Herbergssuche

Herbergssuche in Öpfingen

Öpfingen / Lesedauer: 4 min

Symbolische Herbergsuche in Öpfingen: Familie Fromme nimmt die Suchenden für eine Nacht auf
Veröffentlicht:23.12.2018, 19:09
Aktualisiert:22.10.2019, 13:00

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Maria und Josef kommen mit dem Auto. Es ist nass-kalt an diesem Abend in Öpfingen , die Straßen sind leer. Vereinzelt leuchten helle Sterne, nicht am Himmel, sondern in den Häusern der Nachbarschaft. Die zwei Suchenden müssen nicht lange fragen, nicht einmal klingen. In diesen wichtigen Stunden, schließlich soll bald das Kind zur Welt kommen, haben sie in der Gemeinde leichtes Spiel. Hinter der Tür warten nicht nur Gisela und Lorenz Fromme, sondern auch die Enkelkinder Emma und Simon. „Endlich sind sie da“, sagt die Fünfjährige und nimmt die Gäste in Empfang. Die Gäste sind keine echten Menschen. Vielmehr sind es zwei gesegnete hölzerne Krippenfiguren aus der Öpfinger Kirche, die in der Adventszeit von Familie zu Familie wandern und symbolisch auf Herbergssuche sind.

Auf dem weihnachlich geschmückten Esszimmertisch ruhen sich Maria und Josef nach ihren Ankunft die ersten Minuten aus. Sie sind nicht alleine zu Frommes gekommen. Im Gegenteil:Seit der Rorate-Messe am 8. Dezember werden sie von Joachim Glatthaar begleitet, dem Ideengeber und Organisator dieser seit 18 Jahren bestehenden Öpfinger Version der nachgespielten Herbergssuche. In vielen anderen Gemeinden sieht es die christiliche Tradition vor, dass zwei Kinder die Rollen von Maria und Josef einnehmen, während der Vater oder ein älteres Kind den sie abweisenden Herbergsvater spielt. Die Öpfinger weichen von dieser Formel ab. „So gut wie bei uns haben es Maria und Josef wahrscheinlich nirgends“, sagt Glatthaar und lacht.

Unterschiede zum Evangelium

Denn zur überlieferten Fassung und den volkstümlich dramatisierten Angaben des Lukasevangeliums, bei der Jesus’ Mutter und ihr Bräutigam in Bethlehem fast schon verzweifelt eine Unterkunft gesucht haben, gibt es im 2300-Seelen-Ort einige Unterschiede. Die Stationen etwa sind fest geplant. Kein Anklopfen, kein um Gnade Flehen, keine Unsicherheit. „Manche Familien haben schon mehrmals mitgemacht, andere zum ersten Mal. Dabei sind junge Eltern genauso wie alleinstehende ältere Leute“, erklärt der 58-jährige Glatthaar. Menschen miteinander verbinden, christliche Werte leben und die Tradition an die nächste Generation weitergeben – darin sieht er seine Aufgabe. In der Vorweihnachtszeit holt er die Figuren abends ab und fährt sie anschließend zur nächsten Anlaufstelle.

Mal, so erzählt er, stellen die beteiligten Menschen die Figuren ans Fenster, mal ins Kinderzimmer, mal zentral ins Wohnzimmer. Maria und Josef haben es sich in jedem Fall schon vorab gemütlich gemacht: Glaathaars Freund Hermann Schmidberger hat zwei kleine Holzhäuschen mit Beleuchtung gebastelt, in denen sie stehen. Und so erleuchten die Beiden auch bei Familie Fromme das Wohnzimmer. Während Opa Fromme die Enkel zu sich auf die Eckbank nimmt, holt Oma Fromme zwei kleine Bücher mit Weihnachtsgeschichten hervor. „Doch bevor ich euch jetzt mit Maria und Josef alleine lasse, stimmen wir ein weihnachtliches Lied an“, sagt Glatthaar, dreht sich zu den Kindern und fragt, ob sie „Wir sagen Euch an, den lieben Advent“ kennen. „Das haben wir schon mal im Chor geübt“, antwortet der vierjährige Simon stolz. Im Beisein der besonderen Gäste beginnen sie dann zu singen.

Rückkehr in die Kirche

Wegen solcher Momente und diesem Lachen, das die Menschen durch die Aktion ausstrahlen, führt er diesen Brauch fort, versichert Glatthaar. An die Anfänge vor fast zwei Jahrzehnten erinnert er sich noch genau. Bei einem Wochenend-Seminar mit dem Kirchengemeinderat, zu dem Glatthaar lange Jahre zählte, sei er auf die neuntägige Marienandacht gestoßen – dahinter steckt eine ähnliche Prozedur mit einer stetig weitergesendeten Figur. Die Idee übernahm er und brachte sie zurück nach Öpfingen. Der Ablauf sehe dort seit diesem Zeitpunkt gleich aus, wobei in den ersten Jahren noch die Familien selbst die Figuren zur nächsten Station gebracht haben. Der Höhepunkt und gleichzeitig der letzte Stopp der Holzfiguren ist dann an Heiligabend. Sie kehren nach der für ihre Verhältnisse entspannten und erlebnisreichen Reise zurück in die Kirche. So gut wie in Öpfingen, so scheint es tatsächlich, haben es Maria und Josef nicht überall.