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OB-Wahl in Ulm

Showdown in Ulm: Wer gewinnt die Stichwahl?

Ulm / Lesedauer: 6 min

Amtsinhaber Gunter Czisch muss in einer Stichwahl gegen seinen größten Kontrahenten Martin Ansbacher antreten. Spannend wird sein, in welches Lager die Grünen-Wähler abwandern.
Veröffentlicht:04.12.2023, 12:00

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Lange haben die Ulmer auf diesen Tag gewartet, aber jetzt ist klar: Die OB-Wahl am Sonntag hat kein eindeutiges Ergebnis hervorgebracht. Gunter Czisch (CDU) ist in seinem Amt nicht bestätigt worden - und muss nun am 17. Dezember in einer Stichwahl gegen seinen größten Kontrahenten Martin Ansbacher (SPD) antreten.

Nachlesen: Der erste Wahlgang im Liveblog

Dämpfer für OB Gunter Czisch

Czisch fuhr am Sonntag zwar wie erwartet die meisten Stimmen ein, doch die 50-Prozent-Marke erreichte der 60-Jährige nicht. Laut vorläufigem Endergebnis setzten rund 43 Prozent der Wähler ihr Kreuzchen neben den Namen des amtierenden OB - und damit fast zehn Prozent weniger als noch bei der Wahl vor acht Jahren.

Es fällt eine große Last ab, gegen den Amtsinhaber so ein Ergebnis zu erzielen

Martin Ansbacher

Das Ergebnis ist für Czisch ein Dämpfer, schließlich war der Amtsinhaber als Favorit in diese Wahl gegangen. Seit 2015 sitzt Czisch im Chefsessel des Rathauses. Experten hatten ihm im Vorfeld durchaus eine absolute Mehrheit im ersten Wahlgang zugetraut.

Schultklopfer statt Gratulationen

Statt Gratulationen erntete Czisch bei der Wahlparty am Sonntagabend im Ulmer Rathaus vor allem aufmunterndes Schulterklopfen. Dennoch vermied er es, von einer Enttäuschung zu sprechen. „Wir sind im Hochamt der Demokratie, da muss man kämpfen“, sagte er.

Im Gegensatz zur vergangenen OB-Wahl im Jahr 2015 seien es diesmal gleich zwei „sehr starke Mitbewerber“ gewesen, „deshalb war es schon sehr wahrscheinlich, dass es im ersten Wahlgang nicht klappt“, so Czisch weiter. Er wolle jetzt vor allem auf Straßenwahlkampf setzen und, trotz Kälte, mit den Bürgern ins Gespräch kommen.

Martin Ansbacher nimmt „Wechselstimmung“ wahr

„In Ulm herrscht eine Wechselstimmung“, deutete Herausforderer Martin Ansbacher (SPD) das Ergebnis. Mit fast 30 Prozent der Stimmen zwingt der 46-Jährige den amtierenden OB in die Stichwahl - und ließ sich dafür am Wahlabend ordentlich feiern. Unter Applaus betrat Ansbacher das Rathaus, nachdem der Großteil aller Wahlkreise bereits ausgezählt war und er sich seiner Sache somit sicher sein konnte.

„Es fällt eine große Last ab, gegen den Amtsinhaber so ein Ergebnis zu erzielen“, verriet Ansbacher. Mit dem Einzug in die Stichwahl habe er sein erstes großes Wahlziel erreichen können. Bis zur Stichwahl in zwei Wochen wolle er nun noch einmal „richtig Gas geben“. Der Herausforderer gab sich durchaus optimistisch, im zweiten Wahlgang die meisten Stimmen der Wähler abgreifen zu können. In der Stichwahl sei „alles möglich“.

Wen wählen die Grünen?

Czisch gegen Ansbacher - zu diesem Duell kommt es nun also am dritten Advent. Spannend wird dann im Wesentlichen sein, wen die Wählerschaft der Grünen-Kandidatin Lena Schwelling unterstützen wird. Die 31-Jährige kam am Sonntag immerhin auf rund 21 Prozent der Stimmen. Ihr Abschneiden bewertete sie als „solide“, auch wenn sich die Landesvorsitzende der Grünen, auch aufgrund ihrer Prominenz, ein besserer Ergebnis erhofft haben dürfte.

Die gescheiterte Grünen-Kandidatin kündigte noch am Wahlabend Gespräche mit Czisch und Ansbacher hinsichtlich einer Empfehlung für die Stichwahl an.

In ihrem Wahlkampf hatte Schwelling gezielt auch Jugendliche angesprochen, nachdem bei dieser Wahl erstmals Minderjährige ab 16 Jahren ihre Stimme abgeben durften. Die junge Wählerschaft könnte nun auch einen größeren Einfluss auf die Stichwahl am 17. Dezember haben.

