Universitätsklinikum

Wenn die Angst vor dem Corona-Virus lebensgefährlich wird

Ulm / Lesedauer: 3 min

Eine Studie am Uniklinikum Ulm zeigt: Herzinfarktpatienten kamen oft zu spät zur Behandlung. Die Folgen können tödlich sein.
Veröffentlicht:09.07.2020, 17:40
Aktualisiert:09.07.2020, 18:41

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Nicht nur das Virus an sich, auch die Angst vor einer Ansteckung mit dem neuartigen Krankheitserreger kann schwerwiegende Folgen haben. Das bestätigt eine aktuelle Studie des Universitätsklinikums Ulm.

Experten der Klinik für Innere Medizin II haben untersucht, welche Veränderungen es bei der Versorgung von Patienten mit akuten Herz-Kreislauf-Erkrankungen am Universitätsklinikum gab und ob sich die Anzahl der Patienten mit diesem Krankheitsbild verändert hat.

Wir wissen, dass eine verzögerte Diagnostik und Behandlung eines Herzinfarktes Leben und Herzmuskel kostet.

Ärztlicher Direktor Wolfgang Rottbauer

„Neben der Angst vor einer Ansteckung mit dem neuartigen Krankheitserreger denken im Moment die meisten Menschen bei Symptomen wie Luftnot und Brustschmerz zunächst an eine Coronavirus-Erkrankung und nicht an einen Herzinfarkt“, so Professor Wolfgang Rottbauer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Herz- und Lungenerkrankungen des Universitätsklinikums. Er ergänzt: „Wir wissen, dass eine verzögerte Diagnostik und Behandlung eines Herzinfarktes Leben und Herzmuskel kostet – denn Zeit ist Muskel. Die Effekte der Coronavirus-Pandemie auf die Herzinfarktversorgung haben wir deshalb über unsere Chest Pain Unit (CPU) analysiert.“ Die CPU (Chest Pain Unit) arbeitet seit zehn Jahren für die Großregion Ulm und ist auf die notfallmäßige Behandlung von Herzpatienten spezialisiert.

Schwere Komplikationen nahmen zu

Das Studienteam um Professor Armin Imhof hat dazu alle Daten von Patienten, die zwischen dem 21. März und dem 20. April dieses Jahres notfallmäßig über die CPU aufgenommen wurden, untersucht. Ergebnis: „Im Vergleich mit den Patienten der vergangenen Jahre im gleichen Zeitraum waren die Herzinfarkte größer. Es traten häufiger schwere Komplikationen auf, wie beispielsweise Defekte der Herzscheidewand, die auch häufiger den Einsatz von Herz-Lungenmaschinen notwendig machten. Diese Art der Komplikationen beobachtet man seit Einführung der Chest Pain Units und durch Patientenaufklärung sonst nur noch sehr selten“, berichtet der Erstautor der Studie, Dr. Manuel Rattka.

Patienten holen später Hilfe

Die Studie zeigt, dass Patienten sogar, wenn sie Symptome eines Herzinfarkts zeigten, später medizinische Hilfe gesucht haben als in den beiden Jahren zuvor. „Wir haben die Laborwerte unserer Patienten mit den Werten der letzten drei Jahre verglichen und festgestellt, dass die kritischen Werte während des Untersuchungszeitraums deutlich höher waren“, so Professor Armin Imhof. Diese Erhöhung deute darauf hin, dass zwischen den ersten Symptomen akuter Herz-Kreislauf-Probleme und der ersten medizinischen Untersuchung eine längere Zeit vergangen ist als üblich.

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Neben der Versorgung in der CPU haben die Herzspezialisten des Universitätsklinikums Ulm auch die generelle Anzahl der Akutaufnahmen an der Klinik für Innere Medizin II analysiert. Die an der Studie beteiligten Ärzte untersuchten im gleichen Zeitraum, ob sich die Zahl der Patienten, die aufgrund akuter Herz-Kreislauf-Probleme in der Klinik aufgenommen wurden, im Vergleich zu den Vorjahren verändert hat.

Die Ergebnisse bestätigen, was viele vermuteten: „Verglichen mit den Jahren 2017 bis 2019 haben wir im untersuchten Zeitraum rund 20 Prozent weniger Patienten wegen akuter Herz-Kreislauf-Probleme aufgenommen“, erklärt der Studienleiter und Oberarzt Professor Armin Imhof. „Dies liegt wohl nicht daran, dass plötzlich weniger Menschen an diesen Symptomen leiden, sondern so vermuten wir vielmehr an der Angst vieler, sich in einer Klinik mit dem Coronavirus anzustecken.“

Patienten wollen nicht zur Last fallen

Hinzu kommen könnte, dass einige Patienten nicht zur Überlastung des Gesundheitssystems während der Pandemie beitragen wollten beziehungsweise ihre Symptome selbst als nicht kritisch einschätzten. Besonders in den ersten 15 Tagen der Kontaktbeschränkungen seien die Patientenaufnahmen deutlich zurückgegangen.

„Dieser Rückgang ist eine besorgniserregende Entwicklung, denn bei vielen Krankheitsbildern, die wir in unserer Klinik behandeln, zählt jede Sekunde. Wenn Menschen, die akute Symptome verspüren, nicht rechtzeitig in eine Klinik kommen, kann das tödliche Folgen haben“, sagt Professor Armin Imhof.

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