StartseiteRegionalRegion Ulm/Alb-DonauUlmBlind bei Organisierter Kriminalität: Ulmer Ex-Polizist berichtet von Menschenhandel und Sklaverei

Menschenhandel

Blind bei Organisierter Kriminalität: Ulmer Ex-Polizist berichtet von Menschenhandel und Sklaverei

Ulm / Lesedauer: 4 min

Ulmer Kriminalhauptkommissar spricht im Rahmen des Kampagne „Rotlich aus“.
Veröffentlicht:24.06.2018, 19:51

Artikel teilen:

Mit einer Kampagne tritt das Ulmer Bündnis gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution dem Teufelkreis entgegen, in den Frauen als Ware geraten. Die vom Landesfrauenrat Baden-Württemberg und der Initiative „Sisters“ getragene Kampagne „Rotlicht aus“ wird es auch während des Donaufestes geben, weil die Mehrheit der in Ulm und Neu-Ulm tätigen gut 300 Prostituierten aus Donauanrainerstaaten kommt.

Zum Auftakt stellte Manfred Paulus, bis zum Ruhestand Erster Kriminalhauptkommissar in Ulm und für Rotlicht-Kriminalität zuständig, in der Sparkasse Neue Mitte im Gespräch mit Dagmar Engels sein soeben erschienenes Buch „Menschenhandel und Sexsklaverei entlang der Donau “ vor.

Zuhälter sitzen inzwischen in VIP-Lounges

Paulus schilderte eindringlich, wie der Einfluss der Organisierten Kriminalität in Deutschland immer größer wird – oft kommunal oder staatlich unterstützt. Manfred Paulus spricht Klartext: Es gibt eine neue Entwicklung von Beratungsstellen für Prostituierte, die „verlängerte Arme der Organisierten Kriminalität“ sind – und die Diskussion in Deutschland wird erschwert durch politische Frauengruppen, die behaupten, dass es hierzulande keine Zwangsprostitution gebe. Deutschland sei blind gegenüber der Organisierten Kriminalität, sagt Paulus. Die Zuhälter sitzen inzwischen in den VIP-Lounges.

Weshalb? Drei Möglichkeiten sieht der erfahrene Kriminalhauptkommissar: eine „fast nicht mehr glaubwürdige politische Naivität in Deutschland“, wirtschaftliche Gründe – oder aber den Umstand, dass die Organisierte Kriminalität in Deutschland so weit fortgeschritten ist, „dass nicht mehr getan werden kann, was getan werden müsste.“ Das 2001 beschlossene Prostitutionsgesetz, das die Sexarbeit aus der Illegalität befreien sollte, habe in Deutschland zu einem Desaster geführt. Es helfe mehr den Tätern als den Opfern, schildert Paulus, und für eine solche Gesetzgebung habe er „kein Verständnis“.

Frau als Besitz des Mannes

Eine albanische Mafia habe die Dominanz in Mitteleuropa und bestimme das Milieu total, wobei das „ungeschriebene Gesetz der albanischen Berge“ ideale Voraussetzungen für Sexsklaverei biete: Die Frau als Besitz des Mannes hat den Mund allein zum Essen aufzumachen, berichtet Paulus. Die albanische Mafia vergesse und verzeihe nicht – Ausstiegsversuche endeten oft tödlich. Prostituierte hätten ein 18-fach erhöhtes Mordrisiko. Ulm sei von der kriminellen Landkarte in Deutschland nicht zu trennen, erklärt Paulus, der von sich sagt, gegen Unrecht anzugehen höre nicht mit der Pensionsgrenze auf. Deshalb engagiert er sich in der Aufklärung junger Mädchen und Frauen in Südosteuropa. In der dortigen Situation von Armut und Perspektivlosigkeit werde allzugerne geglaubt, was „Loverboys“ versprechen – einen gut bezahlten Job im Hotel- oder Gastronomiegewerbe besorgen zu können.

Doch die jungen Frauen und Mädchen, die oft aus Rumänien, Bulgarien, Moldawien oder der Ukraine stammen, landen meist in der Zwangsprostitution. Die Pässe werden ihnen abgenommen, sie werden mit Gewalt und Bedrohungen gefügig gemacht. Das Kosovo benennt Paulus als das Zentrum des Menschen- und Heroinhandels in Europa. Es ist eine unschöne Reise entlang der Donau, die Manfred Paulus im Buch wie im Vortrag von Ulm aus unternimmt – der Donau folgend. Er malt den Abendhimmel und die untergehende Sonne hinter dem Münsterturm in Worten, die in krassem Gegensatz zu den Fakten seiner Recherche stehen. Denn in den Abschnitten der Donaureise zum Schwarzen Meer geht es um darum, wer die Rotlichtmeilen und Bordelle links und rechts der Donau beherrscht. Rocker und rockerähnliche Gruppierungen wie die Hells Angels, Mongols MC, Bandidos oder Osmanen Germania, sagt Manfred Paulus, haben dabei vor allem die Funktion, „das erforderliche Einschüchterungspotenzial und die erforderliche Gewaltbereitschaft zu signalisieren“ und gegebenenfalls auch zu realisieren.

Bordellverbot zieht

In anderen Ländern dagegen werden Gegenmaßnahmen umgesetzt: Manfred Paulus berichtete von neuen Entwicklungen in Österreich und in Frankreich, wo es inzwischen ein Bordellverbot gibt – und umgekehrt von einem grenznahen Wochenend-Sextourismus nach Deutschland.

Diskussion „Rotlicht entlang der Blauen Donau“ heißt ein Abend im Rahmen des Donaufestes, bei dem am 12. Juli ab 20 Uhr in der Ulmer Volksbank Manfred Paulus, OB Gunter Czisch, Kriminaldirektor Manfred Ziehfreund und eine Aussteigerin aus der Prostitution über die Ulmer Situation des Kinder- und Frauenhandelns seit 2013 sprechen werden.