Regierungspräsidium

Kleine Nager, großer Ärger: Das passiert bei Schäden durch den Biber

Obermarchtal / Lesedauer: 5 min

Biberbeauftragter des Regierungspräsidiums gibt vor Ort wertvolle Tipps
Veröffentlicht:29.06.2022, 17:00

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Auf Initiative der Gemeindeverwaltung hat das Regierungspräsidium Tübingen für die Gemarkung Obermarchtal ein Bibermanagement-Konzept erstellt. Josef Grom, Diplom-Biologe und Biberbeauftragter des Regierungspräsidiums Tübingen, hat am Dienstag an den sieben Obermarchtaler Biberrevieren mögliche Maßnahmen erläutert, um Grundstückseigentümern und dem streng geschützten Biber ein friedliches Miteinander zu ermöglichen. Das Interesse aus der Bevölkerung war groß.

Streng geschütztes Tier

Im 19. Jahrhundert hatte der Mensch den Biber in unserer Gegend ausgerottet. Da er inzwischen streng gesetzlich geschützt ist, haben sich nach Auskunft von Nina Leikov von der Unteren Naturschutzbehörde beim Landratsamt inzwischen im Alb-Donau-Kreis etwas mehr als 100 Biberreviere gebildet. „Wir gehen von derzeit ungefähr 500 Tieren aus“, sagte die Expertin beim Ortstermin in Obermarchtal .

Bürgermeister Martin Krämer , der das Managementkonzept für den Biber bereits 2020 angefordert hat, freute sich über eine Vielzahl wertvoller Informationen im richtigen Umgang mit dem Nagetier aus der Hand von Josef Grom, der das von ihm erstellte Konzept jeweils vor Ort erläuterte. „Das ist kein Kaffeekränzchen“, sagte der Rathauschef, und bekräftigte damit die Absicht der Verwaltung, für die Anlieger der sieben Obermarchtaler Biberreviere eine jeweils tragfähige Lösung zu finden, auf der Basis des schriftlichen Biberdamm-Managementkonzepts.

Drei Arten von Reviere

In seinen mündlichen Ausführungen hat Josef Grom erläutert, dass die Reviere in drei Kategorien eingeteilt sind. In rot gekennzeichneten Flächen dürfen bzw. müssen Biberdämme entfernt werden, da ein hohes Gefahren- und Schadenspotential besteht. Das betrifft insbesondere Ortlagen und Abschnitte mit dichtem Drainagenetz. Hingegen müssen in grün gekennzeichneten Flächen Biberdämme uneingeschränkt toleriert werden, da es sich um konfliktfreie bzw. konfliktarme Biberreviere handelt.

Regulierungsmöglichkeiten bestehen in gelb bzw. orange markierten Gebieten, in denen einfache oder aufwändigere Maßnahmen erforderlich sind. Hier dürfen Biberdämme abgesenkt und notfalls entfernt werden. In Abschnitten mit uferparallelen Straßen dürfen Dämme soweit abgesenkt werden, dass keine Ausuferung stattfindet. Bei Drainageausläufen dürfen Dämme soweit abgesenkt beziehungsweise entfernt werden, dass die Vorflutfunktion erhalten bleibt.

Betroffene mit ins Boot nehmen

In allen sieben Revieren haben Josef Grom, Bürgermeister Krämer und Nina Leikov sowie Gemeinderat Julius Singer Station gemacht, und mit den jeweils anwenden Eigentümern gesprochen. Im Schnitt waren jeweils rund zehn Betroffene vor Ort.

Neben allgemeinen Aussagen über den Biber und dessen Bedürfnisse an seinen Lebensraum hat Josef Grom auch für jedes Revier eine Liste konkreter Maßnahmen vorgeschlagen, die die Gemeinde nunmehr umsetzen kann, jeweils im Gespräch mit den Eigentümern. „Ich möchte alle Betroffenen ins Boot nehmen“, sagte Bürgermeister Krämer, und hatte dabei den richtigen Ton getroffen, denn es geht bei dem Thema schließlich um viel Wasser und dessen Ableitung.

