Exkursion

Auf virtueller Exkursion durch die Ulmer KZ-Gedenkstätte

Ulm / Lesedauer: 4 min

Besuchergruppen können das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg (DZOK) derzeit nicht mehr vor Ort erkunden. Wie eine digitale Exkursion stattdessen aussieht und was dabei zurückbleibt.
Veröffentlicht:27.04.2021, 11:00
Aktualisiert:27.04.2021, 11:01

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Am Hochsträß 1. Besuchte man vor Corona das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg (DZOK) in Ulm, stand man vor dicken Gemäuern und gelangte in unterirdische Gänge. Geht man heute auf Exkursion, sitzt man gemütlich in den eigenen vier Wänden am Schreibtisch, einen Bildschirm vor sich. Doch was bleibt von der KZ-Gedenkstätte, wenn die kahlen Räume und unterirdischen Gänge wegfallen?

Neues Bildungsprojekt zu Hasssprache

Seit dem 30. März ist das DZOK geschlossen Auch Schüler- und Studentengruppen haben sich schon lange nicht mehr auf den Weg zum Oberen Kuhberg gemacht. Und das, obwohl im vergangenen Jahr das neues Bildungsprojekt „Language Matters“ zu Hasssprache startete. Die Koordinatorin des Projekts Mareike Wacha konnte gerade noch einen Workshop im März vergangenen Jahres mit einer Schulklasse aus Ravensburg durchführen. Jetzt starten die ersten digitale Workshops.

Kamera eingeschaltet und Headset aufgesetzt: Etwa 20 Lehramtsstudenten im Fach Geschichte der Pädagogischen Hochschule Heidelberg haben sich vor ihren Bildschirmen versammelt. Mareike Wacha und Annette Lein vom DZOK schalten sich dazu. Der Fokus des digitalen Workshops „Language Matters“ liegt auf der Verbindung von historischem und gegenwartsbezogenem Lernen über Sprache als Scharnierfunktion. Doch bevor der inhaltliche Austausch beginnt, wird die Gedenkstätte virtuell besichtigt.

„Buchstäblich lebendig begraben“

Annette Lein, die sonst Führungen durch das DZOK leitet, versucht mit zahlreichen Bildern den Ort des Schreckens nahbar zu machen. Wenn man sonst in die ehemaligen Zelle eintreten kann und der damalige Haftalltag durch den historischen Ort erfahrbar wird, liest Lein nun Zeugnisse des KZ-Häftlings Albert Fischers vor, der den Lebensalltag in den unterirdischen Häftlingsunterkünften als „buchstäblich lebendig begraben“ beschrieb.

Für einen Moment taucht man in die Geschichte ein, bis die üblichen Schwierigkeiten der Videokonferenz die Gegenwart zurückholen. Die digitale Exkursion wechselt von der Dauer- in die Wanderausstellung zu demokratiefeindlicher Sprache. Die Ausstellung „Man wird ja wohl noch sagen dürfen...“ präsentiert acht Schlüsselbegriffe menschenverachtender Sprache in Geschichte und Gegenwart. Die Ausstellungstafeln zu den drei Begriffen „Volksgemeinschaft“, „Lügenpresse“ und „Asozial“ sind nun auf dem Bildschirm zu sehen. Die Begriffe werden sodann in ihren historischen und gegenwärtigen Kontext gestellt und problematisiert.

Doch kann eine digitale Gedenkstättenarbeit ohne das entscheidende Element, dem DZOK selbst, funktionieren? „Der historische Ort ist das zentrale Element, das im Digitalen immer fehlen wird. Und trotzdem wollen wir das Projekt weiterentwickeln, bis reale Begegnungen wieder möglich sind“, sagt Mareike Wacha. Ähnlich sieht es auch ihre Kollegin Annette Lein, der Ort und die Lebendigkeit seien nicht ohne weiteres zu ersetzen. „Aber das ist auch nicht das Ziel. Ich sehe es als eine Erweiterung.“

Das sagen die Studenten zum Angebot

Die Studentin Edith Bäuerle hält den Workshop für sehr gelungen und informativ. Sie schätzt das digitale Angebot: „Ich finde es gut, dass Sie das Programm auch in digitaler Art und Weise anbieten. Es gibt genug Institutionen, die das machen könnten, aber nicht tun. Es ist wichtig, mit der Zeit und den Geschehnissen zu gehen.“ Ganz in diesem Sinn denkt Annette Lein für eine Zeit nach Corona und sagt: „Der Wert liegt im historischen Ort, aber die digitalen Workshops werden auch danach nicht in der Schublade verschwinden.“ Und einen Vorteil hat die digitale Exkursion, man spart sich den Heimweg.

Auch über die Online-Workshops hinaus hat sich das DZOK digital breit aufgestellt. „Seit etwa einem Jahr durchlaufen wir einen Digitalisierungsschub. Dafür spricht auch das Format, das wir heute haben“, sagt Lein. So sind auf der Webseite virtuelle Führungen, Fotorundgänge und Quellensammlungen abrufbar. Multimedial bietet das Informationszentrum Kurzfilme auf seinem Youtube-Kanal an. In der Audiodatei „Stimmen zum Erinnern“ sprechen Ulmer aus fünf Generationen, was die Erinnerung an den Nationalsozialismus für sie persönlich bedeutet.