StartseiteRegionalRegion Ulm/Alb-DonauUlmMutmaßlicher Geldabholer für die Masche „falscher Polizist“ vor Gericht

Menschen um Erspartes gebracht

Mutmaßlicher Geldabholer für die Masche „falscher Polizist“ vor Gericht

Ulm / Lesedauer: 4 min

Vor Gericht schildert eine 76-Jährige, wie sie Opfer des Betruges geworden ist. Angeklagt ist ein 43-jähriger Mann, der als Geldabholer fungiert haben soll.
Veröffentlicht:10.02.2024, 05:00

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Man kann nur erahnen, wie schwer es der 76-jährigen Frau an diesem Tag fällt, vor Gericht genau das wiederzugeben, was sie vor rund einem Jahr um ihr gesamtes Erspartes gebracht hat. Sie wirkt überraschend gefasst und selbstkritisch. Ihr Vermögen wird dadurch nicht mehr auftauchen - aber vielleicht einer der Schuldigen am Ende verurteilt, die sie so derart hinterlistig ausgebeutet haben.

Vor dem Landgericht Ulm steht seit Mittwoch ein 43-Jähriger, der als sogenannter Geldabholer für eine größere Bande Krimineller tätig gewesen sein soll. Mindestens fünf vorwiegend ältere Menschen aus der weiten Region soll er um ihr Erspartes gebracht haben. Die Staatsanwaltschaft wirft im gewerbs- und bandenmäßigen Betrug vor.

Um ihr Geld in Sicherheit zu bringen, heben Sie es am besten von ihrem Konto ab und wir schließen es vorsorglich in eine spezielle Asservatenkammer in Ulm.

Der Anrufer

Die kriminelle Gruppe, denen er sich angeschlossen haben soll, wendet dabei eine ganz besonders gemeine Masche an - nämlich die der „falschen Polizisten“. Dabei geben die Kriminellen, die sich meist im Ausland wie in diesem Fall laut Staatsanwaltschaft in der Türkei befinden, vor, Polizisten zu sein.

Angeblicher Polizist aus Augsburg meldet sich

So auch im Fall der 76-jährigen Zeugin. Eines Tages soll sie einen Anruf von einem gewissen Herr Steinmetz der Polizei Augsburg erhalten haben. Scheinbar sehr glaubhaft und in gutem Deutsch berichtet dieser ihr am Telefon von einer Diebesbande, die man dingfest gemacht und dabei ein Schriftstück mit vielen Adressen gefunden habe.

Darunter, so der angebliche Polizist, auch die der angerufenen Dame. „Wir gehen deshalb davon aus, dass in den kommenden Tagen ein Einbruch bei Ihnen geplant ist. Um ihr Geld in Sicherheit zu bringen, heben Sie es am besten von ihrem Konto ab und wir schließen es vorsorglich in eine spezielle Asservatenkammer in Ulm.“

So oder so ähnlich könnte es geklungen haben, was die 76-Jährige am Telefon gesagt bekommt. Um das Ganze noch glaubhafter zu machen, geben die Kriminellen der Dame eine Telefonnummer, unter der sie die Geschichte verifizieren lassen könnte. Und tatsächlich: Eine gewisse Frau Biegelmayer meldet sich am anderen Ende der Leitung und bestätigt der Frau die Geschichte.

Im Glauben, es mit der „richtigen Polizei“ zu tun zu haben, übergibt die 76-Jährige insgesamt rund 60. 000 Euro an die Kriminellen. Dabei habe es im ganzen Verlauf der Geschichte für sie selbst so viele Anzeichen gegeben, „dass hier etwas nicht stimmte“, gibt sie vor Gericht offenherzig zu.

Bankangestellte fragt mehrfach nach

So habe eine Bankangestellte die 76-Jährige etwa mehrfach gefragt, warum sie auf einmal so viel Geld abheben wolle. „Die Bankangestellte fragte mich sogar noch, ob ich vielleicht einen Anruf bekommen habe und nun Geld abheben muss“, berichtet die Frau aus dem Landkreis Augsburg. „Die war clever“, fügt sie dann noch hinzu.

Diese Verfahren beginnen meist gegen Unbekannt, solange noch kein Tatverdacht gegen jemanden Konkretes vorliegt.

Staatsanwältin Svenja Haußmann

Das erste Mal habe man Geld bei ihr daheim abgeholt. Beim zweiten Anruf wenige Tage später sei die Frau aufgefordert worden, das Geld zum einen in einer anderen Bankfiliale abzuheben und zum anderen in Ulm zu übergeben. Was sie dann auch tat. Als daraufhin die „falschen Polizisten“ die Frau dazu brachten, Überweisungen an Personen mit türkisch-klingenden Namen in vierstelliger Höhe zu tätigen, informierte ihre Hausbank schließlich die Polizei - und brachte sozusagen das Verfahren ins Rollen.

Staatsanwältin Svenja Haußmann berichtet, dass derartige Fälle immer öfter auf ihrem Schreibtisch landeten. Von einem Einzelfall kann also bei weitem nicht die Rede sein. Auch das Polizeipräsidium Ulm bestätigt eine steigende Zahl an Betroffenen, die Opfer von Betrugsmaschen wie den „falschen Polizisten“ werden. „Diese Verfahren beginnen meist gegen Unbekannt, solange noch kein Tatverdacht gegen jemanden Konkretes vorliegt“, berichtet die Staatsanwältin.

Meist beginne man derartige Ermittlungen etwa mit einer Funkzellenabfrage, um zu klären, wer sich zum Zeitpunkt der Geldübergaben in der Nähe befand. An die Hintermänner zu kommen, die für die Masche verantwortlich sind, gestaltet sich als sehr schwierig. Denjenigen aber, die mit den Geschädigten etwa bei der Geldübergabe in Kontakt treten, kommt man schneller auf die Schliche.

Vier weitere Termine sind für den aktuellen Prozess gegen den 43-Jährigen vorgesehen, Mitte März soll dann ein Urteil fallen. Dem Angeklagte könnte im Fall einer Verurteilung mehrere Jahre Freiheitsstrafe erhalten. Bis dahin sollen weitere Zeugen aussagen, die ebenfalls Opfer der Masche „falscher Polizist“ wurden. Insgesamt geht es um eine Schadenssumme von 100.000 Euro.

Der Angeklagte, so wirft es ihm die Staatsanwaltschaft vor, soll dabei jeweils zehn Prozent der Beute als Lohn erhalten haben. „Mir hat das alles einige schlaflose Nächte bereitet. Man schämt sich, dass man auf so etwas hereingefallen ist“, sagt die 76-Jährige am ersten Prozesstag vor Gericht. Wohl den Meisten, die Opfer derartiger Betrugsmaschen geworden sind, wird es so gehen.