Zu den Kernaussagen des Biberbeauftragten gehörte, dass Wasser nicht unkontrolliert zum Ort laufen darf. Einen rechtlichen Anspruch gegen die Gemeinde auf bestimmte Handlungen hätten die Eigentümer jedoch nicht, so Josef Grom. Die Frage eines betroffenen Landwirts, wie viel man dulden müsse, „ich habe den Schaden“, lautete seine Aussage, war damit beantwortet. Der Biber baue Dämme, damit sein Lebensraum für ihn lebenswert wird, insbesondere damit er schwimmen könne. Er trage durch die Schaffung von kleinen Seen zur Biodiversität bei. Beim Eisweiher konnte festgestellt werden, dass sich Laubfrösche angesiedelt haben.

Vorsorgliche Maßnahmen

Schäden durch den Biber würden den Eigentümern nicht ersetzt, machte Josef Grom klar. Jedoch würden das Land und der Landkreis viel Geld ausgeben, um vorsorgliche Maßnahmen zu finanzieren. Der Experte riet der Verwaltung und den Eigentümern, im Gespräch Lösungen zu entwickeln, die für beide Seiten tragfähig sind. So seien Schutzmatten beim Landratsamt kostenlos zu bekommen.

Die Schaffung von Gewässerrandstreifen und der Einbau von Steinschlagnetzen als Grabschutz seien häufig geeignete Maßnahmen, neben der Absenkung von Biberdämmen. Die Offenlegung von Kanälen und die Ableitung von Wasser in einem renaturierten Bachlauf mache den Kampf gegen Biberdämme überflüssig. Auch die Verlegung von Bächen mache im Einzelfall Sinn.

Ziel der Gespräche und Regelungen zwischen der Gemeinde und den Eigentümern müsse es sein, dass niemand durch den Biber geschädigt werde, so Josef Grom. In einigen Fällen riet der Experte zum Flächentausch, um dem Biber einen Lebensraum zu geben, der ihn davon abhält, außerhalb aktiv zu werden. „Der Biber reguliert sich selbst, wenn er alle Reviere besetzt hat“, machte Grom deutlich, und relativierte damit die Sorge der Betroffenen, die Population könne unkontrolliert wachsen. Auf Frage erklärte Grom, die Bachmuschel habe eine noch höhere Priorität als der Biber, was bei eventuellen Maßnahmen zu berücksichtigen sei.

Hingegen werde der Lebensraum des Steinkrebses durch den Biber nicht tangiert. Im Rahmen eines zu erstellenden Gewässerentwicklungsplans ließen sich viele Dinge regeln, empfahl Josef Grom. Bürgermeister Martin Krämer sagte, „das habe ich auf meiner Agenda“. Außerdem müsse bis 2030 nach der Gesetzeslage seitens der Gemeinde ein Biotopverbundplan erstellt werden. Zudem erinnerte Grom an das bayerische Modellprojekt, an das auch das Regierungspräsidium Tübingen sich anlehne, um im Einzelfall Biber fangen und töten zu können.

Grundstückstausch empfohlen

Neben dem Eisweiher waren am Schleichhau der Marchbach und der Birkenzeilgraben weitere Stationen, ferner der Lettenbach beim Enzhau und bei Datthausen. Den Abschluss nach viereinhalb Stunden bildeten der Hühlbach südlich und nördlich von Luppenhofen. Dort kritisierte Josef Grom eine latente Tiefenerosion des Hühlbachs, und empfahl dem Eigentümer dringend einen Grundstückstausch, um die Probleme hinter sich zu lassen, und dem Biber einen Lebensraum zu geben.

Josef Grom machte dabei deutlich, dass es kein Rundumsorglospaket geben könne, ansonsten müsse der Staat letztlich auch Beeinträchtigungen ausgleichen, die die Essigfliege hervorrufe. Sein Fazit lautete, der Mensch müsse sich mit dem Biber arrangieren, die Gemeinde halte durch ihr Verhandlungsgeschick den Schlüssel zur Vermeidung bzw. Lösung von Konflikten in der Hand. Der vor zehn Jahren entstandene Eisweiher, der im ersten Obermarchtaler Biberrevier durch einen Geländetausch unter Einbeziehung des Landes erfolgt sei, sei ein positives Beispiel.

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