Geisterpassage Blautalcenter

So geht es mit dem Blautalcenter in Ulm weiter

Ulm / Lesedauer: 6 min

Shoppen in der „Geisterpassage“: Im Blautalcenter in Ulm steht bereits rund die Hälfte der Geschäfte leer. Was Besucher jetzt wissen müssen.
Veröffentlicht:24.01.2023, 18:00

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Ein Laden nach dem anderen macht dicht: Im Blautalcenter in Ulm steht bereits rund die Hälfte der Geschäfte leer. Wie es weitergehen soll und was Besucher jetzt wissen müssen.

Yong Qiu steht in seinem Restaurant und bangt. In wenigen Tagen will er über die Zukunft des „Asia Garden“ entscheiden. Zuvor aber stehen noch Verhandlungen mit dem Eigentümer des Blautalcenters aus. „Es könnte sein, dass wir noch ein oder zwei Jahre hier drin bleiben“, sagt Qui. Aber wer weiß das schon. Vor 20 Jahren hat Yong Qiu sein Restaurant hier eröffnet. Das Erfolgskonzept war das Running-Sushi, bei dem das Essen auf einem Vorderband um die Tische fährt. All die Jahre lief es rund. Bis die Entscheidung über das Ende des Blautalcenters bekannt wurde.

Mitarbeiter kamen die Tränen

Manchen Mitarbeitern seien die Tränen gekommen. „Radikal“ sei das gewesen, sagt Yong Qiu. Inzwischen komme nur noch ein Bruchteil der Kunden. Mit jedem Laden, der schließt, verliert das Einkaufszentrum an Attraktivität. Und geschlossen haben viele: Als die Immobiliengesellschaft HLG das Center im Februar 2022 kaufte, lag der Leerstand bereits bei 40 Prozent.

Inzwischen bei mindestens 50 Prozent, teilt HLG-Sprecher Jürgen Herres mit. Besucher berichten auf Google inzwischen von einer „Geisterpassage“, „gespenstischer“ Stimmung und Charme, der „verloren gegangen“ sei.

Manche Firmen halten sich noch bedeckt, was die genauen Auszugspläne angeht, anderen haben ihren Zeitplan bereits verkündet. 

Mit allen Mietern wird gesprochen, um auf Basis von individuellen Vereinbarungen einen möglichst reibungslosen Übergang zu erreichen

Jürgen Herres

Buchhändler verlässt das Einkaufszentrum

Buchhändler Thalia hat bekannt gegeben, voraussichtlich im September den Laden zu schließen und dann im Oktober in der Ulmer Hirschstraße neu zu eröffnen. „Die anstehende Schließung des Blautalcenters hat uns keine andere Wahl gelassen“, erklärt Thalia-Vertriebsdirektor Michael Wetzel. Für die Kunden sei dies aber kein Rückschritt, schließlich werde das Angebot künftig sogar erweitert.

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Am Morgen unter der Woche ist das Blautalcenter fast menschenleer. (Foto: Andreas Spengler)

Bereits Ende Januar schließt „Ernsting’s Family“ seine Filiale. Im vergangenen Jahr hatte die Textilfirma einen neuen Laden in den Ulmer Sedelhöfen eröffnet. Alle Mitarbeiterinnen aus dem Blautalcenter seien dort oder in den umliegenden Filialen Arbeitsplätze angeboten worden. „Es gab keine Kündigungen“, heißt es aus dem Unternehmen.

Modeladen möchte in Ulm bleiben

Der Textilhändler Takko ist indes noch auf der Suche nach einer neuen Immobilie. „Wir werden voraussichtlich Ende des Jahres aus der Filiale ausziehen müssen. Sehr gerne möchten wir in Ulm bleiben“, teilt Unternehmenssprecherin Christina Scholz mit. Den Angestellten und Aushilfen könne die Firma einen Arbeitsplatz in einer anderen Filiale im Umkreis anbieten. Der Wunsch sei aber, „mit dem gesamten Team innerhalb von Ulm an einen neuen Standort umziehen zu können“.

Keine Auskünfte über die Zukunft im Blautalcenter erteilt die Optikerkette Apollo, ähnlich sieht es beim Textilhändler Olymp aus: „Darüber, wie es an diesem Vertriebsstandort nach der geplanten Schließung des Einkaufszentrums weitergeht, können wir gegenwärtig noch keine Auskunft geben“, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit.

Diese Läden ziehen aus

Die Schließungen öffentlich bekannt gegeben haben unter anderem auch bereits der Drogeriemarkt Müller, der Ende Januar im Blautalcenter dicht macht. Beim Sportgeschäft Intersport läuft der Räumungsverkauf, der Laden schließt voraussichtlich ebenfalls Ende Januar.

