Limonade

Seine Lunge wurde im Krieg zerschossen – jetzt singt Sergey Ivanchuk zum Donaufest-Auftakt

Ulm / Lesedauer: 4 min

Er rettete Menschen aus dem Krieg, dann wurde der Ukrainer von Schüssen getroffen. In Ulm wurde der Opernsänger behandelt. Nun tritt er am Freitag beim Donaufest auf.
Veröffentlicht:01.07.2022, 05:46
Aktualisiert:01.07.2022, 10:49

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Sergey Ivanchuk wirkt entspannt, als er auf dem Münsterplatz eine Limonade trinkt. Da knallt es, ein Flugzeug durchbricht die Schallmauer. Den 29-jährigen ukrainischen Opernsänger durchzuckt eine Panikreaktion. „Eine Bombe!“, reagiert es in ihm.

Die inneren Bilder wird der Ukrainer noch lange nicht loswerden, der schwer verletzt zur medizinischen Behandlung nach Ulm gebracht worden war. Sergey Ivanchuk ist unendlich dankbar für die medizinische und persönliche Hilfe, die er hier erfährt. Bald wird ihn sogar Publikum in Ulm erleben: Der Bariton soll bei der Eröffnung des Donaufestes am Freitag die Nationalhymne der Ukraine singen. Das Donaufest steht im Zeichen der Solidarität mit der Ukraine.

Seine Stimmbänder halten die Spannung noch nicht wieder wie früher, erzählt Sergey Ivanchuk. Die Arbeit, die die am Theater Ulm engagierte Sängerin Maryna Zubko ehrenamtlich mit dem 29-Jährigen macht, zeigt Wirkung – dabei wurden die Atemübungen und der Gesangsunterricht erst vor kurzer Zeit begonnen. Dass der Mann wieder singen kann, grenzt an ein Wunder. Überhaupt, dass er lebt, schon dafür brauchte es fast Wunder.

Der ukrainische Opernsänger Sergey Ivanchuk wurde in Ulm behandelt

Der 29-jährige Bariton aus dem ukrainischen Poltawa studierte an der Accademia d’arte lirica im italienischen Osimo. Seinen Namen findet man auch in anderer Schreibweise – die kyrillischen Buchstaben können auf unterschiedliche Weise ins lateinische Alphabet übertragen werden.

Ivanchuk hatte sich schon wenige Tage nach Kriegsbeginn mit seinem privaten Fahrzeug aufgemacht, um Menschen aus der Ostukraine – aus Charkiv und der Gegend um Sumy – herauszuholen und zu Punkten zu bringen, von denen aus sie fliehen konnten.

Etwa hundert Menschen hat er aus den früh umkämpften Gebieten herausholen können, erzählt er. Zwei Wochen lang ging das, bis zum 10. März, als das Fahrzeug beschossen wurde, das er fuhr. Sergey Ivanchuk erlitt einen Lungendurchschuss und Verletzungen der Leber, Schusswunden in beiden Beinen, und an seiner linken Hand wurde ein Finger weggeschossen, ein weiterer hing nur noch an einem Stück Haut.

Auf der Intensivstation eines Krankenhauses in Charkiv wurde sein Leben gerettet, mehrere Aufenthalte in anderen ukrainischen Krankenhäusern folgten, und dann hatte Sergey Ivanchuk das Glück, einer der Patienten zu sein, die nach Polen transportiert wurden und von dort aus mit dem Bundeswehr-Spezialflugzeug A 310 MedEvac, einer fliegenden Intensivstation, nach Frankfurt gebracht wurden.

Er habe zunächst vermutet, nach Lettland gebracht zu werden, erinnert sich Sergey Ivanchuk. Während des Transportes in dem Spezialflugzeug hat er von seinem Bett aus ein Video gedreht, das er zeigt: Es geht unter die Haut, Verletzte in den Einzelbetten dieses fliegenden Krankenhauses zu sehen.

Weitere Bilder auf seinem Handy zeigen die wartenden Rettungsfahrzeuge am Flughafen in Frankfurt, die dann die angekommenen Verletzten einzeln auf Krankenhäuser in Deutschland verteilten. So kam der Musiker ins Ulmer Bundeswehrkrankenhaus. Was man dort für ihn tat, erfüllt den Opernsänger mit einer Dankbarkeit, die er in englischer oder italienischer Sprache nur schwer in Worte fassen kann. Im italienischen Osimo, wo man seine Stimme und seine heitere Art liebt, beteten in den vergangenen Wochen die Menschen für Ivanchuks Überleben.

Vor Kurzem wurde er aus dem Bundeswehrkrankenhaus entlassen. Auf Kaffee, Tee, Bier und andere Genussmittel wird er noch Monate verzichten müssen, sagten ihm die Ärzte. Begleitet von seiner Mutter wohnt er aktuell in einem Ulmer Hotel, das Ukrainern günstige Zimmer anbietet, und die Reha-Maßnahmen in Weißenhorn, mit denen seine Hand wieder beweglicher werden soll, wirken sich bereits aus, zeigt Ivanchuk, der auch mehrere Instrumente spielt und in der Vergangenheit als Pianist auftrat.

Im Ringfinger seiner linken Hand benötigt der Linkshänder eine Endoprothese, weil das Gelenk zerschossen wurde. Wie es mit ihm beruflich weitergehen wird, weiß der Opernsänger noch nicht, wahrscheinlich muss er am Klavier eine neue Spieltechnik lernen – aber Hauptsache: wieder singen können. Beim Donaufest kann er das am Freitag schon. Sergey Ivanchuk schaut auf die wehenden Fahnen am Münsterplatz. Sie haben für ihn etwas von Zukunft.