Bahngleis

Polizisten testen Elektroschocker

Ulm / Lesedauer: 4 min

Gewerkschaft fordert: Taser auch im Bereich des Präsidiums Schwaben Süd/West einsetzen
Veröffentlicht:28.05.2016, 15:58
Aktualisiert:23.10.2019, 15:00

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Ein junger Mann steht auf den Bahngleisen. Er hält sich ein Messer an den Hals. Polizisten versuchen, ihn zu besänftigen – ohne Erfolg. Weil er auch nach einigen Minuten keine Anzeichen macht, von den Gleisen zu steigen, feuert ein Polizist einen Schuss ab, der Mann geht zu Boden, bleibt regungslos liegen, wird gefesselt und kurz darauf abgeführt. Er wurde nicht etwa durch Pistolenkugeln niedergestreckt, sondern durch Strom aus dem Elektroschocker.

Anhand von Fällen wie diesen wurde jetzt über den Einsatz solcher Taser, die nach der gleichnamigen Firma benannt sind, diskutiert. In der Gemeindehalle trafen sich Polizeigewerkschafter, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen: Sie wollen, dass deutsche Polizisten künftig mit Elektroschockern ausgestattet werden.

Ein Gerät für Kempten, eines für Neu-Ulm

Geht es nach Hermann Benker , dem Landesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, sollen die Geräte, die derzeit nur die Sondereinsatzkommandos in Nürnberg und München haben, auch in anderen Dienststellen in Bayern zur Ausstattung zählen. Benker fordert, dass ab 2017 zunächst die Operativen-Ergänzungsdienste, die unter anderem für die Waffenausbildung der Polizisten zuständig sind, mit Elektroschockern ausgestattet werden – 30Geräte für ganz Bayern, je eines für die Polizei in Neu-Ulm und in Kempten.

Der Taser sieht auf den ersten Blick aus wie eine Pistole mit gelbem Griff. Drückt man den Abzug, knackt die Waffe mehrmals hintereinander und feuert dann zwei Pfeile ab, die in Kleidung und Haut des Gegenüber hängen bleiben. Über zwei Kabel sind diese Pfeile mit der Waffe verbunden, die fünf Sekunden lang Elektroimpulse losschickt.

Jürgen Köhnlein , Polizeihauptkommissar und Gewerkschafter, hat am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, von einem Taser angeschossen zu werden. In einem Selbstversuch demonstrierte er die Wirkung: „Die Muskulatur kontrahiert durch den Stromstoß 95-mal in fünf Sekunden und macht einen damit bewegungsunfähig“, sagt Köhnlein. „Ich ging zu Boden. Es fühlt sich an, wie ein Wadenkrampf am ganzen Körper. Nach den fünf Sekunden konnte ich ganz normal wieder aufstehen und hatte keine Schmerzen.“

Gewerkschafter Benker, der bei der Polizei Oberfranken arbeitet, hält den Taser für eine „Alternative zum Pfefferspray und zur Pistole. Wir wollen so die Lücke, die bisher zwischen den beiden Waffen besteht, schließen.“ Auch zum Selbstschutz der Polizisten könnte der Taser laut Benker eingesetzt werden. Fälle von Gewalt gegen Beamte gibt es genug: Im Bereich des Präsidiums seien vergangenes Jahr 154 Polizisten von Angreifern verletzt worden – drei davon schwer. In Neu-Ulm wurden 29 Einsatzkräfte verletzt.

Unter anderem deshalb ist Günter Hohenwarther, Chef der Neu-Ulmer Verkehrspolizei, überzeugt, dass so ein Taser ein „probates Mittel wäre“. Außerdem sei die bloße Drohung, den Elektroschocker zu benutzen, bereits gut zur Abschreckung. „Es ist besser, wenn man ihn hat und drei Jahre nicht braucht. Schlimm wäre es, wenn man ihn braucht und nicht hat.“

Entschiedener Elektroschocker-Gegner ist zum Beispiel die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Deren Mitglieder deuten immer wieder auf die hohe Zahl an Toten durch Taser-Einsätze hin: Seit 2001 seien mindestens 670 Menschen nach Polizeieinsätzen mit Taser-Waffen gestorben.

Manche Kritiker sprechen beim Elektroschocker auch vom „Folterwerkzeug“, sagt Gewerkschafter Benker. Er hält das jedoch für „Uralt-Geschichten“. Seiner Ansicht nach passiere nur dann etwas, wenn der Getroffene stürzt und sich dabei lebensgefährlich verletzt. Zudem habe sich seiner Meinung nach die Technik so weiterentwickelt, dass der Elektroschocker, den die Polizei Distanzelektroimpulsgerät nennt, nahezu ungefährlich sei. Studien, die das österreichische Innenministerium in Auftrag gegeben hat und die in Nersingen vorgestellt wurden, haben ergeben, dass Taser „keine typischerweise lebensgefährliche Dienstwaffe“ seien. Zu Tode sei dadurch noch niemand gekommen.

Innenministerium eher zurückhaltend

Auch im bayerischen Innenministerium wird eifrig über das Thema Taser diskutiert. Sprecher Michael Siefener bezeichnet das aber als „nicht ganz so einfach, wie es die Gewerkschaften darstellen“. Auf Nachfrage teilt der Pressesprecher mit, die Gewerkschaften würden gerne eine einfache Handhabung der Elektroschocker demonstrieren, „doch der Umgang muss gut geschult werden“.

Das Innenministerium habe bereits eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die die Vor- und Nachteile überprüft. „Wir wollen wissen, was die Experten sagen“, so Siefener. Erste Ergebnisse würden Ende dieses Jahres erwartet – „danach sehen wir weiter“.