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New Yorker teilt mit, dass eine Schließung der Filiale im Blautalcenter „bis auf Weiteres nicht geplant“ sei. Auch C&A-Sprecherin Claudia Junge erklärt: „Eine Schließung unserer Filialen in Ulm und Neu-Ulm ist nicht geplant, es besteht nach wie vor der Mietvertrag.“ Ähnliches kommt von H&M: Der Laden bleibe „bestehen“. „Zu Spekulationen äußern wir uns grundsätzlich nicht“, teilt ein Sprecher mit.

Zuletzt hatte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi den Umgang mit den Angestellten kritisiert. „H&M lässt die Mitarbeiter in der Luft hängen, das finde ich eine Sauerei“, sagte der zuständige Gewerkschaftssekretär Rainer Dacke von Verdi Ulm-Oberschwaben. Viele arbeiteten „mit dem Mut der Verzweiflung weiter“. Dabei gebe es in vielen Fällen entsprechend lange Kündigungsfristen.

Was bereits klar ist

Auch andere Firmen halten sich mit Plänen noch bedeckt. Ulm sei „mit Blick auf die Stadtgröße und das Einzugsgebiet ein attraktiver Standort“ heißt es etwa von dem Schuhhändler Deichmann. „Wir befinden uns im Blautal-Center nach wie vor in einem laufenden Mietverhältnis. Mit dem Vermieter sind wir weiterhin im Gespräch“, teilt Unternehmenssprecher Christian Hinkel mit.

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Manche Besucher sprechen auf Google von einer „Geisterpassage‟ und „gespenstischer‟ Stimmung. (Foto: Andreas Spengler)

Klar ist nur, das Ende des Einkaufszentrums kommt: Ab 2024 sollen die Bauarbeiten beginnen. Bereits 2026 könnte der erste Bauabschnitt fertiggestellt werden. Das Einkaufszentrum soll bis zu 1000 Wohnungen weichen (SZ berichtete). Vom Blautalcenter bleibt dann nur rund ein Fünftel der Fläche erhalten, mit einem kleineren Einkaufszentrum im Ostteil.

Bislang stehe dafür aber nur ein Mieter gesichert fest, erklärt HLG-Sprecher Jürgen Herres: der Sportartikelhändler Decathlon. „Der Standort Ulm ist für uns von großer Bedeutung“, heißt es in einer Pressemitteilung von Decathlon Deutschland.

Vorteile für die Ulmer Innenstadt

„Es ist ungewöhnlich, bereits zu einem Zeitpunkt, zu dem es noch nicht mal einen Plan gibt, ein grundsätzliches Übereinkommen mit einem potenziellen Nutzer erreicht zu haben“, heißt es von der HLG. Die Gesellschaft entwickelt seit mehr als 25 Jahren Immobilienprojekte. Unklar sei, ob das neue Blau-Quartier künftig auch im Besitz der HLG bleibe.

„Die Entwicklungszeit ist auf zehn Jahre prognostiziert. Vor diesem Hintergrund ist es noch sehr früh darüber zu spekulieren, was nach Fertigstellung geschieht“, heißt es von der Immobilien-Gesellschaft. Ein Verkauf sei aber „nicht ausgeschlossen“.

An anderer Stelle blick man optimistisch auf die aktuellen Entwicklungen. Bei aller „Tragik“ wirke sich die geplante Schließung des Blautalcenters „eher positiv“ auf die Ulmer Innenstadt aus, betont die Citymanagerin Sandra Walter.

Wir haben generell eine ordentliche Nachfrage nach Gewerbeimmobilien in Ulm. Natürlich sind das aktuell auch Firmen aus dem Blautalcenter dabei.

Sandra Walter

Noch seien Immobilien in Ulm frei, aber natürlich passe das Angebot nicht immer zu den Vorstellungen der Firmen.

Kunden wandern nach Neu-Ulm

Auch in der Neu-Ulmer Glacis-Galerie merkt man die Folgen des Exodus aus dem Blautalcenter. Ohnehin seien in den vergangenen Wochen und Monaten wieder deutlich mehr Menschen in das Einkaufszentrum gekommen, berichtet Center-Manager Serge Micarelli. „Sicher“ seien darunter „auch ein Teil der Kunden aus dem Blautalcenter“.

Und: Auch einige Mieter aus dem Blautalcenter hätten bereits „ihr Interesse an der Glacis-Galerie kundgetan“. Micarelli betont: Mit allen werde gesprochen, die genaue Zahl oder konkrete Namen könne er aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht verraten.