Albtraumszenario

RS-Virus wütet unter Kindern: Keine Beatmungs-Plätze mehr frei – was Eltern jetzt wissen müssen

Ulm / Lesedauer: 4 min

Vor allem für Säuglinge kann RSV gefährlich werden, die Erkrankung kann tödlich enden. Ein Ulmer Kinderarzt sagt: „So viele Fälle wie noch nie.“ Das ist der Grund der Viruswelle.
Veröffentlicht:30.11.2022, 12:10
Aktualisiert:01.12.2022, 13:34

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Allein die Vorstellung ist ein Albtraumszenario: Das eigene Kind kann plötzlich nicht mehr richtig atmen und kriegt keine Luft mehr. Es droht zu ersticken. Blanker Horror – den jedoch viele Eltern derzeit in ganz Deutschland ganz real durchleben müssen, auch in der Region.

Grund ist das RS-Virus (Humanes Respiratorisches Synzytial-Virus, abgekürzt RSV), das eine Atemwegserkrankung auslöst. Im Grunde eine gewöhnliche Erkältung.

Aber: Aktuell schwappt eine massive RSV-Welle über das Land. Mit in der Folge viel mehr schweren Verläufen als sonst.

RS-Virus-Tests dauern zu lange

Der Ulmer Kinderarzt Dr. Robert Jungwirth sagt „schwäbische.de“, dass er sich nicht erinnern kann, jemals so viele kleine Patienten wegen RSV behandelt zu haben – es seien wohl so viele „wie noch nie“. Er zählt bis zu 500 Kinder pro Woche mit Atemwegserkrankung in seiner Praxis.

Wobei nicht immer klar sei, ob es sich um RSV oder eine andere Erkältung handelt. Denn: Jungwirth macht keine Tests. Weil die Auswertung zu lange dauern würde.

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Kinderarzt Dr. Robert Jungwirth. (Foto: Christoph Schneider/Schwäbische.de)

Der Kinderazt hat viel zu tun im Moment. Es gibt Arbeitstage, da komme er erst um 22.30 Uhr aus seiner Praxis raus.

Lage an der Ulmer Kinderklinik ernst

Auch die zur Ulmer Uniklinik gehörenden Klinik für Kinder- und Jugendmedizin ächzt unter dem Ansturm. Eine Sprecherin sagt:

„Die Stationen der Kinderklinik sind derzeit voll.“

Im schlimmsten Fall tödlich

Vor allem für kleine Kinder mit Vorerkrankungen – extreme Frühgeborene, Kinder mit einer Beeinträchtigung der Lunge, mit Herzproblem oder einer Immunschwäche – kann RSV im schlimmsten Fall tödlich enden. Um dies zu verhindern, müssen solche Kinder mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt oder sogar beatmet werden.

Das passiert an der Ulmer Kinderklinik, wo man sich um die schweren Verläufe kümmert. Aktuell sei die Lage „angespannt“, so die Sprecherin. Man behandle „eine ungewöhnlich hohe Zahl an Kindern“ insbesondere mit RSV.

Die Sprecherin nennt Zahlen. In der vergangenen Woche hätten zeitweilig 16 von 28 Kindern auf der vollbesetzten allgemeinpädiatrischen Station eine Monitorüberwachung und zusätzlichen Sauerstoff benötigt. Hinzu kämen dann noch die invasiv beatmeten Kinder auf der Intensivstation (Intubation über den Mund).

Doch dazu sagt die Sprecherin: Aktuell gebe es keine freien Intensivplätze mehr!

Werden Eltern abgewiesen?

Die Situation ist ernst an der Kinderklinik. Das sieht man auch daran, dass Patienten, die keinen Sauerstoff mehr benötigen, sofort entlassen werden, um neuen Patienten Platz zu machen. Jedes freie Bett werde aktuell „praktisch sofort wieder belegt“.

Aber was bedeutet das für Eltern – müssen sie Angst haben, an der Ulmer Kinderklinik abgewiesen zu werden?

Die zunächst beruhigende Antwort: nein. Niemand werde abgewiesen, jeder Notfall werde akut behandelt, so die Klinik-Sprecherin.

Verlegungen sind möglich

Allerdings müssen Eltern und Kind mit Einschränkungen rechnen, und sogar damit, dass das Kind an eine andere Klinik in der „weiteren Umgebung“ verlegt wird. Oder umgekehrt: Erst in den vergangenen Tagen hat die Ulmer Klinik Patienten aus München übernommen.

Es gibt sogar Berichte, dass Eltern und Kinder andernorts aufgrund der Not auf Pritschen auf dem Gang schlafen müssen. Die Sprecherin dazu:

„Das versuchen wir konsequent zu vermeiden.“

Jedoch müssten für nicht akut gefährdete Patienten Wartezeiten in Kauf genommen werden.

Mit diesen Symptomen ins Krankenhaus

Aber ab wann sind Kinder mit RSV plötzlich Fälle fürs Krankenhaus?

Kinderarzt Dr. Robert Jungwirth erläutert mögliche Symptome, bei denen schnelles Handeln angesagt ist: Wenn das Kind „angestrengt atmet“, wenn sich die Haut beim Atmen „unter die Rippen zieht“, Pfeifgeräusche zu hören sind beim Atmen, es hustet. Auch Atemaussetzer sind möglich. Und auch Fieber ist ein Symptom. Dieses muss aber nicht hoch sein.

Nicht immer ein Grund zur Sorge

Doch Jungwirth gibt auch Entwarnung. In den allermeisten Fällen kann RSV mit den passenden Medikamenten zu Hause auskuriert werden. Über den Daumen gepeilt schicke er nur eines oder zwei Kinder von den 500, die er pro Woche wegen einer Atemwegserkrankung behandelt, ins Krankenhaus.

Die Kinder, die dort liegen, sind mitunter sehr jung, noch Babys. Auffällig jedoch, so die Klinik: Es seien auch viele Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren betroffen.

Eine Nachwirkung der Pandemie

Eigentlich handelt es sich bei RSV um ein Erkältungs-Virus, wie viele andere auch. Warum es derzeit so massiv auftritt? Jungwirth wie auch andere Mediziner vermuten die Corona-Pandemie dahinter. Viele Menschen seien in den vergangen zwei Jahren einfach viel daheim gewesen, wenig unter anderen Menschen. Infekte machten so weniger die Runde. Das holt das RS-Virus nun offenbar nach.