Testfeld

Autonomes Fahren bleibt Schwerpunkt an Ulmer Uni

Ulm / Lesedauer: 4 min

Land vergibt Fördergelder für Testfeld nach Karlsruhe – Forscher nutzen Netzwerk mit Firmen wie Nokia in Ulm
Veröffentlicht:07.07.2016, 16:10
Aktualisiert:23.10.2019, 14:00

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Die Universität Ulm will ihre Forschungen im Bereich des autonomen Fahrens trotz eines empfindlichen Rückschlages ausbauen. Obwohl das Land im Großraum Karlsruhe das „Testfeld zum vernetzten und automatisierten Fahren“ fördern wird, wie Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) am Donnerstag mitteilte, werde der Ulmer Forschungsbereich weitergeführt. „Womöglich in einer etwas anderen Form und im Rahmen anderer Fördermaßnahmen“, sagte der Ulmer Universitätspräsident Professor Michael Weber am Donnerstag.

Für das vom Land Baden-Württemberg geförderte „Testfeld zum vernetzten und automatisierten Fahren“ hatten sich drei Großräume beworben – neben Karlsruhe/Bruchsal/Heilbronn auch Stuttgart/Ludwigsburg und Ulm . Das Land will die Testregion mit 2,5 Millionen Euro fördern. Noch 2016 sollten Mittel für die Forschung aus dem Testfeld bereitgestellt werden, hieß es beim Ministerium. Davon profitieren demnach Forschungseinrichtungen aus allen Regionen.

Testfelder für automatisiertes Fahren entstehen nach Angaben des Fahrzeugtechnik-Professors Hermann Winner von der TU Darmstadt seit etwa zwei Jahren „fast überall auf der Welt“. In Europa sei das bekannteste das „DriveMe-Projekt“ in Göteborg. Dort sollen von Ende nächsten Jahres an 100 Fahrzeuge auf einem Stadtring vollautomatisch fahren – allerdings ohne Gegenverkehr, Fußgänger und Radfahrer. In Deutschland testen Autobauer etwa auf der A9 Prototypen. Doch in der Innenstadt geht es um kompliziertere Fragen: Funktioniert ein fahrerloser Bus oder ein von Geisterhand betriebenes Reinigungsfahrzeug auch im dichten Stadtverkehr, wo Kinder und Radfahrer die Fahrbahnen queren? Im „Testfeld zum vernetzten und automatisierten Fahren“ sollen diese erstmals im „Reallabor“ erprobt werden. „Das Karlsruher Projekt hat auch durch seinen überregionalen Ansatz und seine breite Einbeziehung unterschiedlicher Mobilitätsangebote überzeugt“, begründete Hermann den Zuschlag für Karlsruhe . Die internationale Vernetzung mit Frankreich sei ein weiteres Plus, auch die bessere Übertragbarkeit auf andere mittelgroße deutsche Städte.

In Ulm, das betonen die Beteiligten, werden Forschung und Entwicklung trotz der fehlenden Millionen aus dem Landessäckel fortgesetzt. Firmen wie Audi, BMW, Conti und Daimler sowie Nokia sind vor Ort präsent und beteiligt. Das technische Know-How ist ebenfalls vorhanden: Seit Januar ist die Universität Ulm federführender Partner im Tech Center a-drive, einem hochkarätigen Zusammenschluss mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und dem Forschungszentrum Informatik (FZI) – gefördert vom Land sowie von der Daimler AG mit insgesamt 7,5 Millionen Euro. Die wissenschaftlichen Grundlagen des automatisierten Fahrens erforschen Ingenieure, Informatiker und Psychologen. Die Experten um Professor Klaus Dietmayer, Leiter des Uni-Instituts für Mess-, Regel- und Mikrotechnik, verfügen nach eigenen Angaben über eine einzigartige Expertise im anspruchsvollen innerstädtischen Verkehr, in dem Fahrzeuge und Fußgänger auf engem Raum unterwegs sind.

Unklar ist derzeit aber, ob die Ulmer Akteure das Testfeld wie geplant aufbauen. Das jetzt von der Landesregierung abgelehnte Ulmer Konzept umfasst alle Straßenkategorien sowie zu Testzwecken nötige Herausforderungen für selbstfahrende Autos wie Tunnel, Ampeln und den Ringverkehr am Blaubeurer Kreisel in der Nähe des IKEA-Möbelhauses. Das Testfeld hätte allen Akteuren im Bereich automatisiertes Fahren offenstehen sollen. Es hätte sich auch an kleinere Unternehmen gerichtet, die ihre Technologien für selbststeuernde Fahrzeuge in einem realistischen Umfeld erproben möchten.

Der Telekommunikationskonzern Nokia will mit seinem 5G-Netz, das die Echtzeitübertragung von Daten ermöglicht, in jedem Fall Ulm als Testfeld nutzen: „In Ulm betreiben wir ein On-Air Testnetz für LTE und in Zukunft auch 5G. Mobilfunkszenarien für das Automatisierte Fahren stehen bei uns fest auf der Agenda. Nichts ist dabei naheliegender als eine Erprobung vor Ort“, sagt Hans-Joachim Dreßler, Betriebsleiter des Standortes Nokia Networks in der Donaustadt. Optimistisch ist auch Michael Buchholz vom Institut für Mess-, Regel- und Mikrotechnik, da viele neue Kontakte und Netzwerke entstanden seien, „mit denen wir nun unabhängig von der Förderung des Testfeldes in Ulm weiter an gemeinsamen Ideen und Konzepten für das automatisierte und vernetzte Fahren arbeiten werden.“