Wahlbeteiligung noch geringer als 2015

Interessant wird dann auch sein, ob sich das relativ geringe Interesse an der diesjährigen OB-Wahl bestätigen lässt. Die Wahlbeteiligung lag am Sonntag bei lediglich rund 40 Prozent und war damit noch geringer als bei der OB-Wahl 2015, als 42,5 Prozent der Bevölkerung ihre Stimmen abgaben.

„Da ist noch Luft nach oben“, sagte Ulms Erster Bürgermeister und Wahlleiter Martin Bendel. „Deshalb hoffe ich, dass in 14 Tagen alle Ulmerinnen und Ulmer tatsächlich ins Wahllokal gehen, wenn es um die Wurst geht.“ In der Regel fällt die Beteiligung an einer Stichwahl aber eher geringer aus.

Bemerkenswert ist indes auch das Ergebnis auf den hinteren beiden Plätzen der Wahl: Dem parteilosen Comicladenbesitzer Thomas Treutler (3,8 Prozent) ist es gelungen, den umstrittenen Bewerber Daniel Langhans (2,6) auf den letzten Platz zu verweisen.

Langhans steht der Querdenker-Bewegung nahe und war schon im Wahlkampf bei seinen öffentlichen Auftritten zum Teil auf heftige Kritik und Widerspruch gestoßen. Die Ulmerinnen und Ulmer haben ihm am Sonntag eine deutliche Abfuhr verpasst. „Als Ulmerin bin ich darauf stolz“, kommentierte Lena Schwelling.

Endlich herrscht Spannung beim Wahlkampf in Ulm. Das tut der Stadt gut. 
Ein Kommentar von Andreas Spengler

Endlich herrscht Spannung beim Wahlkampf in Ulm. Das tut der Stadt gut. 

Ulm - Der Wahlsonntag war ein guter Tag für die Ulmer Stadtgemeinschaft. Trotz einer leider gewohnt niedrigen Beteiligung. Die Ulmer aber hatten eine echte Auswahl, das ist längst nicht mehr selbstverständlich. Drei der fünf Kandidaten hätten wohl das Potenzial für das Amt des Bürgermeisters mitgebracht. Das überraschend starke Ergebnis von Martin Ansbacher (SPD) hat manche wachgerüttelt, keine Frage. Es ist das Verdienst seines engagierten Wahlkampfs. Und Ansbacher kann zurecht stolz darauf sein. Doch die von ihm propagierte Wechselstimmung scheint bisher eher taktisches Kalkül als gefühlte Wirklichkeit zu sein.

Amtsinhaber Gunter Czisch (CDU) ist weder umstritten, noch hat er größere Fehler begangen. Das Ergebnis ist dennoch ein herber Dämpfer für ihn. Czisch ist es nicht gelungen, seine Wählerschaft so zu mobilisieren wie noch vor acht Jahren. Über die Gründe zu spekulieren ist müßig. Einer der offensichtlichsten waren teils vereiste Straßen und eiskalte Temperaturen, die vielleicht die älteren, eher konservativen Wähler vom Gang ins Wahllokal abgeschreckt haben dürften.

Der Hauptgrund aber war eher die Stärke seiner Kontrahenten als die eigene Schwäche. Denn auch Lena Schwelling (Grüne) hat einen starken Wahlkampf betrieben und mit ihrer lokalen Klimapolitik auch eigene Akzente gesetzt. Echte Chancen auf das Amt hatte sie kaum. Ihr Ergebnis bleibt dennoch hinter den Erwartungen zurück. Interessant ist nun, für welchen Kandidaten sie sich vor der Stichwahl ausspricht. Vergleicht man die Inhalte deutet vieles darauf hin, dass es Martin Ansbacher sein wird. Und so darf die Stadtgemeinschaft jetzt etwas erleben, das man zuvor kaum mit dem Wahlkampf in Verbindung brachte: Spannung.

Ansbacher und Czisch sind zu echten Kontrahenten geworden. Noch nicht in allen Punkten auf Augenhöhe, weil Czisch mehr Erfahrung in der Lokalpolitik und einen Vorsprung von knapp 5000 Stimmen vorweisen kann. Doch wenn man realistisch auf die Zahlen blickt, ist der Wahlausgang am 17. Dezember völlig offen. Und das ist gut so.

Gut für die Stadtgemeinschaft ist auch, dass die übergroße Mehrheit, dem Querdenker Daniel Langhans (parteilos) eine Abfuhr verpasst hat. Seine kruden Thesen haben zwar während des Wahlkampfs eine große Bühne bekommen, aber kaum bei den Ulmern verfangen. Der Comicladenbesitzer Thomas Treutler (parteilos) hat teils für humoristische Akzente gesorgt. Auch das darf sein. Ernst genommen aber haben das die wenigsten.