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Lange Tradition

Kontroverse Diskussion und streitbare Meinungen bei Ulmer Friedenswochen

Ulm / Lesedauer: 4 min

Dieses Jahr geht es vor allem um die Ukraine, aber nicht nur. Was geplant ist und wie die Veranstalter zur aktuellen Politik stehen.
Veröffentlicht:24.08.2023, 07:50

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Die Ulmer Friedenswochen haben eine lange Tradition. Doch in Kriegszeiten ist vieles anders: Dieses Jahr befasst sich die Veranstaltungsreihe vor allem mit der Ukraine, aber nicht nur. Was geplant ist und wie die Veranstalter zur aktuellen Politik stehen.

Lothar Heusohn sagt diesen einen Satz, der bis vor zwei Jahren noch völlig unverfänglich war — aber seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine so viel politische Brisanz erfahren hat: „Wir setzen uns für eine konsequente Verhandlungslösung in der Ukraine ein.“ Das bedeute aus seiner Sicht auch, dass die Kriegsparteien zurück an den Verhandlungstisch müssten. Und die Ukraine habe gegebenenfalls ja auch die annektierten Regionen wie etwa Luhansk und Donezk „anzubieten“.

Verantwortung auch bei NATO?

Lothar Heusohn ist Sprecher und Mitorganisator der Ulmer Friedenswochen und weiß, dass er mit dieser Haltung aneckt. Oberbürgermeister Gunter Czisch hatte etwa in seinem Vorwort in der Veranstaltungsbroschüre betont, dass er sich ein Ende des Krieges „unter Wahrung der territorialen Integrität des Landes“ wünsche. Angriffskriege dürften nicht durch gewaltsam herbeigeführte Gebietsgewinne belohnt werden.

Natürlich verteidigen wir nicht die russische Seite, das ist ganz klar ein Angriffskrieg Russlands.

Lothar Heusohn

Dass Heusohn dies im Zweifel anders sieht, ist offenbar auch Zeichen der Meinungsvielfalt. Er sei aber „absolut kein Putin–Versteher“, betont der Veranstalter. Und mit der AfD oder anderen rechten Position habe er „wahrlich nichts am Hut“. Heusohn sagt: „Natürlich verteidigen wir nicht die russische Seite, das ist ganz klar ein Angriffskrieg Russlands.“ Dennoch müsse auch über die Verantwortung der NATO und die Vorgeschichte in der Ukraine diskutiert werden.

Worüber diskutiert wird

Diskutiert werden soll reichlich bei den 19. Ulmer Friedenswochen vom 1. September bis zum 29. September: Über den Krieg, aber vor allem über Wege zum Frieden. Und das aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Die Liste der Organisatoren ist lang: Von Amnesty International über die Jugendverbände der Kirchen bis zum Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Mehr als 30 Mitveranstalter sorgen für ein vielfältiges Angebot. „Jede Gruppe ist selbstverantwortlich für ihr Programm“, betont Heusohn und macht damit auch deutlich: Jeder sei mit seiner eigenen politischen Meinung willkommen. Gemeinsame Grundlage aber sei die Haltung, dass es „keine Waffenlieferung“ geben soll und bei Konflikten immer Verhandlungen im Vordergrund stehen sollten.

Jede Gruppe ist selbstverantwortlich für ihr Programm.

Lothar Heusohn

Die Veranstaltungsreihe beginnt am Freitag, 1. September, ab 18 Uhr mit einem Vortrag des DGB–Kreisverbands Ulm/Alb–Donau zum Thema „Frieden um welchen Preis?“ im Haus der Gewerkschaften. Weitere Veranstaltungstermine folgen. Thematisch geht es dabei unter anderem um das Schicksal von Geflüchteten, Friedensethik, Verteidigungspolitik und die Rolle der Medien. Neben Vorträgen finden auch Gottesdienste, Gebete, Ausstellungen, Mahnwachen, Konzerten, Führungen und ein Kinder– und Familienfest statt. Das ausführliche Programm gibt es online unter www.friedenswochen–ulm.de.

Ansporn für mehr

Lothar Heusohn sagt, er sei stolz auf das Programm. „Ich wünsche mir, das die Veranstaltungen zur kontroversen Diskussionen einladen.“ Gerade jetzt sei der richtige Zeitpunkt für die Friedenswochen. Im Vorwort zur Veranstaltungsbroschüre schreibt der Ulmer Oberbürgermeister Gunter Czisch: „Manche mögen einwenden, dass man mit Vorträgen und Diskussionen die harte Lebenswirklichkeit nicht ändern könne. Das mag vordergründig so sein.“ Aber Czisch betont: „Und doch schärfen das Gespräch und der Austausch die Sinne. Und so bieten die Ulmer Friedenswochen eine Plattform, um vielleicht auch eigene Ängste und Sorgen zu äußern und zu bewältigen.“

Und doch schärfen das Gespräch und der Austausch die Sinne.

Gunter Czisch

1977 fanden die ersten Friedenswochen in Ulm statt und wurden bis 1988 angeboten. Nach einer langen Pausen gab es 2017 ein Revival. Dieses Jahr finden sie zum 19. Mal statt. Und obwohl Europa in all dieser Zeit Jahrzehnte des Friedens erlebte, waren Kriege in anderen Teilen allgegenwärtig. Auch daran erinnert Czisch in seinem Vorwort. „Die Welt ist seither nicht wirklich besser geworden.“ Für die Organisatoren der Ulmer Friedenswochen mag dies ernüchternd sein, vor allem aber ist es Ansporn weiterzumachen.