-Gruppe, blieb aber Geschäftsführer bis 2022. Jetzt aber ist Prost weg und am Stammsitz in Ulm geht die Arbeit weiter. Die Herausforderungen sind vielleicht größer denn je.

Die neue Produktion läuft gerade noch im Testmodus und soll weiter verbessert werden.
Die neue Produktion läuft gerade noch im Testmodus und soll weiter verbessert werden. (Foto: Andreas Spengler)

Als Russland im Februar 2022 die Ukraine überfiel, verabschiedete sich Liqui Moly kurzerhand aus dem russischen Markt. Dabei war Russland bis dato der wichtigste Absatzmarkt im Ausland. „Das war schon ein Rieseneinschnitt für uns“, sagt der Unternehmenssprecher. Neue Absatzchancen tun sich derzeit vor allem in China und Indien auf, aber auch in Nordamerika und Kanada.

Meilenstein zur ersten Milliarde

In insgesamt rund 150 Ländern ist die Firma aktiv. Den Großteil des Geschäfts macht Liqui Moly mit dem Verkauf von Motorölen. Sämtliche Additive, also chemische Zusatzstoffe fürs Motoröl oder Sprit werden am Stammsitz in Ulm produziert. Dort arbeiten derzeit rund 400 Menschen - und die Firma investiert kräftig: acht Millionen Euro etwa in die Erweiterung einer Produktionshalle, die nun eröffnet wurde.


+++ VIDEO: So läuft die Produktion ab  +++


Rund 40 Prozent mehr Dosen sollen damit in Ulm künftig hergestellt werden können. Als ein „Bekenntnis zum Standort Ulm“ bezeichnete der neue Geschäftsführer Günter Hiermaier den Bau. Und als „Meilenstein“ auf dem Weg zum Umsatzziel von einer Milliarde Euro.

Forschung für E-Fahrzeuge-Mittel

Bislang konzentriert sich der Absatz allerdings weiterhin auf Produkte für Verbrennermotoren. „Auch nach 2035 wird der Großteil der Fahrzeugflotte konventionell betrieben sein“, erklärt Hiermaier. „Denn der Markt an Verbrennern wächst ja parallel weiter. Das wird häufig vergessen.“ Der Markt in der EU werde sich aber „langfristig vermutlich ändern“.

Liqui Moly will künftig in Ulm 40 Prozent mehr produzieren.
Liqui Moly will künftig in Ulm 40 Prozent mehr produzieren. (Foto: Andreas Spengler)

Der Unternehmenssprecher betont, dass das Unternehmen nun verstärkt in die Entwicklung von Artikeln für elektrische Fahrzeuge investiere. Erste Artikel sind auch bereits im Sortiment, diese machen aber bislang nur einen Bruchteil aus. Das reine Elektroauto braucht zwar kein Motoröl mehr, aber weiterhin Schmierstoffe wie Getriebeöl oder Fette für Radaufhängungen.

„Auch nach 2035 wird der Großteil der Fahrzeugflotte konventionell betrieben sein."

- Günter Hiermaier, Geschäftsführer von Liqui Moly

Nicht nur für Autos

Ein Blick hinter die Kulissen aber zeigt, wie groß die Herausforderungen sind, vor denen das Unternehmen steht. Ein Unternehmensinsider (Name ist der Redaktion bekannt) berichtet, dass „niemand in der Firma“ Ernst Prost mehr zugetraut habe, das Unternehmen „fit zur machen für das Zeitalter der E-Mobilität“. Prosts Nachfolger Günter Hiermaier arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten bei Liqui Moly und führt die Geschäfte nun gemeinsam mit dem kaufmännischen Geschäftsführer Ulli Weller weiter.

Ein Großteil der Produktion bei Liqui Moly läuft inzwischen automatisiert ab. Die leeren Dosen müssen vor Ort befüllt werden.
Ein Großteil der Produktion bei Liqui Moly läuft inzwischen automatisiert ab. Die leeren Dosen müssen vor Ort befüllt werden. (Foto: Andreas Spengler)

Weller betont, er sehe auch weiterhin einen Markt für die rund 4000 Liqui-Moly-Artikel. Schließlich kämen die Produkte nicht nur in Autos, sondern auch in Motorrädern und vereinzelt auch in Fahrrädern, Schiffen und Industrieanlagen zum Einsatz. Der Insider aber, der Weller und Hiermaier kennt, berichtet von zwei „Zahlenmenschen“, denen mitunter kreative Ansätze fehlten. Die „großen Erwartungen“, die viele Mitarbeiter an das neue Führungsduo hatten, seien zuletzt „eher gedämpft worden“.

Liqui Moly Geschäftsführer Günter Hiermaier.
Liqui Moly Geschäftsführer Günter Hiermaier. (Foto: LIQUI MOLY GMBH)

Neues Lager geplant

Der Unternehmenssprecher betont dagegen, dass beide „sehr erfahren“ sind, aber sicherlich „weniger in der Öffentlichkeit stehen werden“ als ihr Vorgänger Ernst Prost. Der Sprecher lässt zudem keine Zweifel daran, dass das Unternehmen weiter wachsen wolle. Am Standort in Ulm-Lehr sind die Kapazitäten begrenzt. Zeitnah denke das Unternehmen darüber nach, die Logistik in einem neuen Hochregallager zu bündeln. Auf ein Grundstück im Ulmer Norden haben sich die Stadt Ulm und die Firma offenbar bereits verständigt.